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4.10.2010 | Von:
Nikolaus Werz

Revolutionsmythen zu Lateinamerika

Staatliche Solidarität in der DDR

"Antiimperialistische Solidarität ist ein Grundprinzip der Außenpolitik unseres sozialistischen Staates", hieß es 1987.[27] Für das Jahr 1986 etwa wurde eine Gesamtsumme von rund 2,5 Milliarden Mark, 0,89 Prozent des Nationaleinkommens, an Hilfeleistungen für Entwicklungsländer und nationale Befreiungsbewegungen ausgegeben.[28]

Kuba nach 1959: "Der erste sozialistische
Staat in Amerika".
Die Beschäftigung mit Lateinamerika begann mit der Machtübernahme der Revolutionäre und der erstmaligen Aufnahme diplomatischer Beziehungen der DDR zu einem lateinamerikanischen Land Anfang 1963. Auch in den Geschichtsbüchern wurde auf Kuba und Nicaragua eingegangen. Von einer "antiimperialistischen, national-demokratischen Revolution" war die Rede. "Der Sieg der Revolution auf Kuba, auf der westlichen Hemisphäre der Erde, demonstriert überzeugend, dass der Sozialismus auch auf dem amerikanischen Kontinent auf Dauer nicht aufzuhalten ist."[29] Das Schulbuch "Geographie 8" zeigte auf dem Deckblatt wohl ein Bild von Havanna; im entsprechenden Kapitel hieß es: "Kuba ist der erste sozialistische Staat auf amerikanischem Boden. Der Machtbereich der USA wurde eingeschränkt. Kuba leistet bereits selbst aktive Hilfe und Solidarität im nationalen Befreiungskampf anderer Länder."[30] Entgegen solchen offiziellen Einschätzungen gab es deutliche Meinungsunterschiede, die geheim gehalten wurden. Die DDR-Botschaft drängte auf eine "Versachlichung der kubanischen Außenpolitik" und eine "Wiederannäherung an die Positionen der sozialistischen Länder in bedeutenden Grundfragen". Am Ende des 1974 erfolgten Staatsbesuches von Erich Honecker kam es zu Differenzen mit Castro, etwa über den Weiterverkauf von Kontingenten kubanischen Zuckers an andere Länder.[31]

Die DDR war vorübergehend der zweitwichtigste Handelspartner Kubas. Rund 30000 Vertragsarbeiter und eine wesentlich kleinere Zahl von Studierenden kamen aus Kuba in die DDR. Überschaubar blieb die Zahl von Spezialisten und Kadern, die nach Kuba gingen. Über ihre Erfahrungen wurde wenig berichtet. Umso stärker war der Mythos von der fernen Insel. Fidel Castro, Che Guevara und Tamara Bunke waren im Unterschied zu den eigenen Politikern relativ populär. Kuba war für viele ein erwünschtes Reiseziel oder sogar Projektionsfläche eines anderen Sozialismus.[32] Bei einer Rede am 17. Juni 1972 griff Castro auf dem Rostocker Thälmann-Platz das Fernweh und die Reisesehnsucht seiner Zuhörer geschickt auf. Er verglich die Wassertemperaturen von Karibik und Ostsee, nachdem er gehört hatte, dass "Helden" sogar im Winter baden würden: "In Kuba jedoch hat das Meerwasser, wenn sich der Mann in der Ostsee ein Loch in das Eis schlägt, Temperaturen von 24, 25 Grad aufzuweisen (...). Wir wissen, wie gern ihr in Kubas Meeren baden würdet. Jeder versucht das Klima auszugleichen, was er nicht hat, in diesem Falle ist es die Sonne und das Meer."[33]

Von offizieller Seite wurde vor allem Castro in den Vordergrund gerückt, während es bei den 68ern in der Bundesrepublik Che Guevara war. Einzelne Romane können als Kuba-Utopien gelten. Irmtraud Morgners "Rumba auf einen Herbst" (1963-65) spielt zur Zeit der Kuba-Krise und beschreibt die Insel als Ort der Gefahr und der Hoffnung auf einen neuen Sozialismus. Ungekürzt konnte das Buch erst 1992 publiziert werden. Wolf Biermanns Lied "Comandante Che Guevara" von 1973 war bei Linken in beiden deutschen Staaten bekannt. Artikelserien in der "Jungen Welt" und Jugendbücher betonten die Rolle von Tamara Bunke.[34] Bücher wie "Der Weg zum Rio Grande" von Eberhard Panitz 1973 dienten unter anderem dazu, die Reiselust der eingemauerten DDR-Bewohner zu befriedigen, was ebenfalls in den Filmen "Wanderlust" und "Für die Liebe noch zu mager?" geschah. Volker Brauns "Guevara oder Der Sonnenstaat" von 1983 diskutierte am Beispiel des Revolutionärs nochmals das Verhältnis von Utopie und Revolution.

Chile 1973: Nahe und doch ferne Genossen.
Die Aufnahme von chilenischen Flüchtlingen nach dem Putsch gegen die gewählte Regierung von Salvador Allende 1973 nahm im Bewusstsein der DDR einen hohen Stellenwert ein.[35] Die Kunstschaffenden kamen vor allem nach Rostock, wo sie in einer Singegruppe namens Aparcoa und einer Theatergruppe namens Teatro Lautaro zusammengefasst waren. In einem Interview berichteten chilenische Künstler von dem fatalen "Zusammenhang von Exotik und Solidarität": "Das Publikum erwartet nun schon Ponchos, Folklore und Melancholie."[36] Zu Chile bestanden auch deshalb besondere Beziehungen, weil die Tochter des Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker mit einem Chilenen verheiratet war. Die chilenische Linke hat die Aufnahme in der DDR nicht vergessen: Seit 1991 lebt Margot Honecker, die ehemalige Ministerin für Volksbildung, in der Nähe ihrer Enkelkinder in Santiago de Chile. 1993 durfte Erich Honecker nach Chile ausreisen, wo er am 29. Mai 1994 starb.[37]

Anders als die Kubaner und die Nicaraguaner durften die Exil-Chilenen in das nichtsozialistische Wirtschaftsgebiet (NSW) reisen. Dies lag daran, dass die DDR nach dem 11. September 1973 die diplomatischen Beziehungen mit Chile abgebrochen hatte. Die Exil-Chilenen waren darauf angewiesen, ihre Pässe in der Bundesrepublik zu verlängern. Auch aus diesem Grunde wurden sie vom Ministerium für Staatssicherheit (MfS) beobachtet.[38] Im Unterschied zu anderen Lateinamerikanern in der DDR kamen viele der Chilenen aus der Mittelschicht und besaßen eigene Sozialismusvorstellungen. Das Verhältnis der chilenischen Linken zur DDR führte zu einer Diskussion, nachdem 1993 das Buch von Carlos Cerda "Morir en Berlín" erschien. Der Autor, der zwölf Jahre in der DDR gewohnt hatte, zeichnete ein eher düsteres Bild des Exils. Die Exil-Chilenen mussten demnach sowohl gegenüber der eigenen Partei als auch gegenüber den Sicherheitsorganen der DDR Rechenschaft abgeben. Viele verließen die DDR noch vor dem Mauerfall. Ende 1989 lebten noch 334 Chilenen in der DDR, ferner 411 Nicaraguaner und 7999 Kubaner.[39]

Argentinien 1976: Diplomatische Zurückhaltung.
Die DDR hielt sich mit Kritik an der argentinischen Militärdiktatur stark zurück. Sie nahm zwar einzelne Mitglieder der KP Argentiniens auf, ordnete aber ihre Außenpolitik den Interessen der Sowjetunion unter, die an reibungslosen Handelsbeziehungen und Getreideimporten interessiert war. Dies mag einer der Gründe gewesen sein, warum das sehr kleine argentinische Exil in der DDR praktisch keine Rolle spielte.

Nicaragua 1989: Kooperation der Geheimdienste und Ansätze unabhängiger Solidarität.
Die DDR war das erste Land aus dem staatssozialistischen Lager, das Nicaragua anerkannte. Sie unterstützte Nicaragua mit Schulbuchmaterialien, dem prestigeträchtigen Hospital Carlos Marx in Managua, in Sicherheitsfragen und bei der geplanten Durchführung einer Währungsreform.[40] In der Endphase der DDR wurde das MfS jedoch nicht nur in der außenpolitischen und militärischen Kooperation mit dem nicaraguanischen Innenministerium aktiv. An verschiedenen Orten entstand innerhalb von kirchlichen Kreisen eine "Initiativgruppe Hoffnung Nicaragua". Spätere Bürgerbewegte sahen in Nicaragua die Chance für eine Verbindung zwischen Christentum und Sozialismus. In Jena, wo die Gruppe unter dem Eindruck eines Besuchs von Cardenal entstand, wurde ein Operativer Vorgang (OV) mit dem beziehungsreichen Titel "Ambulancia" eingeleitet. Es gelang den kirchlichen Gruppen gleichwohl, eine eigene Delegation zur Kaffeeernte nach Mittelamerika zu entsenden.

Fußnoten

27.
Vgl. Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED (Hrsg.), Sozialismus in der DDR: Gesellschaftsstrategie mit Blick auf das Jahr 2000, Berlin 1987, S. 305.
28.
Ebd., S. 308: "Die BRD wies 1981-1985 einen Mittelwert von 0,47 Prozent aus."
29.
Geschichte. Lehrbuch für Klasse 10, Berlin 1986, S. 118.
30.
Geographie. Lehrbuch für Klasse 8, Berlin 1983/84, S. 162.
31.
Dazu u.a. auf der Grundlage von Akten im Bundesarchiv und im PA AA: Nikolaus Werz, Deutschland, Lateinamerika und Kuba - Außenpolitische Beziehungen, in: Der Bürger im Staat, (2008) 2, S. 130ff., sowie die Erinnerungen eines Botschafters der DDR: Heinz Langer, Zärtlichkeit der Völker. Die DDR und Kuba, Berlin 2010, S. 68f.
32.
Das Interesse der SED an Kuba nahm in der Endphase wegen der Perestroika sogar zu: Konstantin Prignitz, Der Mythos der "Revolucion Cubana". Das Kubabild der DDR-Medien, in: Zeitschrift des Forschungsverbunds SED-Staat (ZdF), Nr. 23, (2008), S. 56-67.
33.
Fidel Castro, Uns eint brüderliche und feste Freundschaft mit der UdSSR. Rede in Rostock, 17.6.1972, in: ders., Unsere Stärke liegt in der Einheit. Besuche in der DDR, der UdSSR und in Chile, Berlin 1973, S. 62.
34.
José A. Friedl Zapata behauptet, dass sie Mitarbeiterin des MfS und des KGB gewesen sei, um Informationen über den für den Osten schwer einschätzbaren Guevara zu erhalten. Dem wurde von Seiten ihrer Mutter und von kubanischen Autoren energisch widersprochen. Vgl. José A. Friedl Zapata, Tanja. Die Frau, die Che Guevara liebte, Berlin 1997, S. 28ff.
35.
Vgl. etwa Gotthold Schramm (Hrsg.), Flucht vor der Junta. Die DDR und der 11. September, Berlin 2005.
36.
Jutta Voigt, Chilenen in der DDR, in: Sonntag, (1975) 37, S. 7.
37.
Vgl. Ed Stuhler, Margot Honecker. Eine Biografie, Wien 2003, S. 209ff.
38.
Dazu: Nikolaus Werz, Lateinamerikaner in der DDR, in: Deutschland Archiv, 42 (2009) 5, S. 849ff.
39.
Vgl. Eva-Maria Elsner/Lothar Elsner, Ausländer und Ausländerpolitik in der DDR, Berlin 1992, S. 59.
40.
Vgl. Merlin Berge/Nikolaus Werz, "Auf Tschekisten ist Verlaß". Das MfS und Nicaragua, in: ZdF, Nr. 27, (2010), S. 168-177.

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Lateinamerika befindet sich mitten im Umbruch. Demokratische Strukturen haben sich etabliert, doch die soziale Anspannung ist geblieben. Das Dossier schildert die jüngsten politischen Entwicklungen in 19 Staaten. Im Mittelpunkt stehen zudem die sozialen Bewegungen, aber auch Themen wie Bildung, Emanzipation und Menschenrechte.

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