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1.11.2010 | Von:
Diana Sahrai
Uwe H. Bittlingmayer

Gesundheitliche Ungleichheit. Plädoyer für eine ethnologische Perspektive

Versuche zur Reduktion gesundheitlicher Ungleichheit zielen vor allem auf die Veränderung individuellen Verhaltens. Dabei ist eine ergänzende ethnologische Perspektive auf kulturelle Dimensionen gesundheitlicher Ungleichheit notwendig.

Einleitung

Nachdem in Deutschland im internationalen Vergleich mit Verspätung registriert worden ist, dass es auch hierzulande eine erhebliche sozial bedingte Ungleichheit gesundheitlicher Zustände in der Bevölkerung gibt, lässt sich seit etwa einem Jahrzehnt ein emsiges Sammeln von sozialepidemiologischen Daten beobachten. Diese Daten sollen darüber Auskunft geben, welche Bevölkerungsgruppen aufgrund welcher Merkmale besonders von Krankheiten und vorzeitigem Tod bedroht sind.

Aus der Literatur wissen wir zunächst, dass das verfügbare Einkommen für eine Reihe von Krankheiten und für die Lebenserwartung eine sehr bedeutsame Rolle spielt.[1] Allein auf der Grundlage der Zugehörigkeiten zu Einkommensgruppen ergeben sich Ungleichheiten in der Lebenserwartung zwischen den einkommensärmsten sozialen Gruppen oder unteren sozialen Schichten einerseits und den einkommensreichsten sozialen Gruppen oder den höheren sozialen Schichten andererseits. Auch wenn die errechneten Lebenserwartungsdifferenzen zwischen gut und schlecht gestellten Personen variieren: Eine immer wieder zitierte Studie von Karl Lauterbach und anderen aus dem Jahr 2006 errechnet eine durchschnittliche Lebenserwartung von Frauen, die ein monatliches Bruttoeinkommen von weniger als 1500 Euro zur Verfügung haben, von 78,4 Jahren, im Gegensatz zu Frauen, die über ein monatliches Bruttoeinkommen von mehr als 4500 Euro verfügen, von 87,2 Jahren. Bei Männern ist die Differenz ebenso ausgeprägt: Männer, die weniger als 1500 Euro Bruttoeinkommen besitzen, leben im Durchschnitt 71,1 Jahre, während Männer, die mehr als 4500 Euro monatliches Bruttoeinkommen aufweisen, mit einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 80 Jahren rechnen können (siehe die Abbildung der PDF-Version).[2]

Auch das Bildungsniveau wird in sozialepidemiologischen Studien immer wieder als besonders relevante Stellgröße für die individuelle Gesundheit hervorgehoben.[3] Je geringer das individuelle Bildungsniveau - so könnte man zunächst ganz allgemein zusammenfassen -, desto größer die Wahrscheinlichkeit einer ganzen Reihe von Krankheiten wie Herz-Kreislauferkrankungen, Skeletterkrankungen oder Depressionen. Einer der bedeutendsten Sozialepidemiologen in Deutschland, der sich um die Diskussion gesundheitlicher Ungleichheiten in Deutschland besonders verdient gemacht hat, ist Andreas Mielck. In einer den Forschungsstand gut zusammenfassenden Studie zeigt er auf, dass allein der Erwerb des Abiturs eine deutliche Differenz in der Lebenserwartung markiert (bei Männern von 3,3 Lebensjahren, bei Frauen von 3,9 Lebensjahren).[4]

Das verfügbare Einkommen und das erreichte Bildungsniveau sind aber keineswegs die einzigen gesundheitsrelevanten Ressourcen. Wir wissen ferner, dass sich beispielsweise die berufliche Position, Arbeitslosigkeit oder die Beschaffenheit des sozialen Nahraums - zum Beispiel ein sozial segregierter Wohnort oder eine Hochhaussiedlung, die als sozialer Brennpunkt gilt - ungünstig auf die Gesundheit auswirken. Insbesondere für räumliche Effekte auf die Gesundheit liegen für Deutschland sehr wenige Daten vor. Ein Seitenblick auf die USA offenbart im Hinblick auf gesundheitliche Ungleichheit ein Schreckensszenario: "Research (...) using official data from twenty-three rich and poor areas in the United States found that white women who had reached the age of sixteen and were living in the richest areas could expect to live until they were eighty-six years old, compared to seventy for black women in the poorest areas of New York, Chicago, and Los Angeles - a difference of sixteen years. Similarly, sixteen-year-old white men living in rich areas could expect to live until they were seventy-four or seventy-five, whereas black men in the poorest areas could expect to live to only about fifty-nine. The difference in life expectancy between whites in rich areas and blacks in poor areas of the United States was close to sixteen years for both men and women."[5]

In den Gesundheitswissenschaften und der Sozialepidemiologie liegen mittlerweile eine große Anzahl von Untersuchungen, Studien und Daten vor, mit denen sich das bedrohliche Ausmaß gesundheitlicher Ungleichheit auch für Deutschland abschätzen lässt. Dass es gesundheitliche Ungleichheit in Deutschland gibt, ist eindeutig. Offen ist im Augenblick, ob sie in den vergangenen Jahren zugenommen hat - wofür einige Anzeichen sprechen - und wie die stetige Reproduktion gesundheitlicher Ungleichheit zu erklären ist.

Fußnoten

1.
Maßgeblich zur Rolle des Einkommens sind die Studien des britischen Sozialepidemiologen Richard Wilkinson und seiner Kollegin Kate Pickett. Vgl. Richard G. Wilkinson/Kate E. Pickett, Das Problem relativer Deprivation. Warum einige Gesellschaften erfolgreicher sind als andere, in: Ullrich Bauer u.a. (Hrsg.), Health Inequalities. Determinanten und Mechanismen gesundheitlicher Ungleichheit, Wiesbaden 2008, S. 59-86; dies., Gleichheit ist Glück. Warum gerechte Gesellschaften für alle besser sind, Frankfurt/M. 2009.
2.
Die Abbildung und die Zahlen sind entnommen aus: Karl Lauterbach u.a., Zum Zusammenhang zwischen Einkommen und Lebenserwartung. Studien zu Gesundheit, Medizin und Gesellschaft 2006, Köln 2006, S. 7; eine Lebenserwartungsdifferenz von fünf Jahren für Frauen und von zehn Jahren für Männer findet sich in: Anette Reil-Held, Einkommen und Sterblichkeit in Deutschland: Leben Reiche länger?, Mannheim 2000.
3.
Eine gute Übersicht über die Zusammenhänge liefern John Mirowsky/Catherine Ross, Education, Social Status and Health, New York 2003; für den deutschen Sprachraum sind die Studien von Thomas Abel und Mitarbeitenden zentral, z.B.: Thomas Abel u.a., Kulturelles Kapital, kollektive Lebensstile und die soziale Reproduktion gesundheitlicher Ungleichheit, in: Matthias Richter/Klaus Hurrelmann (Hrsg.), Gesundheitliche Ungleichheit. Grundlagen, Probleme, Perspektiven, Wiesbaden 2006.
4.
Vgl. Andreas Mielck, Soziale Ungleichheit und Gesundheit. Einführung in die aktuelle Diskussion, Bern 2005, S. 16.
5.
Richard G. Wilkinson, The Impact of Inequality, New York-London 2005, S. 14f.