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4.10.2010 | Von:
Nikolaus Werz

Revolutionsmythen zu Lateinamerika

Selektive Wahrnehmung der Revolutionen

"Revolutionen spielen sich nicht nur auf Erden ab, sie spielen auch am Himmel; will sagen: nicht nur in der Praxis, sondern auch in den Köpfen."[5] Entgegen dem inflationären Gebrauch des Wortes revolucion in Lateinamerika sowie der Vorstellung von einer "revolutionären Region" ist die Zahl der tatsächlichen Revolutionen übersichtlich. Einige rechnen bereits die Unabhängigkeitsbewegungen Anfang des 19. Jahrhunderts dazu, ansonsten werden Mexiko (1910ff.), Bolivien (1952), Kuba (1959) und Nicaragua (1979) genannt.[6] Zumindest in der frühen Bundesrepublik stieß die in Lateinamerika verbreitete Überhöhung der Befreier (libertadores) von Spanien bei einer skeptischen Generation auf wenig Gegenliebe.[7] Während die Mexikanische Revolution aufgrund der literarischen und politischen Bedeutung einiger Exilanten in der DDR auf Interesse stieß,[8] erlangte Lateinamerika im Nachkriegsdeutschland wenig Aufmerksamkeit.

Zum Ursprungsmythos sollte die Kubanische Revolution von 1959 werden. Fast scheint es so, als ob Lateinamerika erst jetzt in der politischen Öffentlichkeit und Wissenschaft auftaucht. In der Bundesrepublik erschienen Anfang der 1960er Jahre mehrere Bücher über Kuba, zum Teil von Fernsehjournalisten geschrieben. In der DDR erfasste das Thema auch die Unterhaltungsliteratur. Wo lagen die Gründe für diese außerordentliche Wirkung? Die Revolution fand im Hinterhof der USA statt. Sie fiel in die Zeit des Kalten Krieges, mit der Kuba-Krise 1962 drohte ein Dritter Weltkrieg. Und: Kuba ist eine Insel und von daher besonders mythenfähig. Hinzu kamen die handelnden Akteure. Guerilleros mit unverwechselbaren Bärten (barbudos) standen gegen einen korrupten Diktator, der als Handlanger von US-Regierungen galt. Der Kampf David gegen Goliath schien sich bis in die unmittelbare Gegenwart fortzusetzen und diente zur Rechtfertigung autoritärer und personalistischer Herrschaft.

Die nach außen undogmatisch und unkonventionell auftretenden Revolutionäre fanden zunächst starken Anklang bei europäischen Intellektuellen, aber auch bei Menschen, die kritisch gegenüber dem real existierenden Sozialismus eingestellt waren. Da die kubanische Regierung einen Weg zwischen den Blöcken gehen wollte und Differenzen zur UdSSR und auch zur DDR bekundete, blieb sie für die 68er-Bewegung und danach zumindest ein Referenzpunkt. Die Solidaritätsbewegung in der Bundesrepublik blieb allerdings sehr viel schwächer als später zu Chile und Nicaragua, zumal sie vor allem aus dem Umkreis der DKP hervorging. Prognosen von einem baldigen Ende des tropischen Sozialismus erwiesen sich nach 1990 als ebenso verfehlt wie die Annahme vom Ende des Mythos.[9] Der dem erkrankten Fidel Castro zugesprochene Satz "Wenn ich eines Tages sterbe, wird es keiner glauben", bringt diese Paradoxie zum Ausdruck.

Fußnoten

5.
Dietrich Harth, Revolution und Mythos. Sieben Thesen zur Genesis und Geltung zweier Grundbegriffe historischen Denkens, in: ders./Jan Assmann (Hrsg.), Revolution und Mythos, Frankfurt/M. 1992, S. 11.
6.
Pierre Vayssiére zählt die Unabhängigkeitsrevolutionen dazu, nicht aber Bolivien; vgl. Les révolutions d'Amérique latine, Paris 2001.
7.
Dazu jetzt: Stefan Rinke, Revolutionen in Lateinamerika. Wege in die Unabhängigkeit 1760-1830, München 2010. Die wohl nach wie vor beste Bolívar-Biografie wurde von einem Exilanten verfasst und in deutscher Sprache nicht wieder aufgelegt: Gerhard Masur, Simon Bolívar, Konstanz 1949.
8.
Vgl. Wolfgang Kießling, Exil in Lateinamerika, Leipzig 1980.
9.
Vgl. Frank Niess, Ist die Kubanische Revolution noch ein Mythos?, in: Ottmar Ette/Martin Franzbach (Hrsg.), Kuba heute, Frankfurt/M. 2001, S. 271-289.

Dossier

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