APUZ Dossier Bild

1.11.2010 | Von:
Paul U. Unschuld

Kranke als Ressource, Gesundheit als Ware - Essay

Erstmals ist Kranksein volkswirtschaftlich mindestens so wertvoll wie die Gesundheit der Bevölkerung. Der Druck auf die Politik, Gesundheit für alle zu gewährleisten, ist gesunken.

Einleitung

Die Botschaft ist unmissverständlich: Das bisherige Gesundheitswesen war eine unscheinbare, hässliche Raupe. Aus ihr hat sich in natürlichem Wandel ein wunderschöner Schmetterling entpuppt, welcher der Sonne entgegenfliegt. Aussagekräftiger hätten sich die Gestalter das Titelblatt der Zeitschrift "Gesundheitswirtschaft" im April/Mai 2007 kaum denken können. "Metamorphose. Aus dem Gesundheitswesen erwächst die Gesundheitswirtschaft" lautete die Unterschrift. Nicht in einer Zeichnung, sondern mit Worten hat der "Trendreport Gesundheitswirtschaft" im April 2010 die Richtung der neuen Dynamik formuliert: "Im expertendominierten Gesundheitsmarkt wird aus Sicht der Akteure gedacht und gehandelt. Zuerst kommt deshalb zunächst einmal immer die eigene Institution. Meine Praxis, mein Krankenhaus, meine Apotheke lautet das Maß aller Dinge."

Die Alternative kann nur lauten: In Zukunft dürfen im Gesundheitsmarkt weder die Experten noch die Akteure im Zentrum der Entscheidung stehen. Ärzte sind nicht mehr die "Halbgötter in Weiß", sondern unansehnliche Raupen, die alles in sich selbst hineinfressen. Der Schmetterling, der sich aus der Raupe befreit hat, wird das ändern. Er ist der Investor, der sich aus der Eigensucht der Ärzte und Apotheker befreit und eine sonnige Zukunft verheißt.

Ist das Satire? Kaum. Schon an diesen beiden Mosaiksteinchen wird ein Wandel sichtbar, der sich vor Jahrzehnten andeutete und der nun seine ganze Kraft entfaltet. Es geht um die Reform eines Gesundheitswesens, das den Gesunden als Maß aller Dinge ansah und Krankheit als einen Zustand, den es zu verhindern, oder doch so schnell wie möglich in Gesundheit zurückzuführen trachtete. Mit der Einführung einer "Gesundheitswirtschaft" haben wir eine historisch neue Dimension des gesamtgesellschaftlichen Umgangs mit Kranksein und Gesundheit erreicht. Erstmals in der Zivilisationsgeschichte ist der Kranke volkswirtschaftlich mindestens so wertvoll wie der Gesunde. Der Kranke stellt in der Gesundheitswirtschaft einen Wert dar, eine Ressource, und die Frage, wie man damit umgeht, beantwortet sich fast von selbst. Gesunde oder Leichtkranke müssen, so ein krankenkasseninterner Ausdruck, "zielgerichtet verkrankt" werden, der "HIV-Patient ist", so ein prominentes Aufsichtsratsmitglied einer privaten Betreibergesellschaft von Krankenhäusern, "ein unheimlich lukrativer Kunde". Da fragt man sich, wer, außer den Betroffenen selbst, ein Interesse daran haben könnte, dass dieser "lukrative Kunde" aus dem Gesundheitsmarkt verschwindet.