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4.10.2010 | Von:
Stephan Lahrem

Faszination Che

Die Ikone der Weltrevolution ...

Auffällig ist, dass sich die gegenwärtige Aufmerksamkeit nicht so sehr auf die politischen Zielsetzungen Che Guevaras richtet als auf seine Person, sein Leben und Wirken. Das ist angesichts der erstaunlichen Biografie dieses Mannes, der es binnen eines Jahrzehnts vom völlig unbekannten Abenteurer zur Ikone der Weltrevolution brachte, wenig verwunderlich.

1928 im argentinischen Rosario geboren, studierte Ernesto Guevara in Buenos Aires Medizin. Während seines Studiums und danach unternahm er zwei ausgedehnte, monatelange Fahrten durch Südamerika. Auf seiner zweiten Reise landete er schließlich in Mexiko; dort lernte er Fidel Castro kennen und schloss sich Ende 1956 als Arzt der Invasionstruppe an, mit der Castro auf Kuba landen und den Diktator Fulgencio Batista stürzen wollte. Die Landung auf Kuba war ein Desaster, von 83 Mann blieben gerade einmal 17 übrig. Und dennoch: In einem zwei Jahre währenden Guerillakampf gelang es, Batista zu verjagen. Guevara, der in der Guerilla zum zweiten Mann hinter Castro aufgestiegen war, rückte am 2. Januar 1959 im Triumphzug in Havanna ein. Mit 31 Jahren wurde der promovierte Mediziner erst Präsident der Nationalbank, später Industrieminister. Er gehörte neben den beiden Castro-Brüdern Fidel und Raúl zum Triumvirat, das in den nächsten Jahren über die Insel herrschte.

Che Guevaras Bekanntheitsgrad wuchs schnell, da er rund um den Globus reiste, um um Anerkennung und Unterstützung für das neue Regime zu werben. Er wurde international zum Sprachrohr der kubanischen Revolution. Wortgewaltig und charismatisch predigte er unermüdlich seine revolutionären Ideale. Doch so erfolgreich er als Agitator war, so erfolglos blieb er als Politiker. Die von ihm verantwortete Wirtschaftspolitik erwies sich als ein einziges Fiasko. Bei der Umstellung der Ökonomie auf planwirtschaftliche Vorgaben orientierte er sich als überzeugter Kommunist zunächst an der Sowjetunion. Doch allmählich rückte er von dieser ab, da sich die UdSSR seiner Meinung nach nicht genügend für den Revolutionsexport in die "Dritte Welt" einsetzte. Damit geriet er zunehmend in Konflikt zu dem Macht- und Realpolitiker Fidel Castro, der - um das wirtschaftliche Überleben der kubanischen Revolution zu sichern - Moskau die Treue hielt.

Anfang 1965 kam es zum Eklat, als Che Guevara bei einer Rede in Algier die UdSSR wegen mangelnder Unterstützung der Befreiungsbewegungen in der "Dritten Welt" attackierte. Bei seiner Rückkehr am 14. März 1965 verschwand Che Guevara nach einem 40-stündigen Gespräch mit Castro spurlos aus der Öffentlichkeit. Spekulationen, Fidel Castro habe sich eines zu mächtig gewordenen Konkurrenten entledigt, hielten sich ebenso hartnäckig wie Gerüchte, er sei von seinen Regierungsämtern zurückgetreten, um sich erneut dem Guerillakampf anzuschließen und die Revolution in andere Teile der Welt zu tragen. Im Laufe der beiden folgenden Jahre rätselte man über seinen Verbleib. Tatsächlich hatte er Kuba verlassen und zuerst im Kongo und dann in Bolivien einen Guerillakrieg geführt. Beide Male ist er kläglich gescheitert. Am 8. Oktober 1967 wurde er schließlich von bolivianischen Truppen gefangengenommen und am folgenden Tag erschossen.

Die Umstände und der Zeitpunkt seines Todes haben maßgeblich zur Verklärung Che Guevaras beigetragen. Er starb im Kampf; er hatte den bequemen Ministersessel aufgegeben, auf die Macht verzichtet und sein Leben gewagt, um den eigenen revolutionären Forderungen zu genügen. Und er starb jung, jung genug, um als ewig jugendlicher Rebell in den Köpfen präsent zu bleiben und um nicht an der Realisierung seiner Theorien und Utopien gemessen werden zu können. Was blieb, war das Bild vom rastlosen Kämpfer für die Befreiung der unterdrückten Völker. Was blieb, war das Bild vom Radikalen, der rigoros alle privaten Beziehungen und Bedürfnisse, selbst die des eigenen Körpers, der Revolution unterordnete. Was blieb, war das Bild von Alberto Korda, das Sinnbild jugendlicher Militanz, das sich so wohltuend von jenen älteren kommunistischen Funktionären aus Ost-Berlin, Moskau oder Peking in ihren unscheinbaren Anzügen unterschied. Was blieb, war eine klare, zum Teil gewaltttige Sprache, durchsetzt mit träumerischen Wendungen - "Seien wir realistisch, versuchen wir das Unmögliche" oder "Solidarität ist die Zärtlichkeit der Völker" -, in denen das Pathos der Revolution eingefangen wurde und die eine romantische Verklärung revolutionärer Gewalt ermöglichten.

Mit all dem entsprach Che Guevara einem Zeitgeist, vielleicht genauer: einem Lebensgefühl einer Generation, die heute die 68er genannt wird. Es war die Zeit, als die Diskussionen der radikalen Linken weltweit um ein Themenfeld kreisten, das mit den Stichworten Entkolonialisierung, Internationalismus und Antiimperialismus umschrieben werden kann. Die kubanische Revolution, der algerische Unabhängigkeitskampf und der immer heftiger tobende Krieg in Vietnam hatten damals einen alten politischen Traum wiederbelebt, allerdings in neuer Gestalt: die Idee einer Weltrevolution, die aber nicht mehr von Paris oder Moskau ausgehen sollte, sondern von den Befreiungsbewegungen in Lateinamerika, Afrika und Asien. Vor diesem Hintergrund konnte Che Guevara in den 1960er und beginnenden 1970er Jahren zur Symbolfigur einer revolutionären - oder sich revolutionär gebenden - Linken werden. Denn er war einer ihrer Protagonisten und wortmächtigsten Fürsprecher. Und er hatte dieser Bewegung ihren Schlachtruf gegeben: "Schaffen wir zwei, drei, viele Vietnam!"

Und noch ein anderes Moment trug dazu bei, dass Che Guevara - zumal in der westlichen Welt - zum Idol aufsteigen konnte. Der, der da ausgezogen war, um die Welt zu revolutionieren, war in gewisser Hinsicht einer von ihnen: ein junger Weißer aus gutem Hause, der es in kaum mehr als zehn Jahren vom vagabundierenden Abenteurer zur Verkörperung des Revolutionärs gebracht hatte, dem es gelungen war, mit einer Handvoll Mitstreiter einen Diktator zu stürzen, der als Autodidakt die Wirtschaft eines Landes dirigiert hatte und als Bürgerschreck vor der UNO aufgetreten war. Das war eine Biografie, die bewies, dass nichts unmöglich war, wenn man das Schicksal in die eigenen Hände nahm, gleichsam ein "Triumph des Willens" über alle Widrigkeiten. Da war der Tod im Dschungel noch das Ausrufezeichen hinter einem sinnerfüllten Leben.

Che Guevara hat die Studentenproteste nicht hervorgebracht, aber von einem bestimmten Zeitpunkt an maßgeblich inspiriert und radikalisiert. Das gilt für die theoretischen Diskussionen ebenso wie für den militanten Protest. Vor allem aber hat er die Phantasie der rebellischen Jugend beflügelt, indem sein Leben die akademischen Formeln der "konkreten Utopie" (Ernst Bloch) und der "Heimat ohne Grenzstein" (Theodor W. Adorno) für sie sinnfällig machte. Und mit dem von dem italienischen linksradikalen Verleger Giangiacomo Feltrinelli tausendfach verbreiteten Korda-Foto hatte sie ihre Ikone gefunden, das Bildnis ihres entrückten Heiligen, das sie fortan auf allen Demonstrationen mit sich führen oder als Poster in die heimische Stube hängen konnte.


Dossier

Lateinamerika

Lateinamerika befindet sich mitten im Umbruch. Demokratische Strukturen haben sich etabliert, doch die soziale Anspannung ist geblieben. Das Dossier schildert die jüngsten politischen Entwicklungen in 19 Staaten. Im Mittelpunkt stehen zudem die sozialen Bewegungen, aber auch Themen wie Bildung, Emanzipation und Menschenrechte.

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