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4.10.2010 | Von:
Stephan Lahrem

Faszination Che

Entzauberung?

Wenn man nach den Gründen sucht, warum Che Guevara noch heute auf viele Menschen faszinierend wirkt, so lässt sich festhalten: Die hier thematisierten Sehnsüchte nach Intensität, Gerechtigkeit, Idealismus, Reinheit oder Identität - es ließen sich sicherlich noch weitere Motive diskutieren - können am Leben und Wirken Che Guevaras einen vorzüglichen Halt finden. Dass sie damit seine Person idealisieren, liegt in der Natur der Sache, denn genau solche Projektionen sind es, die den "Mythos Che" auch weiterhin auf je spezifische Weise pflegen. Solange diese Wünsche und Hoffnungen präsent sind, solange wird jeder Versuch der Che-Verehrer, mit dem Rekurs auf den "authentischen" radikalen Che Guevara die gegenwärtigen Schwundformen und Kommerzialisierungen bekämpfen zu wollen, ebenso wenig fruchten wie jeder Versuch der Guevara-Kritiker, mit dem Verweis auf den "empirischen" Che Guevara den "Mythos Che" entzaubern zu wollen. Das gilt, um nur zwei Beispiele anzuführen, sowohl für den Versuch von Ches Tochter Aleida, das Porträt ihres Vaters mit juristischen Mitteln vor der kommerziellen Indienstnahme zu schützen, als auch für den vor nicht langer Zeit unternommenen Versuch des CDU-nahen Studentenverbandes RCDS, mit der Kampagne "Ciao, Guevara! Schau der Wahrheit ins Gesicht" die Schattenseiten Guevaras aufzuzählen und so dem Che-Mythos zu Leibe zu rücken.

Wie sieht es nun mit den Vorteilen aus, von denen anfangs die Rede war und die sich mit dem guerrillero heroico erzielen lassen? Che Guevaras Person wird in erster Linie mit Begriffen wie Kompromisslosigkeit, Bescheidenheit, Unbestechlichkeit charakterisiert - alles Topoi aus dem Umfeld der Askese. Gerade in Guevaras radikaler Selbstlosigkeit (wobei der Tod nur den Schlusspunkt bildete) aber verbirgt sich die Tragik und das prinzipielle politische Scheitern Che Guevaras. Dadurch ist er für die meisten Zeitgenossen und noch mehr für die Späteren in eine Ferne gerückt, die es ihnen ermöglicht, Guevara zu bewundern, ohne ihm zu folgen.

Es ist das Selbstopfer im Namen der Revolution, das den Kern des "Mythos Che" ausmacht und Verehrung wie Tatenlosigkeit gleichermaßen erzeugt. "Che" ist zu einem Erkennungszeichen geworden, mit dem man radikale Unangepasstheit demonstriert. Und das ist ein ideeller Gewinn, der bedenkenlos einzustreichen ist, weil man sicher sein kann, dass niemand mehr irgendwelche politischen Konsequenzen erwartet.


Dossier

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