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4.10.2010 | Von:
Nikolaus Werz

Revolutionsmythen zu Lateinamerika

Lateinamerika in den Medien

Von den 1960er Jahren an schienen die Konflikte in Lateinamerika Teil der kubanischen Revolutionsstrategie zu sein und unter dem Vorzeichen des Kalten Krieges abzulaufen. Nun begannen die großen Tageszeitungen in der Bundesrepublik und der Schweiz regelmäßig zu berichten. Lateinamerika galt als "Washingtons größtes Sorgenkind" (Die Tat, 5.4.1964), von einem "explosiven Subkontinent" war anlässlich der Südamerikareise von Bundespräsident Heinrich Lübke die Rede (Die Welt, 24.4.1964). Mit dem Aufmacher "Eine Minute vor Mitternacht" begann eine Artikelserie von Claude Jacoby in "Die Weltwoche" 1965. In "Revolution und Reform in Lateinamerika" (FAZ, 12.5.1965) wurden die politischen und sozialen Bewegungen in den wichtigsten Staaten vorgestellt. "Rote Gefahr in Lateinamerika?" lautete ein Artikel in den Baseler Nachrichten (25.12.1965). "Ist die Demokratie in Lateinamerika gescheitert? Ein Überblick, der wenig Hoffnung lässt" hieß es im Tages-Anzeiger (26.8.1967). Und die Titelseite von "Der Spiegel" (36/1970), mit dem eine Serie über Lateinamerika begann, lautete: "Tupamaros und Guerillas. 'Da hilft nur noch Gewalt'".

Im Verlauf der 1970er Jahre setzte ein Wandel ein. Der Aufschwung der Guerilla schien nach der Ermordung Che Guevaras 1967 in Bolivien nachzulassen. Die Streitkräfte, die sich in Ländern wie Peru und Panama als "Reformer in Uniform" präsentierten oder aber als technokratische Militärregime mit einer Doktrin der nationalen Sicherheit, so in Brasilien bereits ab 1964 und die gegenrevolutionäre Militärdiktatur in Chile ab 1973, führten zum Bild vom Halbkontinent der Generäle. Die Re-Demokratisierung der 1980er Jahre wurde nicht zum Gegenstand großer Artikelserien. In einzelnen Kommentaren schimmerte Skepsis gegenüber den "neuen Demokratien" durch, besonders im Jahr 1992, als die Entdeckung bzw. Eroberung Lateinamerikas 500 Jahre zurücklag. Ein Leitartikel von Volker Skierka in der "Süddeutschen Zeitung" vom 9.4.1992 mit dem Titel "Neue Chancen für alte Putschisten" meinte, "dass in vielen Ländern die Demokratie nichts weiter als eine Diktatur auf Urlaub ist".

Nach 1989/90 verlagerte sich das Interesse der deutschen Medien auf Europa.[10] Erst seit zehn Jahren, seitdem von einem Linksruck die Rede ist, wird wieder mehr berichtet. Heute bestehen in Lateinamerika Wahldemokratien, und die Politik unterscheidet sich in manchen Aspekten gar nicht mehr so sehr von der in Europa. Allerdings hat bei den Meldungen nur das Konjunktur, "was politisch aus dem Rahmen fällt: etwa massive Protestbewegungen, Präsidentenstürze, schwere Wirtschaftskrisen".[11] Ansonsten rufen Naturkatastrophen Aufmerksamkeit hervor. Zunehmend handelt es sich um "Hauptstadt-Journalismus", da die immer geringere Zahl von Auslandskorrespondenten weitgehend aus Metropolen berichtet.

Fußnoten

10.
Vgl. Hildegard Stausberg (Hrsg.), Lateinamerika heute: Wirtschaft, Politik, Medien, Berlin 1997.
11.
Eva Karnofsky, Zur Lateinamerika-Berichterstattung der deutschen Tagespresse, in: Peter Birle/Friedhelm Schmidt-Welle (Hrsg.), Wechselseitige Perzeptionen: Deutschland - Lateinamerika im 20. Jahrhundert, Frankfurt/M. 2007, S. 219-240.

Dossier

Lateinamerika

Lateinamerika befindet sich mitten im Umbruch. Demokratische Strukturen haben sich etabliert, doch die soziale Anspannung ist geblieben. Das Dossier schildert die jüngsten politischen Entwicklungen in 19 Staaten. Im Mittelpunkt stehen zudem die sozialen Bewegungen, aber auch Themen wie Bildung, Emanzipation und Menschenrechte.

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