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4.10.2010 | Von:
Nikolaus Werz

Revolutionsmythen zu Lateinamerika

Von der Revolution zur Vielfalt

"'Für Europäer ist Amerika ein Mann mit Schnauzbart, Gitarre und Revolver', sagte der Arzt über seiner Zeitung lachend. 'Sie verstehen uns nicht'."[43] Auch wenn der Literaturnobelpreisträger Gabriel García Márquez und andere Autoren des Booms lateinamerikanischer Literatur in den 1970/80er Jahren mit dem "magischen Realismus" möglicherweise selbst zu dieser Entwicklung beigetragen haben, enthält das Zitat einen wahren Kern. In Deutschland sind wichtige Bücher zu Lateinamerika kaum zur Kenntnis genommen worden. Carlos Rangels "Vom guten Wilden zum guten Revolutionär" wurde von französischen Intellektuellen gelesen, das Buch des ehemaligen mexikanischen Außenministers Jorge Castañeda "Utopia Disarmed. The Latin American Left after the Cold War" erschien in spanischer und englischer Sprache. Beide setzten sich mit dem Revolutionsmythos auseinander. Jorge Edwards "Persona non grata" über seine kurze Zeit als chilenischer Botschafter in Havanna wurde erst 2006 auf Deutsch publiziert.

Nach 1989/90 haben die großen ideologischen Entwürfe an Bedeutung verloren. Lateinamerika durchläuft die längste Phase demokratischer Herrschaft seiner Geschichte. Die Solidaritätsgruppen engagieren sich kaum noch für Regierungen, sondern für einzelne soziale Bewegungen. Kulturelle Fragen gewinnen einen immer größeren Stellenwert, der Multikulturalismus scheint sich in den Beziehungen der Nichtregierungsorganisationen zu Lateinamerika durchzusetzen. Die staatliche Entwicklungszusammenarbeit mit den südamerikanischen Ländern ist reduziert worden, Sachfragen stehen im Vordergrund.

Sind die Solidaritätsbewegungen damals Revolutionsmythen aufgesessen? Zumindest für Chile und Nicaragua lässt sich das nicht durchgängig bestätigen. Zum einen war auch in der Tagespresse und der wissenschaftlichen Literatur die Vorstellung von einer kommenden Revolution in Lateinamerika weit verbreitet. Zum anderen leitete der Kontakt mit chilenischen Flüchtlingen oder der Aufenthalt in Nicaragua Lernprozesse ein; die Geschichte der "Dritte-Welt"-Bewegung in der Bundesrepublik und deren Debatten mit der Friedensbewegung unterstreichen dies. Horst Pöttker, damals "Aktion Dritte Welt" in Freiburg, kritisierte 1982 die Überbetonung der Gewaltfrage und beklagte, "dass unsere Sichtweise zu sehr davon geprägt ist, was unseren hier in der Bundesrepublik gewonnenen Erfahrungen und Auffassungen nach dort in der Dritten Welt sein sollte, und dass wir uns zu wenig um das kümmern, was tatsächlich dort vor sich geht (...)".[44] Und der Argentinier Leopoldo Mármora erklärte bei einem Kongress der Grünen: "Menschenrechte und Demokratie, ursprünglich europäische Produkte, sind inzwischen universelles Allgemeingut aller Kontinente geworden, wo sie heute aufgegriffen und erweitert werden."[45]

Der Gegensatz zwischen Lateinamerika und den USA verliert an Bedeutung. Zudem sollen im Jahr 2040 die Latinos die größte ethnische Gruppe in den USA stellen; schon jetzt ist ihre Zahl höher als die der Afroamerikaner.[46] Einer der nächsten Präsidenten der USA könnte Sánchez heißen. Vor diesem Hintergrund verliert eine mythenfördernde Gegenüberstellung von Lateinamerika und den USA an Aussagekraft. Gleichzeitig eignen sich populistische Präsidenten, die sowohl in Lateinamerika als auch in den USA wesentlich häufiger sind als in Europa, für ein Publikum in der Bundesrepublik immer weniger für Utopien. In den kommenden Jahren wird die Einsicht zunehmen, dass die Lateinamerikaner mit fast 600 Millionen Menschen die EU zahlenmäßig überrundet haben. Einzelne Länder - wie Brasilien - schicken sich an, demnächst zu den Industrienationen vorzustoßen. Der Mythos von einem Gegensatz zwischen Zentrum und Peripherie und von einer notwendigen Revolution in Lateinamerika könnte angesichts dieser neuen Realitäten verblassen.

Fußnoten

43.
Gabriel García Márquez, Der Oberst hat niemand, der ihm schreibt, Köln 1976, S. 39.
44.
Horst Pöttker, Blinde Flecken in unserem politischen Weltbild, in: W. Balsen/K. Rössel (Anm. 12), S. 557.
45.
Leopoldo Mármora, Für eine nationale Identität, in: ebd., S. 571.
46.
Vgl. Oscar Guardiola-Rivera, What if Latin America Ruled the World? How the South Will Take the North into the 22nd Century, London 2010.

Dossier

Lateinamerika

Lateinamerika befindet sich mitten im Umbruch. Demokratische Strukturen haben sich etabliert, doch die soziale Anspannung ist geblieben. Das Dossier schildert die jüngsten politischen Entwicklungen in 19 Staaten. Im Mittelpunkt stehen zudem die sozialen Bewegungen, aber auch Themen wie Bildung, Emanzipation und Menschenrechte.

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