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4.10.2010 | Von:
Nikolaus Werz

Revolutionsmythen zu Lateinamerika

Lateinamerika durchläuft die längste Phase demokratischer Herrschaft seiner Geschichte. Der Mythos vom Gegensatz zwischen Zentrum und Peripherie und von der notwendigen Revolution könnte weiter verblassen.

Einleitung

Sowohl in der alten Bundesrepublik als auch in der DDR bestanden Mythen zu Lateinamerika. Sie hatten gemeinsame historische Wurzeln. Unter "Amerika" wurde bis ins Zeitalter der Aufklärung sowohl der Norden als auch der Süden des Kontinentes verstanden. Ein Wandel setzte erst im 18. Jahrhundert ein: Zum einen wurde mit dem Mythos vom "guten Wilden" das künftige Lateinamerika aufgewertet, zum anderen begann sich die Synonymie des Namens Amerika mit den USA durchzusetzen.[1]

Noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts spielte Amerika in den Schriften europäischer Denker eine untergeordnete Rolle. Hegel konstatierte in seinen 1822/23 in Berlin gehaltenen "Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte" ein Entwicklungsgefälle zwischen den beiden Amerikas: "In Nordamerika seht ihr das Gedeihen (...) dagegen beruhen in Südamerika die Republiken nur auf militärischer Gewalt." Seine Betrachtungen gipfelten in der häufig zitierten Stelle: "Amerika ist somit das Land der Zukunft, in welchem sich in vor uns liegenden Zeiten, etwa im Streite von Nord- und Südamerika die weltgeschichtliche Wichtigkeit offenbaren soll; es ist ein Land der Sehnsucht für alle die, welche die historische Rüstkammer des alten Europa langweilt (...)."[2]

Mit dem Aufschwung Deutschlands im Wilhelminischen Kaiserreich nahmen die Konfliktpunkte mit den USA zu. Es fällt auf, dass in zeitgenössischen Schulbüchern neben den Entdeckungsfahrten und frühen Kolonialreichen der Spanier und Portugiesen auch die Freiheitsbewegungen in Lateinamerika zu Beginn des 19. Jahrhunderts auftauchten und der Begriff Imperialismus im Zusammenhang mit der Ausdehnung des nordamerikanischen Einflussbereiches in Lateinamerika erläutert wurde.[3] Auch in der Unterhaltungsliteratur des Kaiserreiches finden sich Sympathiebekundungen für die Ureinwohner Lateinamerikas bzw. für die Sklaven und ihre Nachfahren. Karl May äußerte in verschiedenen Romanen seine Vorbehalte gegen die "Yankees" und die "Yankeegesellschaften".

Bis 1945 wurde der Antiamerikanismus eher von der politischen Rechten vorgetragen. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte ein Funktionswandel des Anti-Nordamerikanismus ein, der in der DDR Teil der Staatsdoktrin war. In den 1960er Jahren wurde der politische Antiamerikanismus aber auch Bestandteil der linken Studentenbewegung in der alten Bundesrepublik.[4] Heute beschränkt sich der Antiamerikanismus nicht auf das linke politische Spektrum. Nicht nur in Deutschland lässt sich ein teilweise kulturell aufgeladener Antiamerikanismus finden, zu dem Lateinamerika (in Frankreich der latinoamericanisme) ein nicht näher ausformuliertes Gegenbild abgibt.

Selektive Wahrnehmung der Revolutionen

"Revolutionen spielen sich nicht nur auf Erden ab, sie spielen auch am Himmel; will sagen: nicht nur in der Praxis, sondern auch in den Köpfen."[5] Entgegen dem inflationären Gebrauch des Wortes revolucion in Lateinamerika sowie der Vorstellung von einer "revolutionären Region" ist die Zahl der tatsächlichen Revolutionen übersichtlich. Einige rechnen bereits die Unabhängigkeitsbewegungen Anfang des 19. Jahrhunderts dazu, ansonsten werden Mexiko (1910ff.), Bolivien (1952), Kuba (1959) und Nicaragua (1979) genannt.[6] Zumindest in der frühen Bundesrepublik stieß die in Lateinamerika verbreitete Überhöhung der Befreier (libertadores) von Spanien bei einer skeptischen Generation auf wenig Gegenliebe.[7] Während die Mexikanische Revolution aufgrund der literarischen und politischen Bedeutung einiger Exilanten in der DDR auf Interesse stieß,[8] erlangte Lateinamerika im Nachkriegsdeutschland wenig Aufmerksamkeit.

Zum Ursprungsmythos sollte die Kubanische Revolution von 1959 werden. Fast scheint es so, als ob Lateinamerika erst jetzt in der politischen Öffentlichkeit und Wissenschaft auftaucht. In der Bundesrepublik erschienen Anfang der 1960er Jahre mehrere Bücher über Kuba, zum Teil von Fernsehjournalisten geschrieben. In der DDR erfasste das Thema auch die Unterhaltungsliteratur. Wo lagen die Gründe für diese außerordentliche Wirkung? Die Revolution fand im Hinterhof der USA statt. Sie fiel in die Zeit des Kalten Krieges, mit der Kuba-Krise 1962 drohte ein Dritter Weltkrieg. Und: Kuba ist eine Insel und von daher besonders mythenfähig. Hinzu kamen die handelnden Akteure. Guerilleros mit unverwechselbaren Bärten (barbudos) standen gegen einen korrupten Diktator, der als Handlanger von US-Regierungen galt. Der Kampf David gegen Goliath schien sich bis in die unmittelbare Gegenwart fortzusetzen und diente zur Rechtfertigung autoritärer und personalistischer Herrschaft.

Die nach außen undogmatisch und unkonventionell auftretenden Revolutionäre fanden zunächst starken Anklang bei europäischen Intellektuellen, aber auch bei Menschen, die kritisch gegenüber dem real existierenden Sozialismus eingestellt waren. Da die kubanische Regierung einen Weg zwischen den Blöcken gehen wollte und Differenzen zur UdSSR und auch zur DDR bekundete, blieb sie für die 68er-Bewegung und danach zumindest ein Referenzpunkt. Die Solidaritätsbewegung in der Bundesrepublik blieb allerdings sehr viel schwächer als später zu Chile und Nicaragua, zumal sie vor allem aus dem Umkreis der DKP hervorging. Prognosen von einem baldigen Ende des tropischen Sozialismus erwiesen sich nach 1990 als ebenso verfehlt wie die Annahme vom Ende des Mythos.[9] Der dem erkrankten Fidel Castro zugesprochene Satz "Wenn ich eines Tages sterbe, wird es keiner glauben", bringt diese Paradoxie zum Ausdruck.

Lateinamerika in den Medien

Von den 1960er Jahren an schienen die Konflikte in Lateinamerika Teil der kubanischen Revolutionsstrategie zu sein und unter dem Vorzeichen des Kalten Krieges abzulaufen. Nun begannen die großen Tageszeitungen in der Bundesrepublik und der Schweiz regelmäßig zu berichten. Lateinamerika galt als "Washingtons größtes Sorgenkind" (Die Tat, 5.4.1964), von einem "explosiven Subkontinent" war anlässlich der Südamerikareise von Bundespräsident Heinrich Lübke die Rede (Die Welt, 24.4.1964). Mit dem Aufmacher "Eine Minute vor Mitternacht" begann eine Artikelserie von Claude Jacoby in "Die Weltwoche" 1965. In "Revolution und Reform in Lateinamerika" (FAZ, 12.5.1965) wurden die politischen und sozialen Bewegungen in den wichtigsten Staaten vorgestellt. "Rote Gefahr in Lateinamerika?" lautete ein Artikel in den Baseler Nachrichten (25.12.1965). "Ist die Demokratie in Lateinamerika gescheitert? Ein Überblick, der wenig Hoffnung lässt" hieß es im Tages-Anzeiger (26.8.1967). Und die Titelseite von "Der Spiegel" (36/1970), mit dem eine Serie über Lateinamerika begann, lautete: "Tupamaros und Guerillas. 'Da hilft nur noch Gewalt'".

Im Verlauf der 1970er Jahre setzte ein Wandel ein. Der Aufschwung der Guerilla schien nach der Ermordung Che Guevaras 1967 in Bolivien nachzulassen. Die Streitkräfte, die sich in Ländern wie Peru und Panama als "Reformer in Uniform" präsentierten oder aber als technokratische Militärregime mit einer Doktrin der nationalen Sicherheit, so in Brasilien bereits ab 1964 und die gegenrevolutionäre Militärdiktatur in Chile ab 1973, führten zum Bild vom Halbkontinent der Generäle. Die Re-Demokratisierung der 1980er Jahre wurde nicht zum Gegenstand großer Artikelserien. In einzelnen Kommentaren schimmerte Skepsis gegenüber den "neuen Demokratien" durch, besonders im Jahr 1992, als die Entdeckung bzw. Eroberung Lateinamerikas 500 Jahre zurücklag. Ein Leitartikel von Volker Skierka in der "Süddeutschen Zeitung" vom 9.4.1992 mit dem Titel "Neue Chancen für alte Putschisten" meinte, "dass in vielen Ländern die Demokratie nichts weiter als eine Diktatur auf Urlaub ist".

Nach 1989/90 verlagerte sich das Interesse der deutschen Medien auf Europa.[10] Erst seit zehn Jahren, seitdem von einem Linksruck die Rede ist, wird wieder mehr berichtet. Heute bestehen in Lateinamerika Wahldemokratien, und die Politik unterscheidet sich in manchen Aspekten gar nicht mehr so sehr von der in Europa. Allerdings hat bei den Meldungen nur das Konjunktur, "was politisch aus dem Rahmen fällt: etwa massive Protestbewegungen, Präsidentenstürze, schwere Wirtschaftskrisen".[11] Ansonsten rufen Naturkatastrophen Aufmerksamkeit hervor. Zunehmend handelt es sich um "Hauptstadt-Journalismus", da die immer geringere Zahl von Auslandskorrespondenten weitgehend aus Metropolen berichtet.

Solidaritätsbewegungen in der Bundesrepublik

In der Bundesrepublik kam es in den 1970er Jahren zu intensiven Debatten um die "Entwicklungshilfe" und die "Dritte Welt". Die neuen Solidaritätsbewegungen, die aus studentischen und kirchlichen Kreisen stammten, waren teils gegen den eigenen Staat gerichtet, teils befanden sie sich in kritischer Distanz.[12] Dies bildet den zentralen Unterschied zur DDR.

Auf die 1968er übten die Befreiungsbewegungen aus der "Dritten Welt" große Faszination aus. Im Vordergrund standen allerdings China, Vietnam und partiell Kuba.[13] Dass die Befreiungsbewegungen jung waren und ihre Ziele ungenau blieben, erhöhte eher ihre Attraktivität, ermöglichte es doch einen Ausweg aus dem Blockdilemma und eine Absetzung vom real existierenden Sozialismus im Osten. Die Solidaritätsbewegungen zu Lateinamerika speisten sich vor allem aus zwei Quellen: kirchliche Gruppen, wie etwa die "Aktion Dritte Welt" in Freiburg, sowie ein internationalistischer und radikaler Flügel des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), der später teilweise in die K-Gruppen überging. Etliche Mitglieder der maoistischen Gruppen besaßen eine Präferenz für China oder Albanien. Solidarität mit Lateinamerika wurde auch von den parteinahen Stiftungen, internationalen Parteiverbänden und kirchlichen Hilfswerken angekündigt.

Kuba 1959: Vom Kalten Krieg zum Mythos.
In der Bundesrepublik entstand zunächst keine Solidaritätsbewegung mit Kuba. Die Revolution wurde im Zusammenhang mit dem Kalten Krieg interpretiert, und auch von sozialdemokratischen Autoren überwogen zunächst die kritischen Auseinandersetzungen.[14] Innerhalb der Studentenbewegung folgten die maoistischen und spontaneistischen Gruppen eher dem Vorbild Ernesto "Che" Guevara und der Theorie von einem Guerillafokus von Régis Debray, dagegen wandte sich die Kritik der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) und des Marxistischen Studentenbundes (MSB) Spartakus.[15] Erst die Affäre um den von der Regierung inhaftierten Schriftsteller Herberto Padilla, der später "Selbstkritik" übte, führte zu einer Debatte über Kuba. Hans Magnus Enzensberger widmete ihm sein Stück "Das Verhör von Habana" von 1972. Im selben Jahr erschien im "Kursbuch" eine Kritik von Günter Maschke an den kubanischen Verhältnissen.[16] Maschke, vormals SDS-Mitglied, der nach einer Verhaftung nach einer Vietnamdemonstration 1968 politisches Asyl in Kuba erhielt, galt hinfort als "Renegat" in der Studentenbewegung.

Im Verlaufe der 1980er Jahre gewann der tropische Sozialismus bei verschiedenen Sozialdemokraten und Jungsozialisten an Sympathie. Der damalige stellvertretende SPD-Vorsitzende Oskar Lafontaine besuchte 1988 die Insel und wurde von Castro empfangen. Gerhard Schröder hatte als einziges lateinamerikanisches Land vor seiner Wahl zum Bundeskanzler Kuba besucht, was in Teilen der US-Öffentlichkeit bei seinem Amtsantritt 1998 mit Überraschung kommentiert wurde. Über die Jahre hat der Mythos von der kubanischen Revolution in Deutschland eher zugenommen. In den 1970/80er Jahren galt es vorübergehend als "Entwicklungsmodell", es liegen zahlreiche Biographien zu Castro in deutscher Sprache vor. Viele Kubaner haben ihre Heimat verlassen, viele Touristen besuchen die Insel: "Von der touristischen Exploitation dieses Juwels lebt die militärisch-politische Nomenklatura in Havanna seither, argwöhnische Verwalter einer charmanten Ruine aus vorrevolutionärer Zeit, eines gut überwachten 'Buena Vista Social Club', voller Devisenträger und Touristen, schöner junger Frauen und munterer 90-Jähriger (...)."[17]

Chile 1973: Friedlicher Weg zum Sozialismus?
Die Solidaritätsbewegung wurde zunächst von den Chile-Komitees an den Universitäten getragen. In ihnen waren auch Vertreter anderer studentischer Gruppen bzw. Parteien vertreten. Sie trafen sich auf Bundesebene, in Berlin wurden die "Chile-Nachrichten" gegründet, aus denen die bis heute erscheinenden "Lateinamerika-Nachrichten" hervorgingen. Einen sichtbaren Höhepunkt bildeten die Aktionen beim Spiel der Fußballweltmeisterschaft zwischen der Bundesrepublik und Chile im Berliner Olympiastadion im Juni 1974; die Sprechchöre "Chile Si - Junta No" konnten damals sogar die Häftlinge im Nationalstadion in Santiago de Chile bei der Fernsehübertragung wahrnehmen. Zum einen führten die Mitglieder der Komitees am chilenischen Beispiel Diskussionen über den Weg zum Sozialismus,[18] zum anderen ging es um die Organisation der Aufnahme von Flüchtlingen in der Bundesrepublik. Hier waren auch Teile der in Bonn regierenden Sozialdemokraten, Gewerkschaftler und die Jusos aktiv.[19] Für Chile engagierten sich Hans-Jürgen Wischnewski, der nach zahlreichen Sondermissionen im arabischen Raum und Lateinamerika den Beinamen "Ben Wisch" erhielt, und der damalige parlamentarische Staatssekretär im Entwicklungshilfeministerium, Hans Matthöfer, der das Pinochet-Regime eine "Mörderbande" nannte. Aus dem Lager der Opposition schlug sich nur Norbert Blüm, damals Hauptgeschäftsführer der Sozialausschüsse der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA) und späterer Arbeitsminister, auf seine Seite.[20]

Die Beschäftigung mit Chile war auch deshalb so ausgeprägt, weil dort ein mit Europa vergleichbares Parteiensystem vorhanden war. Sowohl Chile als auch später Nicaragua wurden damit zum Thema der deutschen Innenpolitik. Die Zahl der von der Bundesrepublik aufgenommenen Chilenen war schon Mitte der 1970er Jahre höher als in der DDR. Sie sollte in der Folgezeit weiter ansteigen, da viele Exil-Chilenen aus der DDR in den Westen wechselten.

Argentinien 1976: Menschenrechte und Außenpolitik.
Der Peronismus bot als Populismus keine unmittelbaren Anknüpfungspunkte für eine Solidaritätsbewegung. Erst durch das Schicksal der in Argentinien verhafteten und verschwundenen Deutschen gelangte das Thema in die Öffentlichkeit. Gegenüber der Bundesregierung und dem Auswärtigen Amt wurde der Vorwurf erhoben, dass sie sich nicht ausreichend für sie eingesetzt hätten. Im Juli 1976 organisierte die Gruppe "Initiative Freiheit für Klaus Zieschank" anlässlich des Besuches des argentinischen Wirtschaftsministers einen Hungerstreik in Bonn. 1999 erhob Rechtsanwalt Konstantin Thun im Auftrag der "Koalition gegen Straflosigkeit" Strafanzeige in Deutschland gegen sieben argentinische Militärs im Zusammenhang mit der Ermordung Zieschanks. Drei Jahre später erließ das Amtsgericht Nürnberg Haftbefehl gegen den Chef der Militärjunta Jorge Videla und zwei weitere Militärs.[21]

Nicaragua 1979: Revolution, Christentum,


Autonomie.
Nicaragua gewann in Deutschland eine im europäischen Vergleich bemerkenswerte Popularität. Die heterogene Solidaritätsbewegung wies eine Vielfalt von Gruppen auf, über 15000 Deutsche bereisten während der Revolutionsregierung (1979-1990) das Land und engagierten sich in den unterschiedlichsten Projekten.[22] 1983 wurde der Arzt Tonio Pflaum, 1986 der Gewerkschaftler Berndt Koberstein von den antisandinistischen Contras in Nicaragua ermordet. Die Gründe für die Attraktivität Nicaraguas müssen auch in der deutschen Diskussion über Neutralismus, Pazifismus und Anti-Nuklearismus gesehen werden: Nicaragua erschien als Land, dessen autonomer Entwicklungsweg durch den Koloss im Norden eingeengt wurde, eine Parallele zur Situation in der Bundesrepublik, wo zu Beginn der 1980er Jahre die Stationierung neuer Atomwaffen und Raketen bevorstand, drängte sich auf. Vor diesem Hintergrund erklärt sich möglicherweise auch die in der Rückschau eigenartige Konstellation von Friedenstaube und Maschinengewehr, die sich in nicht wenigen der zahlreichen Publikationen finden lässt. Sie äußerte sich auch in der Kontroverse über deutsche Wehrdienstverweigerer, die in Nicaragua mit der Waffe in der Hand für die Verteidigung der Revolution eintraten. Besondere Faszination ging von der Verbindung von "Christentum und Revolution" aus; der Priester Ernesto Cardenal, der 1980 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten hatte, war bis 1987 Kultusminister in der Sandinistischen Regierung und begrüßte nicht wenige Solidaritätsarbeiter persönlich am Flughafen.

Die hohe Bedeutung, die Nicaragua in der deutschen Innenpolitik der 1980er Jahre gewann, lässt darauf schließen, dass es auch um die Erfüllung eigener Utopien ging. Die Solidarität mit Nicaragua und später mit der Befreiungsbewegung in El Salvador bedeutete eine Absage an die traditionelle Machtpolitik einer Weltgesellschaft, als deren Opfer sich die Friedensbewegung selbst empfand. Darüber hinaus ermöglichte sie es der mittlerweile in der Opposition stehenden SPD, sich vor der eigenen Jugendorganisation ein kritisches und antiimperialistisches Profil zu geben. Mittelamerika wurde so zu einem Spielfeld für eine verdeckte Konfrontation mit den USA. Es kam aber auch zu Kontroversen innerhalb der Sozialistischen Internationale (SI), da einige lateinamerikanische Politiker den Vorwurf äußerten, die SPD würde für fremde Länder etwas propagieren, was sie im eigenen Lande spätestens mit dem Godesberger Programm von 1959 abgelegt habe. Diesen Einwand erhob später auch der peruanische Schriftsteller Mario Vargas Llosa gegenüber Günter Grass mit Blick auf dessen Beurteilung der Revolution in Nicaragua.[23] Die innenpolitische Kontroverse wurde von den großen Parteien angeheizt. Heiner Geißler, Generalsekretär der CDU, verfasste das Vorwort zum Bericht "Wie frei ist Nicaragua?"[24] Martin Kriele, als SPD-Mitglied an der Ausarbeitung der Ost-Verträge beteiligt, schrieb ein kritisches Buch zu Nicaragua und trat aus der Partei aus.[25]

Eine Besonderheit der Solidaritätsbewegung mit Nicaragua sind zahlreiche Städtepartnerschaften, die zum Teil mit EU-Mitteln bis in die Gegenwart fortgesetzt werden. Auch nach der Abwahl der Sandinisten 1990 hielten diese Beziehungen an. Dabei hat sich das Verhältnis nach der Spaltung der sandinistischen Bewegung abgekühlt. Größere Sympathien bestehen für Sergio Ramírez und Ernesto Cardenal, die sich zuletzt kritisch gegenüber der Regierung um Daniel Ortega äußerten.[26]

Staatliche Solidarität in der DDR

"Antiimperialistische Solidarität ist ein Grundprinzip der Außenpolitik unseres sozialistischen Staates", hieß es 1987.[27] Für das Jahr 1986 etwa wurde eine Gesamtsumme von rund 2,5 Milliarden Mark, 0,89 Prozent des Nationaleinkommens, an Hilfeleistungen für Entwicklungsländer und nationale Befreiungsbewegungen ausgegeben.[28]

Kuba nach 1959: "Der erste sozialistische
Staat in Amerika".
Die Beschäftigung mit Lateinamerika begann mit der Machtübernahme der Revolutionäre und der erstmaligen Aufnahme diplomatischer Beziehungen der DDR zu einem lateinamerikanischen Land Anfang 1963. Auch in den Geschichtsbüchern wurde auf Kuba und Nicaragua eingegangen. Von einer "antiimperialistischen, national-demokratischen Revolution" war die Rede. "Der Sieg der Revolution auf Kuba, auf der westlichen Hemisphäre der Erde, demonstriert überzeugend, dass der Sozialismus auch auf dem amerikanischen Kontinent auf Dauer nicht aufzuhalten ist."[29] Das Schulbuch "Geographie 8" zeigte auf dem Deckblatt wohl ein Bild von Havanna; im entsprechenden Kapitel hieß es: "Kuba ist der erste sozialistische Staat auf amerikanischem Boden. Der Machtbereich der USA wurde eingeschränkt. Kuba leistet bereits selbst aktive Hilfe und Solidarität im nationalen Befreiungskampf anderer Länder."[30] Entgegen solchen offiziellen Einschätzungen gab es deutliche Meinungsunterschiede, die geheim gehalten wurden. Die DDR-Botschaft drängte auf eine "Versachlichung der kubanischen Außenpolitik" und eine "Wiederannäherung an die Positionen der sozialistischen Länder in bedeutenden Grundfragen". Am Ende des 1974 erfolgten Staatsbesuches von Erich Honecker kam es zu Differenzen mit Castro, etwa über den Weiterverkauf von Kontingenten kubanischen Zuckers an andere Länder.[31]

Die DDR war vorübergehend der zweitwichtigste Handelspartner Kubas. Rund 30000 Vertragsarbeiter und eine wesentlich kleinere Zahl von Studierenden kamen aus Kuba in die DDR. Überschaubar blieb die Zahl von Spezialisten und Kadern, die nach Kuba gingen. Über ihre Erfahrungen wurde wenig berichtet. Umso stärker war der Mythos von der fernen Insel. Fidel Castro, Che Guevara und Tamara Bunke waren im Unterschied zu den eigenen Politikern relativ populär. Kuba war für viele ein erwünschtes Reiseziel oder sogar Projektionsfläche eines anderen Sozialismus.[32] Bei einer Rede am 17. Juni 1972 griff Castro auf dem Rostocker Thälmann-Platz das Fernweh und die Reisesehnsucht seiner Zuhörer geschickt auf. Er verglich die Wassertemperaturen von Karibik und Ostsee, nachdem er gehört hatte, dass "Helden" sogar im Winter baden würden: "In Kuba jedoch hat das Meerwasser, wenn sich der Mann in der Ostsee ein Loch in das Eis schlägt, Temperaturen von 24, 25 Grad aufzuweisen (...). Wir wissen, wie gern ihr in Kubas Meeren baden würdet. Jeder versucht das Klima auszugleichen, was er nicht hat, in diesem Falle ist es die Sonne und das Meer."[33]

Von offizieller Seite wurde vor allem Castro in den Vordergrund gerückt, während es bei den 68ern in der Bundesrepublik Che Guevara war. Einzelne Romane können als Kuba-Utopien gelten. Irmtraud Morgners "Rumba auf einen Herbst" (1963-65) spielt zur Zeit der Kuba-Krise und beschreibt die Insel als Ort der Gefahr und der Hoffnung auf einen neuen Sozialismus. Ungekürzt konnte das Buch erst 1992 publiziert werden. Wolf Biermanns Lied "Comandante Che Guevara" von 1973 war bei Linken in beiden deutschen Staaten bekannt. Artikelserien in der "Jungen Welt" und Jugendbücher betonten die Rolle von Tamara Bunke.[34] Bücher wie "Der Weg zum Rio Grande" von Eberhard Panitz 1973 dienten unter anderem dazu, die Reiselust der eingemauerten DDR-Bewohner zu befriedigen, was ebenfalls in den Filmen "Wanderlust" und "Für die Liebe noch zu mager?" geschah. Volker Brauns "Guevara oder Der Sonnenstaat" von 1983 diskutierte am Beispiel des Revolutionärs nochmals das Verhältnis von Utopie und Revolution.

Chile 1973: Nahe und doch ferne Genossen.
Die Aufnahme von chilenischen Flüchtlingen nach dem Putsch gegen die gewählte Regierung von Salvador Allende 1973 nahm im Bewusstsein der DDR einen hohen Stellenwert ein.[35] Die Kunstschaffenden kamen vor allem nach Rostock, wo sie in einer Singegruppe namens Aparcoa und einer Theatergruppe namens Teatro Lautaro zusammengefasst waren. In einem Interview berichteten chilenische Künstler von dem fatalen "Zusammenhang von Exotik und Solidarität": "Das Publikum erwartet nun schon Ponchos, Folklore und Melancholie."[36] Zu Chile bestanden auch deshalb besondere Beziehungen, weil die Tochter des Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker mit einem Chilenen verheiratet war. Die chilenische Linke hat die Aufnahme in der DDR nicht vergessen: Seit 1991 lebt Margot Honecker, die ehemalige Ministerin für Volksbildung, in der Nähe ihrer Enkelkinder in Santiago de Chile. 1993 durfte Erich Honecker nach Chile ausreisen, wo er am 29. Mai 1994 starb.[37]

Anders als die Kubaner und die Nicaraguaner durften die Exil-Chilenen in das nichtsozialistische Wirtschaftsgebiet (NSW) reisen. Dies lag daran, dass die DDR nach dem 11. September 1973 die diplomatischen Beziehungen mit Chile abgebrochen hatte. Die Exil-Chilenen waren darauf angewiesen, ihre Pässe in der Bundesrepublik zu verlängern. Auch aus diesem Grunde wurden sie vom Ministerium für Staatssicherheit (MfS) beobachtet.[38] Im Unterschied zu anderen Lateinamerikanern in der DDR kamen viele der Chilenen aus der Mittelschicht und besaßen eigene Sozialismusvorstellungen. Das Verhältnis der chilenischen Linken zur DDR führte zu einer Diskussion, nachdem 1993 das Buch von Carlos Cerda "Morir en Berlín" erschien. Der Autor, der zwölf Jahre in der DDR gewohnt hatte, zeichnete ein eher düsteres Bild des Exils. Die Exil-Chilenen mussten demnach sowohl gegenüber der eigenen Partei als auch gegenüber den Sicherheitsorganen der DDR Rechenschaft abgeben. Viele verließen die DDR noch vor dem Mauerfall. Ende 1989 lebten noch 334 Chilenen in der DDR, ferner 411 Nicaraguaner und 7999 Kubaner.[39]

Argentinien 1976: Diplomatische Zurückhaltung.
Die DDR hielt sich mit Kritik an der argentinischen Militärdiktatur stark zurück. Sie nahm zwar einzelne Mitglieder der KP Argentiniens auf, ordnete aber ihre Außenpolitik den Interessen der Sowjetunion unter, die an reibungslosen Handelsbeziehungen und Getreideimporten interessiert war. Dies mag einer der Gründe gewesen sein, warum das sehr kleine argentinische Exil in der DDR praktisch keine Rolle spielte.

Nicaragua 1989: Kooperation der Geheimdienste und Ansätze unabhängiger Solidarität.
Die DDR war das erste Land aus dem staatssozialistischen Lager, das Nicaragua anerkannte. Sie unterstützte Nicaragua mit Schulbuchmaterialien, dem prestigeträchtigen Hospital Carlos Marx in Managua, in Sicherheitsfragen und bei der geplanten Durchführung einer Währungsreform.[40] In der Endphase der DDR wurde das MfS jedoch nicht nur in der außenpolitischen und militärischen Kooperation mit dem nicaraguanischen Innenministerium aktiv. An verschiedenen Orten entstand innerhalb von kirchlichen Kreisen eine "Initiativgruppe Hoffnung Nicaragua". Spätere Bürgerbewegte sahen in Nicaragua die Chance für eine Verbindung zwischen Christentum und Sozialismus. In Jena, wo die Gruppe unter dem Eindruck eines Besuchs von Cardenal entstand, wurde ein Operativer Vorgang (OV) mit dem beziehungsreichen Titel "Ambulancia" eingeleitet. Es gelang den kirchlichen Gruppen gleichwohl, eine eigene Delegation zur Kaffeeernte nach Mittelamerika zu entsenden.

Unterschiede - Gemeinsamkeiten

Die verschiedenen Ausgangsbedingungen von unabhängigen Solidaritätsbewegungen in der Bundesrepublik und einer von staatlicher Seite betriebenen Solidarität in der DDR sind eingangs benannt worden. Allerdings lässt sich die Trennung nicht immer aufrechterhalten, denn manche Westprojekte wurden aus dem Haushalt des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) (mit)finanziert oder gingen mit der Zeit in eine staatliche Förderung über. In der DDR wiederum verbanden sich zumindest in der Endphase mit der Solidaritätsarbeit Hoffnungen auf einen anderen Sozialismus.

Unabhängig davon bestanden Gemeinsamkeiten, die sich nach 1989/90 gehalten haben:

  • Lateinamerika erweist sich als mythenfähiger als Asien, Afrika oder der arabische Raum. Die Solidarisierung mit Vietnam oder China gehört der Vergangenheit an. China gilt in der Presse als Konkurrent, Afrika erscheint als "Problemgebiet", dem mit Mitteln der Entwicklungszusammenarbeit oder aber Pop-Konzerten geholfen werden soll. Der Nahost-Konflikt wird nach dem Ende des Kalten Krieges im vereinigten Deutschland anders beurteilt als vor 1989.
  • Als Mythenträger erweisen sich einzelne Revolutionäre, die wie Che Guevara den Status von Pop-Ikonen erlangten, aber auch (politische) Kunst in Musik, Literatur und den Wandmalereien/Muralismus.
  • Besonders aus der Außenperspektive sind Revolutionen nicht nur reale, sondern auch imaginierte Ereignisse. Externen Beobachtern mag dies stärker auffallen: "Kulturgeschichte einer Verblendung" lautet der Untertitel einer in den USA verfassten Dissertation über Kuba und die Deutschen.[41] Die Autorin beschreibt darin eine zunehmend kulturalistische Sicht auf Kuba, die in den 1990er Jahren sogar zugenommen hat; dagegen standen bei Argentinien die Menschenrechte im Vordergrund.
  • Jugendorganisationen, kirchliche bzw. christliche Gruppen wurden in der Solidaritätsarbeit besonders aktiv. Von einem "Kontinent der Hoffnung" und einer "Option für die Armen" war nach der lateinamerikanischen Bischofskonferenz von Medellín/Kolumbien 1968 die Rede. Exponenten der Theologie der Befreiung wie Camilo Torres, Dom Helder Camara, Oscar Romero und andere spielten eine wichtige Rolle. Sie gewannen partiell einen Märtyrerstatus, der im bundesdeutschen Kontext sonst fehlt. Aufgrund der geringeren Bedeutung von Religion in Ostdeutschland war dieser Aspekt dort schwächer ausgeprägt.
  • Revolutionsmythen führten zur Aufwertung (kleinerer) Länder, die sonst in der Öffentlichkeit keine größere Wahrnehmung erlangt hätten. Kuba, Chile und Nicaragua erlangten nicht nur einen hohen Stellenwert, die politische Entwicklung dort wurde sogar auf den gesamten Halbkontinent übertragen. Brasilien, Mexiko oder Kolumbien schienen weniger wichtig zu sein.
  • Revolutionsmythen sind langlebig, weil sie mit Hoffnungen von Menschen zu tun haben. Im Falle Lateinamerikas spielt auch der Anti(nord)amerikanismus eine Rolle. Pedro Henriquez Ureña hatte schon 1925 geschrieben: "Wenn die Utopien in Amerika keine Früchte tragen, wo sollten sie dann Asyl finden?"[42]

Von der Revolution zur Vielfalt

"'Für Europäer ist Amerika ein Mann mit Schnauzbart, Gitarre und Revolver', sagte der Arzt über seiner Zeitung lachend. 'Sie verstehen uns nicht'."[43] Auch wenn der Literaturnobelpreisträger Gabriel García Márquez und andere Autoren des Booms lateinamerikanischer Literatur in den 1970/80er Jahren mit dem "magischen Realismus" möglicherweise selbst zu dieser Entwicklung beigetragen haben, enthält das Zitat einen wahren Kern. In Deutschland sind wichtige Bücher zu Lateinamerika kaum zur Kenntnis genommen worden. Carlos Rangels "Vom guten Wilden zum guten Revolutionär" wurde von französischen Intellektuellen gelesen, das Buch des ehemaligen mexikanischen Außenministers Jorge Castañeda "Utopia Disarmed. The Latin American Left after the Cold War" erschien in spanischer und englischer Sprache. Beide setzten sich mit dem Revolutionsmythos auseinander. Jorge Edwards "Persona non grata" über seine kurze Zeit als chilenischer Botschafter in Havanna wurde erst 2006 auf Deutsch publiziert.

Nach 1989/90 haben die großen ideologischen Entwürfe an Bedeutung verloren. Lateinamerika durchläuft die längste Phase demokratischer Herrschaft seiner Geschichte. Die Solidaritätsgruppen engagieren sich kaum noch für Regierungen, sondern für einzelne soziale Bewegungen. Kulturelle Fragen gewinnen einen immer größeren Stellenwert, der Multikulturalismus scheint sich in den Beziehungen der Nichtregierungsorganisationen zu Lateinamerika durchzusetzen. Die staatliche Entwicklungszusammenarbeit mit den südamerikanischen Ländern ist reduziert worden, Sachfragen stehen im Vordergrund.

Sind die Solidaritätsbewegungen damals Revolutionsmythen aufgesessen? Zumindest für Chile und Nicaragua lässt sich das nicht durchgängig bestätigen. Zum einen war auch in der Tagespresse und der wissenschaftlichen Literatur die Vorstellung von einer kommenden Revolution in Lateinamerika weit verbreitet. Zum anderen leitete der Kontakt mit chilenischen Flüchtlingen oder der Aufenthalt in Nicaragua Lernprozesse ein; die Geschichte der "Dritte-Welt"-Bewegung in der Bundesrepublik und deren Debatten mit der Friedensbewegung unterstreichen dies. Horst Pöttker, damals "Aktion Dritte Welt" in Freiburg, kritisierte 1982 die Überbetonung der Gewaltfrage und beklagte, "dass unsere Sichtweise zu sehr davon geprägt ist, was unseren hier in der Bundesrepublik gewonnenen Erfahrungen und Auffassungen nach dort in der Dritten Welt sein sollte, und dass wir uns zu wenig um das kümmern, was tatsächlich dort vor sich geht (...)".[44] Und der Argentinier Leopoldo Mármora erklärte bei einem Kongress der Grünen: "Menschenrechte und Demokratie, ursprünglich europäische Produkte, sind inzwischen universelles Allgemeingut aller Kontinente geworden, wo sie heute aufgegriffen und erweitert werden."[45]

Der Gegensatz zwischen Lateinamerika und den USA verliert an Bedeutung. Zudem sollen im Jahr 2040 die Latinos die größte ethnische Gruppe in den USA stellen; schon jetzt ist ihre Zahl höher als die der Afroamerikaner.[46] Einer der nächsten Präsidenten der USA könnte Sánchez heißen. Vor diesem Hintergrund verliert eine mythenfördernde Gegenüberstellung von Lateinamerika und den USA an Aussagekraft. Gleichzeitig eignen sich populistische Präsidenten, die sowohl in Lateinamerika als auch in den USA wesentlich häufiger sind als in Europa, für ein Publikum in der Bundesrepublik immer weniger für Utopien. In den kommenden Jahren wird die Einsicht zunehmen, dass die Lateinamerikaner mit fast 600 Millionen Menschen die EU zahlenmäßig überrundet haben. Einzelne Länder - wie Brasilien - schicken sich an, demnächst zu den Industrienationen vorzustoßen. Der Mythos von einem Gegensatz zwischen Zentrum und Peripherie und von einer notwendigen Revolution in Lateinamerika könnte angesichts dieser neuen Realitäten verblassen.
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Fußnoten

1.
Vgl. Gustav Siebenmann, Die Bilder Spaniens und Lateinamerikas in den Köpfen der Deutschen, in: ders., Essays zur spanischen Literatur, Frankfurt/M. 1989, S. 55-84.
2.
G.W.F. Hegel, Vorlesungen der Philosophie der Geschichte [1848], Stuttgart 1961, S. 143, S. 147.
3.
Vgl. Helmut Kristmann, Die koloniale Perspektive in Geschichtsbüchern des Deutschen Reiches 1871-1918, in: Michael Riekenberg (Hrsg.), Lateinamerika. Geschichtsunterricht, Geschichtslehrbücher, Geschichtsbewusstsein, Frankfurt/M. 1990, S. 143-156.
4.
Vgl. Nikolaus Werz, Antiamerikanismus und der Stellenwert Lateinamerikas im europäischen Bewusstsein, in: Wolfgang Reinhard/Peter Waldmann (Hrsg.), Nord und Süd in Amerika, Bd. 2, Freiburg 1992, S. 1266-1288.
5.
Dietrich Harth, Revolution und Mythos. Sieben Thesen zur Genesis und Geltung zweier Grundbegriffe historischen Denkens, in: ders./Jan Assmann (Hrsg.), Revolution und Mythos, Frankfurt/M. 1992, S. 11.
6.
Pierre Vayssiére zählt die Unabhängigkeitsrevolutionen dazu, nicht aber Bolivien; vgl. Les révolutions d'Amérique latine, Paris 2001.
7.
Dazu jetzt: Stefan Rinke, Revolutionen in Lateinamerika. Wege in die Unabhängigkeit 1760-1830, München 2010. Die wohl nach wie vor beste Bolívar-Biografie wurde von einem Exilanten verfasst und in deutscher Sprache nicht wieder aufgelegt: Gerhard Masur, Simon Bolívar, Konstanz 1949.
8.
Vgl. Wolfgang Kießling, Exil in Lateinamerika, Leipzig 1980.
9.
Vgl. Frank Niess, Ist die Kubanische Revolution noch ein Mythos?, in: Ottmar Ette/Martin Franzbach (Hrsg.), Kuba heute, Frankfurt/M. 2001, S. 271-289.
10.
Vgl. Hildegard Stausberg (Hrsg.), Lateinamerika heute: Wirtschaft, Politik, Medien, Berlin 1997.
11.
Eva Karnofsky, Zur Lateinamerika-Berichterstattung der deutschen Tagespresse, in: Peter Birle/Friedhelm Schmidt-Welle (Hrsg.), Wechselseitige Perzeptionen: Deutschland - Lateinamerika im 20. Jahrhundert, Frankfurt/M. 2007, S. 219-240.
12.
Vgl. Werner Balsen/Karl Rössel, Hoch die internationale Solidarität. Zur Geschichte der Dritte Welt-Bewegung in der Bundesrepublik, Köln 1986.
13.
Vgl. Bastian Hein, Die Westdeutschen und die Dritte Welt. Entwicklungspolitik und Entwicklungsdienste zwischen Reform und Revolte 1959-1974, München 2006, S. 141ff.
14.
Nach wie vor lesenswert: Boris Goldenberg, Lateinamerika und die Kubanische Revolution, Köln-Berlin 1963.
15.
Kritisch zum sog. Linksrevisionismus in Europa und Lateinamerika: Wilhelm M. Breuer/Bernd Hartmann/Herbert Lederer, Revolution in Lateinamerika, Köln 1969.
16.
Günter Maschke, Kubanischer Taschenkalender, in: Kursbuch, 30 (1972), S. 129-147; ders., Kritik des Guerillero, Frankfurt/M. 1973.
17.
So Gerd Koenen, Traumpfade der Weltrevolution. Das Guevara-Projekt, Köln 2008, S. 10.
18.
Die Diskussion über den richtigen Weg zum Sozialismus hatte schon vor 1973 begonnen: vgl. Régis Debray/Salvador Allende, Der chilenische Weg, Neuwied 1972; Heinz Rudolf Sonntag, Revolution in Chile, Frankfurt/M. 1972 sowie Revolution und Konterrevolution in Chile - Analysen zu einem Lehrstück, Darmstadt-Neuwied 1974.
19.
Das Ausmaß der damaligen Diskussionen und Aktivitäten geht aus den Botschaftsakten zu Chile im Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes (PA AA) hervor.
20.
Vgl. Werner Abelshauser, Nach dem Wirtschaftswunder. Der Gewerkschafter, Politiker und Unternehmer Hans Matthöfer, Bonn 2009, S. 270ff., Kapitel "Chile: ein Traum zerplatzt".
21.
Vgl. Konstantin Thun, Menschenrechte und Außenpolitik. Bundesrepublik Deutschland - Argentinien 1976-1983, Bad Honnef 2006 (Neuaufl.).
22.
Zur Solidaritätsbewegung der Bundesrepublik liegen mehrere Untersuchungen vor: Rosemarie Karges, Solidarität oder Entwicklungshilfe? Nachholende Entwicklung eines Lernprozesses am Beispiel der bundesdeutschen Solidaritätsbewegung mit Nicaragua, Münster-New York 1995; Michael Förch, Zwischen utopischen Idealen und politischer Herausforderung. Die Nicaragua-Solidaritätsbewegung in der Bundesrepublik. Eine empirische Studie, Frankfurt/M. 1995.
23.
Vgl. Günter Grass, Epilogue, in: Martin Diskin (ed.), Trouble in our Backyard. Central America and the United States in the Eighties, New York 1984, wo Grass von einem Gefängnisbesuch mit Innenminister Tomás Borge in Nicaragua berichtete und bekundete, dass er sich als Deutscher schäme, mit den USA in einer Allianz zu sein (S. 248); Mario Vargas Llosa, Respuesta a Günter Grass, in: El País vom 30.6.1986.
24.
CDU, Nicaragua-Report. Wie frei ist Nicaragua?, Bonn 1985.
25.
Vgl. Martin Kriele, Nicaragua - das blutende Herz Amerikas, München 1985.
26.
Vgl. Sergio Ramírez, Adios Muchachos! Eine Erinnerung an die Sandinistische Revolution, Wuppertal 2001.
27.
Vgl. Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED (Hrsg.), Sozialismus in der DDR: Gesellschaftsstrategie mit Blick auf das Jahr 2000, Berlin 1987, S. 305.
28.
Ebd., S. 308: "Die BRD wies 1981-1985 einen Mittelwert von 0,47 Prozent aus."
29.
Geschichte. Lehrbuch für Klasse 10, Berlin 1986, S. 118.
30.
Geographie. Lehrbuch für Klasse 8, Berlin 1983/84, S. 162.
31.
Dazu u.a. auf der Grundlage von Akten im Bundesarchiv und im PA AA: Nikolaus Werz, Deutschland, Lateinamerika und Kuba - Außenpolitische Beziehungen, in: Der Bürger im Staat, (2008) 2, S. 130ff., sowie die Erinnerungen eines Botschafters der DDR: Heinz Langer, Zärtlichkeit der Völker. Die DDR und Kuba, Berlin 2010, S. 68f.
32.
Das Interesse der SED an Kuba nahm in der Endphase wegen der Perestroika sogar zu: Konstantin Prignitz, Der Mythos der "Revolucion Cubana". Das Kubabild der DDR-Medien, in: Zeitschrift des Forschungsverbunds SED-Staat (ZdF), Nr. 23, (2008), S. 56-67.
33.
Fidel Castro, Uns eint brüderliche und feste Freundschaft mit der UdSSR. Rede in Rostock, 17.6.1972, in: ders., Unsere Stärke liegt in der Einheit. Besuche in der DDR, der UdSSR und in Chile, Berlin 1973, S. 62.
34.
José A. Friedl Zapata behauptet, dass sie Mitarbeiterin des MfS und des KGB gewesen sei, um Informationen über den für den Osten schwer einschätzbaren Guevara zu erhalten. Dem wurde von Seiten ihrer Mutter und von kubanischen Autoren energisch widersprochen. Vgl. José A. Friedl Zapata, Tanja. Die Frau, die Che Guevara liebte, Berlin 1997, S. 28ff.
35.
Vgl. etwa Gotthold Schramm (Hrsg.), Flucht vor der Junta. Die DDR und der 11. September, Berlin 2005.
36.
Jutta Voigt, Chilenen in der DDR, in: Sonntag, (1975) 37, S. 7.
37.
Vgl. Ed Stuhler, Margot Honecker. Eine Biografie, Wien 2003, S. 209ff.
38.
Dazu: Nikolaus Werz, Lateinamerikaner in der DDR, in: Deutschland Archiv, 42 (2009) 5, S. 849ff.
39.
Vgl. Eva-Maria Elsner/Lothar Elsner, Ausländer und Ausländerpolitik in der DDR, Berlin 1992, S. 59.
40.
Vgl. Merlin Berge/Nikolaus Werz, "Auf Tschekisten ist Verlaß". Das MfS und Nicaragua, in: ZdF, Nr. 27, (2010), S. 168-177.
41.
Vgl. Jennifer Ruth Hosek, Cuba and the Germans: A Cultural History of an Infatuation, Berkeley 2004.
42.
Pedro Henriquez Ureña, Patria de la justicia, in: ders., La utopia de América, Caracas 1978, S. 10.
43.
Gabriel García Márquez, Der Oberst hat niemand, der ihm schreibt, Köln 1976, S. 39.
44.
Horst Pöttker, Blinde Flecken in unserem politischen Weltbild, in: W. Balsen/K. Rössel (Anm. 12), S. 557.
45.
Leopoldo Mármora, Für eine nationale Identität, in: ebd., S. 571.
46.
Vgl. Oscar Guardiola-Rivera, What if Latin America Ruled the World? How the South Will Take the North into the 22nd Century, London 2010.

Dossier

Lateinamerika

Lateinamerika befindet sich mitten im Umbruch. Demokratische Strukturen haben sich etabliert, doch die soziale Anspannung ist geblieben. Das Dossier schildert die jüngsten politischen Entwicklungen in 19 Staaten. Im Mittelpunkt stehen zudem die sozialen Bewegungen, aber auch Themen wie Bildung, Emanzipation und Menschenrechte.

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