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4.10.2010 | Von:
Nikolaus Werz

Revolutionsmythen zu Lateinamerika

Solidaritätsbewegungen in der Bundesrepublik

In der Bundesrepublik kam es in den 1970er Jahren zu intensiven Debatten um die "Entwicklungshilfe" und die "Dritte Welt". Die neuen Solidaritätsbewegungen, die aus studentischen und kirchlichen Kreisen stammten, waren teils gegen den eigenen Staat gerichtet, teils befanden sie sich in kritischer Distanz.[12] Dies bildet den zentralen Unterschied zur DDR.

Auf die 1968er übten die Befreiungsbewegungen aus der "Dritten Welt" große Faszination aus. Im Vordergrund standen allerdings China, Vietnam und partiell Kuba.[13] Dass die Befreiungsbewegungen jung waren und ihre Ziele ungenau blieben, erhöhte eher ihre Attraktivität, ermöglichte es doch einen Ausweg aus dem Blockdilemma und eine Absetzung vom real existierenden Sozialismus im Osten. Die Solidaritätsbewegungen zu Lateinamerika speisten sich vor allem aus zwei Quellen: kirchliche Gruppen, wie etwa die "Aktion Dritte Welt" in Freiburg, sowie ein internationalistischer und radikaler Flügel des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), der später teilweise in die K-Gruppen überging. Etliche Mitglieder der maoistischen Gruppen besaßen eine Präferenz für China oder Albanien. Solidarität mit Lateinamerika wurde auch von den parteinahen Stiftungen, internationalen Parteiverbänden und kirchlichen Hilfswerken angekündigt.

Kuba 1959: Vom Kalten Krieg zum Mythos.
In der Bundesrepublik entstand zunächst keine Solidaritätsbewegung mit Kuba. Die Revolution wurde im Zusammenhang mit dem Kalten Krieg interpretiert, und auch von sozialdemokratischen Autoren überwogen zunächst die kritischen Auseinandersetzungen.[14] Innerhalb der Studentenbewegung folgten die maoistischen und spontaneistischen Gruppen eher dem Vorbild Ernesto "Che" Guevara und der Theorie von einem Guerillafokus von Régis Debray, dagegen wandte sich die Kritik der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) und des Marxistischen Studentenbundes (MSB) Spartakus.[15] Erst die Affäre um den von der Regierung inhaftierten Schriftsteller Herberto Padilla, der später "Selbstkritik" übte, führte zu einer Debatte über Kuba. Hans Magnus Enzensberger widmete ihm sein Stück "Das Verhör von Habana" von 1972. Im selben Jahr erschien im "Kursbuch" eine Kritik von Günter Maschke an den kubanischen Verhältnissen.[16] Maschke, vormals SDS-Mitglied, der nach einer Verhaftung nach einer Vietnamdemonstration 1968 politisches Asyl in Kuba erhielt, galt hinfort als "Renegat" in der Studentenbewegung.

Im Verlaufe der 1980er Jahre gewann der tropische Sozialismus bei verschiedenen Sozialdemokraten und Jungsozialisten an Sympathie. Der damalige stellvertretende SPD-Vorsitzende Oskar Lafontaine besuchte 1988 die Insel und wurde von Castro empfangen. Gerhard Schröder hatte als einziges lateinamerikanisches Land vor seiner Wahl zum Bundeskanzler Kuba besucht, was in Teilen der US-Öffentlichkeit bei seinem Amtsantritt 1998 mit Überraschung kommentiert wurde. Über die Jahre hat der Mythos von der kubanischen Revolution in Deutschland eher zugenommen. In den 1970/80er Jahren galt es vorübergehend als "Entwicklungsmodell", es liegen zahlreiche Biographien zu Castro in deutscher Sprache vor. Viele Kubaner haben ihre Heimat verlassen, viele Touristen besuchen die Insel: "Von der touristischen Exploitation dieses Juwels lebt die militärisch-politische Nomenklatura in Havanna seither, argwöhnische Verwalter einer charmanten Ruine aus vorrevolutionärer Zeit, eines gut überwachten 'Buena Vista Social Club', voller Devisenträger und Touristen, schöner junger Frauen und munterer 90-Jähriger (...)."[17]

Chile 1973: Friedlicher Weg zum Sozialismus?
Die Solidaritätsbewegung wurde zunächst von den Chile-Komitees an den Universitäten getragen. In ihnen waren auch Vertreter anderer studentischer Gruppen bzw. Parteien vertreten. Sie trafen sich auf Bundesebene, in Berlin wurden die "Chile-Nachrichten" gegründet, aus denen die bis heute erscheinenden "Lateinamerika-Nachrichten" hervorgingen. Einen sichtbaren Höhepunkt bildeten die Aktionen beim Spiel der Fußballweltmeisterschaft zwischen der Bundesrepublik und Chile im Berliner Olympiastadion im Juni 1974; die Sprechchöre "Chile Si - Junta No" konnten damals sogar die Häftlinge im Nationalstadion in Santiago de Chile bei der Fernsehübertragung wahrnehmen. Zum einen führten die Mitglieder der Komitees am chilenischen Beispiel Diskussionen über den Weg zum Sozialismus,[18] zum anderen ging es um die Organisation der Aufnahme von Flüchtlingen in der Bundesrepublik. Hier waren auch Teile der in Bonn regierenden Sozialdemokraten, Gewerkschaftler und die Jusos aktiv.[19] Für Chile engagierten sich Hans-Jürgen Wischnewski, der nach zahlreichen Sondermissionen im arabischen Raum und Lateinamerika den Beinamen "Ben Wisch" erhielt, und der damalige parlamentarische Staatssekretär im Entwicklungshilfeministerium, Hans Matthöfer, der das Pinochet-Regime eine "Mörderbande" nannte. Aus dem Lager der Opposition schlug sich nur Norbert Blüm, damals Hauptgeschäftsführer der Sozialausschüsse der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA) und späterer Arbeitsminister, auf seine Seite.[20]

Die Beschäftigung mit Chile war auch deshalb so ausgeprägt, weil dort ein mit Europa vergleichbares Parteiensystem vorhanden war. Sowohl Chile als auch später Nicaragua wurden damit zum Thema der deutschen Innenpolitik. Die Zahl der von der Bundesrepublik aufgenommenen Chilenen war schon Mitte der 1970er Jahre höher als in der DDR. Sie sollte in der Folgezeit weiter ansteigen, da viele Exil-Chilenen aus der DDR in den Westen wechselten.

Argentinien 1976: Menschenrechte und Außenpolitik.
Der Peronismus bot als Populismus keine unmittelbaren Anknüpfungspunkte für eine Solidaritätsbewegung. Erst durch das Schicksal der in Argentinien verhafteten und verschwundenen Deutschen gelangte das Thema in die Öffentlichkeit. Gegenüber der Bundesregierung und dem Auswärtigen Amt wurde der Vorwurf erhoben, dass sie sich nicht ausreichend für sie eingesetzt hätten. Im Juli 1976 organisierte die Gruppe "Initiative Freiheit für Klaus Zieschank" anlässlich des Besuches des argentinischen Wirtschaftsministers einen Hungerstreik in Bonn. 1999 erhob Rechtsanwalt Konstantin Thun im Auftrag der "Koalition gegen Straflosigkeit" Strafanzeige in Deutschland gegen sieben argentinische Militärs im Zusammenhang mit der Ermordung Zieschanks. Drei Jahre später erließ das Amtsgericht Nürnberg Haftbefehl gegen den Chef der Militärjunta Jorge Videla und zwei weitere Militärs.[21]

Nicaragua 1979: Revolution, Christentum,


Autonomie.
Nicaragua gewann in Deutschland eine im europäischen Vergleich bemerkenswerte Popularität. Die heterogene Solidaritätsbewegung wies eine Vielfalt von Gruppen auf, über 15000 Deutsche bereisten während der Revolutionsregierung (1979-1990) das Land und engagierten sich in den unterschiedlichsten Projekten.[22] 1983 wurde der Arzt Tonio Pflaum, 1986 der Gewerkschaftler Berndt Koberstein von den antisandinistischen Contras in Nicaragua ermordet. Die Gründe für die Attraktivität Nicaraguas müssen auch in der deutschen Diskussion über Neutralismus, Pazifismus und Anti-Nuklearismus gesehen werden: Nicaragua erschien als Land, dessen autonomer Entwicklungsweg durch den Koloss im Norden eingeengt wurde, eine Parallele zur Situation in der Bundesrepublik, wo zu Beginn der 1980er Jahre die Stationierung neuer Atomwaffen und Raketen bevorstand, drängte sich auf. Vor diesem Hintergrund erklärt sich möglicherweise auch die in der Rückschau eigenartige Konstellation von Friedenstaube und Maschinengewehr, die sich in nicht wenigen der zahlreichen Publikationen finden lässt. Sie äußerte sich auch in der Kontroverse über deutsche Wehrdienstverweigerer, die in Nicaragua mit der Waffe in der Hand für die Verteidigung der Revolution eintraten. Besondere Faszination ging von der Verbindung von "Christentum und Revolution" aus; der Priester Ernesto Cardenal, der 1980 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten hatte, war bis 1987 Kultusminister in der Sandinistischen Regierung und begrüßte nicht wenige Solidaritätsarbeiter persönlich am Flughafen.

Die hohe Bedeutung, die Nicaragua in der deutschen Innenpolitik der 1980er Jahre gewann, lässt darauf schließen, dass es auch um die Erfüllung eigener Utopien ging. Die Solidarität mit Nicaragua und später mit der Befreiungsbewegung in El Salvador bedeutete eine Absage an die traditionelle Machtpolitik einer Weltgesellschaft, als deren Opfer sich die Friedensbewegung selbst empfand. Darüber hinaus ermöglichte sie es der mittlerweile in der Opposition stehenden SPD, sich vor der eigenen Jugendorganisation ein kritisches und antiimperialistisches Profil zu geben. Mittelamerika wurde so zu einem Spielfeld für eine verdeckte Konfrontation mit den USA. Es kam aber auch zu Kontroversen innerhalb der Sozialistischen Internationale (SI), da einige lateinamerikanische Politiker den Vorwurf äußerten, die SPD würde für fremde Länder etwas propagieren, was sie im eigenen Lande spätestens mit dem Godesberger Programm von 1959 abgelegt habe. Diesen Einwand erhob später auch der peruanische Schriftsteller Mario Vargas Llosa gegenüber Günter Grass mit Blick auf dessen Beurteilung der Revolution in Nicaragua.[23] Die innenpolitische Kontroverse wurde von den großen Parteien angeheizt. Heiner Geißler, Generalsekretär der CDU, verfasste das Vorwort zum Bericht "Wie frei ist Nicaragua?"[24] Martin Kriele, als SPD-Mitglied an der Ausarbeitung der Ost-Verträge beteiligt, schrieb ein kritisches Buch zu Nicaragua und trat aus der Partei aus.[25]

Eine Besonderheit der Solidaritätsbewegung mit Nicaragua sind zahlreiche Städtepartnerschaften, die zum Teil mit EU-Mitteln bis in die Gegenwart fortgesetzt werden. Auch nach der Abwahl der Sandinisten 1990 hielten diese Beziehungen an. Dabei hat sich das Verhältnis nach der Spaltung der sandinistischen Bewegung abgekühlt. Größere Sympathien bestehen für Sergio Ramírez und Ernesto Cardenal, die sich zuletzt kritisch gegenüber der Regierung um Daniel Ortega äußerten.[26]

Fußnoten

12.
Vgl. Werner Balsen/Karl Rössel, Hoch die internationale Solidarität. Zur Geschichte der Dritte Welt-Bewegung in der Bundesrepublik, Köln 1986.
13.
Vgl. Bastian Hein, Die Westdeutschen und die Dritte Welt. Entwicklungspolitik und Entwicklungsdienste zwischen Reform und Revolte 1959-1974, München 2006, S. 141ff.
14.
Nach wie vor lesenswert: Boris Goldenberg, Lateinamerika und die Kubanische Revolution, Köln-Berlin 1963.
15.
Kritisch zum sog. Linksrevisionismus in Europa und Lateinamerika: Wilhelm M. Breuer/Bernd Hartmann/Herbert Lederer, Revolution in Lateinamerika, Köln 1969.
16.
Günter Maschke, Kubanischer Taschenkalender, in: Kursbuch, 30 (1972), S. 129-147; ders., Kritik des Guerillero, Frankfurt/M. 1973.
17.
So Gerd Koenen, Traumpfade der Weltrevolution. Das Guevara-Projekt, Köln 2008, S. 10.
18.
Die Diskussion über den richtigen Weg zum Sozialismus hatte schon vor 1973 begonnen: vgl. Régis Debray/Salvador Allende, Der chilenische Weg, Neuwied 1972; Heinz Rudolf Sonntag, Revolution in Chile, Frankfurt/M. 1972 sowie Revolution und Konterrevolution in Chile - Analysen zu einem Lehrstück, Darmstadt-Neuwied 1974.
19.
Das Ausmaß der damaligen Diskussionen und Aktivitäten geht aus den Botschaftsakten zu Chile im Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes (PA AA) hervor.
20.
Vgl. Werner Abelshauser, Nach dem Wirtschaftswunder. Der Gewerkschafter, Politiker und Unternehmer Hans Matthöfer, Bonn 2009, S. 270ff., Kapitel "Chile: ein Traum zerplatzt".
21.
Vgl. Konstantin Thun, Menschenrechte und Außenpolitik. Bundesrepublik Deutschland - Argentinien 1976-1983, Bad Honnef 2006 (Neuaufl.).
22.
Zur Solidaritätsbewegung der Bundesrepublik liegen mehrere Untersuchungen vor: Rosemarie Karges, Solidarität oder Entwicklungshilfe? Nachholende Entwicklung eines Lernprozesses am Beispiel der bundesdeutschen Solidaritätsbewegung mit Nicaragua, Münster-New York 1995; Michael Förch, Zwischen utopischen Idealen und politischer Herausforderung. Die Nicaragua-Solidaritätsbewegung in der Bundesrepublik. Eine empirische Studie, Frankfurt/M. 1995.
23.
Vgl. Günter Grass, Epilogue, in: Martin Diskin (ed.), Trouble in our Backyard. Central America and the United States in the Eighties, New York 1984, wo Grass von einem Gefängnisbesuch mit Innenminister Tomás Borge in Nicaragua berichtete und bekundete, dass er sich als Deutscher schäme, mit den USA in einer Allianz zu sein (S. 248); Mario Vargas Llosa, Respuesta a Günter Grass, in: El País vom 30.6.1986.
24.
CDU, Nicaragua-Report. Wie frei ist Nicaragua?, Bonn 1985.
25.
Vgl. Martin Kriele, Nicaragua - das blutende Herz Amerikas, München 1985.
26.
Vgl. Sergio Ramírez, Adios Muchachos! Eine Erinnerung an die Sandinistische Revolution, Wuppertal 2001.

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Lateinamerika befindet sich mitten im Umbruch. Demokratische Strukturen haben sich etabliert, doch die soziale Anspannung ist geblieben. Das Dossier schildert die jüngsten politischen Entwicklungen in 19 Staaten. Im Mittelpunkt stehen zudem die sozialen Bewegungen, aber auch Themen wie Bildung, Emanzipation und Menschenrechte.

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