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1.11.2010 | Von:
Golz, Hans-Georg

Editorial

Der Gesundheitsmarkt zählt in den meisten Industriestaaten mittlerweile zu den wichtigsten Wirtschaftssektoren. Es wird offenbar immer lukrativer, Kranke und Gesunde zu untersuchen und zu behandeln. Bei einer von betriebswirtschaftlichen Parametern dominierten Sichtweise droht indes auf der Strecke zu bleiben, was Jahrhunderte lang zum hohen gesellschaftlichen Ansehen der Heilkunst und des Arztberufs beigetragen hat: Zeit, Empathie und eine ausschließlich der Gesundheit des Einzelnen und der Allgemeinheit dienende Therapie.

Seit Jahrzehnten wird die Gesundheitspolitik von steigenden Kosten bei stetig schrumpfenden Einnahmen der gesetzlichen Krankenkassen geprägt. Als Hauptgründe für die prekäre Lage des aus dem 19. Jahrhundert stammenden, auf dem Solidaritätsprinzip beruhenden Modells sozialer Sicherung werden immer wieder genannt: steigende Arbeitskosten und immer weniger Erwerbstätige und damit Beitragszahler, der demografische Wandel, der teure medizinisch-technologische Fortschritt und eine höhere Lebenserwartung.

Die jüngste Gesetzesreform bewegt sich auf vorgezeichneten Pfaden. Beitragserhöhungen für Arbeitnehmer und - allerdings gedeckelt - für Arbeitgeber sowie eine Überprüfung des Leistungskatalogs der Kassen sollen den Kollaps eines teuren, verschwendungsanfälligen und wenig transparenten Systems vermeiden und Milliardenlöcher stopfen helfen. Doch mehr Geld bedeutet nicht unbedingt mehr Qualität. Ein Interessengeflecht von Berufsverbänden und Lobbygruppen der Versicherungen, Ärzte, Krankenhäuser, Apotheker und der florierenden Pharmaindustrie lässt eine nachhaltige Lösung innerhalb des Systems als unwahrscheinlich erscheinen. Mit Steuerung durch mehr Wettbewerbsstrukturen allein dürfte es nicht getan sein.