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4.10.2010 | Von:
Stephan Lahrem

Faszination Che

... und ihre wirkmächtigen Schwundformen

Seitdem sind vier Jahrzehnte vergangen, und von einer Aufbruchstimmung wie in den 1960er Jahren oder gar einem revolutionären Zeitgeist kann nicht mehr die Rede sein. Selbst die bis vor einigen Jahren noch gepflegte Sentimentalität der Veteranen der Studentenrevolte ist einer hämischen und umfassenden Kritik an den 68ern gewichen. So konnte der "Spiegel" im Sommer 2008 auf der Titelseite die letzten Aufrechten mit dem Spruch vorführen: "Es war ja nicht alles schlecht" - Worte der Legitimation, die man in Deutschland bisher nur in Bezug auf den Nationalsozialismus kannte. Da das "Guevara-Projekt" (Gerd Koenen), die Suche nach dem archimedischen Punkt in den Entwicklungsländern, um die Welt revolutionär aus den Angeln zu heben, längst ad acta gelegt ist, sollte man vermuten, dass auch sein Protagonist in den Strudel der Kritik geraten und die Ikone der Weltrevolution irgendwo auf den Deponien der Geschichte gelandet ist. Und doch scheint das Gegenteil der Fall. Sollte Che Guevara - um im Bild des "Spiegel" zu bleiben - die Autobahn der Linken sein?

Nachdem Che Guevara beinahe zwanzig Jahre lang vielerorts in Vergessenheit geraten war, tauchte sein Konterfei Mitte der 1990er Jahre immer häufiger wieder in der Öffentlichkeit auf. Ein Grund war sicherlich der Aufstand der Zapatisten in Mexiko, in deren charismatischem Sprecher und militärischem Führer, dem Subcomandante Marcos, viele einen Wiedergänger Che Guevaras sehen wollten. Eine andere Ursache war die sich Ende desselben Jahrzehnts formierende Bewegung der Globalisierungskritiker. In beiden Fällen wurde das zentrale Politikfeld Guevaras, der Internationalismus, neu bestellt. Gleichwohl war - bei allen militanten Erscheinungsformen - von der Revolution, gar der Weltrevolution keine Rede mehr. Selbst bei den Radikalen hieß die Zauberformel jetzt: soziale Gerechtigkeit. Dennoch hat sich das Interesse an Che Guevara erhalten und - nimmt man das ubiquitäre Angebot an Che-Utensilien zum Maßstab - gar noch gesteigert. Man mag darin eine Kompensation für eine allgegenwärtige kapitalistische Vergesellschaftung sehen, die bei allen sich immer deutlicher abzeichnenden Defiziten so alternativlos erscheint, dass selbst eine Finanzkrise wie 2008 keine wirklichen Gegenkonzepte mehr hervorbringt. Und in der Tat scheint der "Mythos Che" eine Projektionsfläche für unerfüllte Wünsche, Sehnsüchte und Hoffnungen zu sein, die allerdings nicht länger ausschließlich und vielleicht nicht einmal vorrangig politischer Art sein müssen.

Die anhaltende Faszination Che Guevaras hat zunächst mit der sinnlichen Attraktivität dieses Mannes zu tun, der wohl zu den am häufigsten fotografierten Menschen seiner Zeit gehörte. Das berühmte Porträt von Alberto Korda, das einen gut aussehenden jungen Mann mit schulterlangem gelocktem Haar zeigt, den Blick kühn in die Ferne gerichtet, auf dem Kopf sein Markenzeichen, die Baskenmütze mit rotem Stern, besitzt geradezu erotisch-politische Symbolkraft. In ihm verbinden sich in einzigartiger Weise Rebellion und Jugendlichkeit, Militanz und Sehnsucht, Entschlossenheit und Entrücktheit, Männlichkeit und Zärtlichkeit. Wer sich heutzutage mit dieser Ikone schmückt, kann noch die bloße Unkonventionalität mit dem Pathos der Revolution beleihen und anderen signalisieren, dass er sich nicht gänzlich den herrschenden Verhältnissen unterordnen will, ohne sich deshalb auch nur im Geringsten außerhalb der Gesellschaft stellen zu müssen. Diesen radical chic haben sich Popstars wie Robbie Williams, Models wie Giselle Bündchen und Sportidole wie Diego Maradona zu Nutze gemacht - und zum Verdruss der Linken inzwischen selbst militante Neonazis, die sogenannten Autonomen Nationalisten, die Guevaras Hass auf die Weltmacht USA für ihre Zwecke vereinnahmen wollen.

Das ungebrochene Interesse an Che-Biographien, Reisetagebüchern Guevaras und Filmen über ihn lässt indes noch eine andere Vermutung zu, die sich nicht in seiner äußerlichen Attraktivität erschöpft. Denkt man an die Studentenrevolte zurück, dann hatte die Rezeption Che Guevaras neben einer politischen Radikalisierung auch zur Folge, dass sich das alltägliche Leben intensivierte. Wer nach Guevaras Maxime "Es gibt kein Leben außerhalb der Revolution" alle Zeit und Energie einer Sache widmete, dem stellte sich in dieser leidenschaftlichen Hingabe die Frage nach dem Sinn des Lebens nicht. Eine solche Fixierung ist in Zeiten überbordender individueller Wahlmöglichkeiten, zunehmender Flexibilität und Mobilität sicher anachronistisch. Aber gerade deshalb bietet sich für alle diejenigen, die sich damit nicht zufrieden geben wollen, Che Guevaras Leben - nicht so sehr seine politischen Ideen - als Projektionsfläche an.

Das eröffnet den Blick auf einen ganzen Strauß ähnlich gelagerter Motive, die den "Mythos Che" auch in revolutionsfernen Zeiten ständig speisen. So sind mit dem Zusammenbruch der realsozialistischen Staaten und dem damit verbundenen Ende des "Weltbürgerkriegs" die globalen Verhältnisse immer unübersichtlicher geworden. Wer sich nicht blindlings einer Politik entlang der "Achse des Bösen" verschreiben will, für den ist es immer schwerer geworden, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Dazu haben sowohl die Erfahrungen der vergangenen Jahrzehnte als auch die ambivalente Rolle der gestiegenen Prognosefähigkeit beigetragen. Heute lassen sich immer präziser die negativen Folgen einer mit den besten Absichten ausgestatteten Politik vorhersehen, ohne dadurch schon Maßstäbe für richtiges Handeln an die Hand zu geben - ein Dilemma, das gerade der um Hilfe bemühten "Entwicklungspolitik" zum Verhängnis geworden ist. Demgegenüber präsentiert sich Guevaras politischer Ideenhimmel als Relikt aus einer anderen Zeit und bietet in seinem radikalen Eintreten für die Unterdrückten und Entrechteten all jenen Halt, die der Gewissensnot zu entkommen suchen. Wer sich in diesem Sinne auf ihn beruft, kann sich auf der moralisch richtigen Seite der Geschichte wähnen, auch nach dem Untergang des "wissenschaftlichen Sozialismus", der dasselbe stets für sich reklamiert hatte. Die trotzigen Schwundformen konnte man schon vor gut einem Jahrzehnt beobachten, als einige junge Kommunisten in Berlin die Präsentation des "Schwarzbuchs des Kommunismus" zu stören versuchten, indem sie im Chor skandierten: "Ihr werdet's nicht vermuten, wir sind die Guten."

Man mag das als Unbelehrbarkeit bezeichnen oder als törichte Weltfremdheit, als Donquichotterie - und läge mit Letzterem in Bezug auf das Selbstverständnis des kubanischen Revolutionärs gar nicht so falsch. Che Guevara hat sich in seinem Abschiedsbrief an seine Eltern, bevor er sich 1965 erneut in den Dschungel aufmachte, selbst als Don Quichotte bezeichnet. Allerdings war das kein - wie die Kritiker meinten - Eingeständnis seiner abwegigen Politikauffassung, mit Hilfe eines nahezu beliebigen Guerillafokus die Revolution voranzutreiben, sondern das Bekenntnis, von einem radikalen Idealismus auch und gerade in einer zunehmend entfremdeten Welt nicht lassen zu wollen. Eine Weltfremdheit also, ohne Zweifel. Aber eine, die von Guevaras Verehrern aus dem Kontext politischer Naivität herausgelöst und als Widerständigkeit gefeiert wurde, widerständig gegenüber einer Vergesellschaftungsform, in der alles zur Ware degradiert scheint, wo jegliches Tun, gleich in welchem Lebensbereich, in ökonomischen Begriffen diskutiert und nach ökonomischen Kriterien beurteilt wird. Wer sich mit dem inzwischen alternativlos gewordenen politischen Pragmatismus nicht abfinden will und in nüchterner Realpolitik nur ideenloses Weiterwursteln sieht, dem wird Guevaras Donquichotterie auch fern aller revolutionären Absichten zum Ehrentitel. Denn in diesem weltfremden Idealismus scheint noch auf, dass es - wenn schon ein wahres Leben im falschen nicht möglich ist - etwas gibt, das den ökonomischen Materialismus transzendiert, ohne in die Religion auszuweichen.

Dabei hat es eine religiöse Ausdeutung von Guevaras Wirken durchaus gegeben, die bald nach seinem Tod aufkam und spätestens seit Wolf Biermanns Lied vom "Comandante Che Guevara" geläufig geworden ist: Che Guevara als "Christus mit der Knarre". Bereits zu Lebzeiten war Guevara von vielen als ein außergewöhnlicher Mensch angesehen worden, von manchen aufgrund seiner asketischen und strikt egalitären Haltung, seinem Gerechtigkeitsfanatismus, seiner Verachtung des Geldes und des Todes gar als ein Heiliger verehrt worden. Die Art seines Todes steigerte diese Verehrung noch einmal und machte aus Guevara einen neuen Christus. In seiner wenige Monate zuvor im bolivianischen Dschungel verfassten "Botschaft an die Völker der Welt" hatte Guevara sein Ende kommen gesehen, war ihm bewusst nicht ausgewichen, sondern hatte den Tod willkommen geheißen, wenn er denn - so Guevara - der "Erlösung der Menschheit" von Unterdrückung und Ausbeutung diene. Diese anmaßende Deutung seines Selbstopfers verfehlte ihre Wirkung nicht und war Wasser auf die Mühlen derer, die in ihm einen neuen Christus sehen wollten.

Doch dieses Bild war von vornherein in einem zentralen Punkt schief. Jesus Christus hatte sich mit dem Wort, sein Reich sei nicht von dieser Welt, geweigert, die Gottesherrschaft gewaltsam durchzusetzen. Aber gerade diese offensichtliche Diskrepanz, welche die ganze Christusanalogie zum Einsturz zu bringen drohte, erhöhte die Attraktivität von Che Guevara. Nachdem mittels des Christusbildes die Reinheit der Person Che Guevaras und seiner Motive suggeriert worden war, konnte nun auch die von ihm propagierte Gewalt als reine, das heißt unbedingte, göttliche Gewalt erscheinen, die über jeden Legitimationszwang erhaben war. Die Bezeichnung "bewaffneter Christus" war dann kein Widerspruch in sich mehr, wenn Che Guevara als Guerillero Reinheit attestiert wurde. Für seine "Jünger" hieß das: Wer in seinem Namen Gewalt ausübte, stand unmittelbar auf der Seite der Gerechtigkeit, war selbst ein Gerechter.

Dass dies keine bloße Gedankenfigur ist, davon konnten sich im Herbst 2008 Millionen von Deutschen anlässlich der Ausstrahlung des TV-Films "Mogadischu" überzeugen: Die Entführer der im September 1977 gekaperten Lufthansa-Maschine trugen alle Che-Guevara-T-Shirts - keine Grille des Regisseurs, wie die hineingeschnittenen Originalbilder bewiesen -, womit sie sich plakativ in die Nachfolge Guevaras stellten und dessen Auffassung auch für ihr Handeln in Anspruch nahmen: Gewalt, so furchtbar sie auch erscheinen mag, ist legitim, wenn sie nicht einem persönlichen Vorteil dient, sondern der revolutionären Sache. Dazu passend nannte sich der Anführer der Terroristen "Captain Martyr Mahmud" und signalisierte damit die Bereitschaft zum Selbstopfer im Namen der Menschheit. Auch in diesem Fall gilt: Nachdem das Revolutionsideal, das Che Guevara verkörperte, verblasst ist und Gewaltanwendung mittlerweile selbst in Kriegshandlungen beargwöhnt wird, kann er dennoch als Projektionsfläche herhalten für das Bedürfnis, das eigene Handeln in eine Perspektive einzustellen, die von vornherein über jeden Verdacht erhaben ist, irgendeinem "wohlverstandenen Eigeninteresse" zu dienen.

Diese heute weitverbreitete Leitlinie individuellen und kollektiven Handelns gilt den Verehrern Che Guevaras als nur mäßig kaschierter Egoismus und Nationalismus, als ein allgemeines enrichissez-vous, das alle gesellschaftlichen Schichten ergriffen habe - vom Boni-Banker über die korrupten Potentaten bis hinunter zum gemeinen Volk, das sich frühmorgens stundenlang die Beine in den Bauch steht, um bei der Eröffnung eines neuen Megastores auf Schnäppchenjagd zu gehen. Bei dieser Diagnose ist es mit Solidarität nicht mehr getan, da hilft auf der Suche nach reinen Motiven als Weihwasser nur noch die Menschheitsperspektive, die Che Guevara - zumal in seinem politischen Testament - für sich reklamierte.

Wenn man nach weiteren Motiven für die Faszination Che Guevaras Ausschau hält, so ist schließlich das berühmte Urteil des französischen Philosophen Jean-Paul Sartre zu erwähnen, für den Guevara nicht nur ein Intellektueller, sondern der "vollkommenste Mensch unserer Zeit" war. Das war weder anthropologisch noch pädagogisch gemeint, sondern das Wort von der Vollkommenheit bezog sich auf die Übereinstimmung von Che Guevaras Denken und Handeln. Das Pathos der von Sartre bewunderten Einheit von Theorie und Praxis ging aber nicht von dieser selbst aus, sondern die Einheit konnte nur dann vollkommen sein, wenn die Praxis so frei und vor allem so radikal war wie das Denken des Intellektuellen. Mit der Idealisierung der Radikalität konnte sich Sartre gewiss sein, den Spuren von Guevara zu folgen. Für diesen war Mäßigung ein Begriff aus der Sprache der Kolonialherren. Von Mäßigung sprachen in seinen Augen nur diejenigen, die einen Verrat planten.

Man muss Che Guevara zugestehen, dass er sich seit den Zeiten der kubanischen Guerilla mit großem Erfolg bemüht hat, dieser Maxime treu zu bleiben. Welche politischen Folgen die Übertragung radikaler Theorie in die Praxis haben konnte, das wusste er - oder ahnte es zumindest - und war bereit, persönlich dafür den Preis zu zahlen. Allerdings scheute er sich auch nicht, anderen diese Kosten zuzumuten, wenn man etwa an seine Haltung in der Kuba-Krise denkt, als er für die Durchsetzung seiner politischen Ideen auch den Einsatz von Atomwaffen in Kauf genommen hätte. Das Pathos der Radikalität, das einst die 68er Generation beherrschte, ist weitgehend verflogen, geblieben ist der Wert, der sie trug: das Ideal der Übereinstimmung von Denken und Handeln, die der, der danach strebt, in Guevaras Biographie allemal finden kann. Allerdings sind heute die ungewollten Nebenfolgen des radikalen Anspruchs "alles Private ist politisch" in den nachmittäglichen Fernsehsendungen zu bestaunen, wo im Namen des Authentischen regelmäßig und in bewusster Schamlosigkeit die Grenze zwischen Privatem und Öffentlichem eingerissen wird.


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