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22.9.2010 | Von:
Heinrich Kreft

Chinas Aufstieg - eine Herausforderung für den "Westen"

Wachsendes Gewicht in der Weltwirtschaft

Der Aufstieg Chinas bedeutet auch für die Weltwirtschaft tiefgreifende Veränderungen - obgleich diese de facto die Rückkehr zu den vorkolonialen Kräfteverhältnissen bedeuten. China hat heute wieder einen Anteil am Weltsozialprodukt wie schon vor etwa 200 Jahren. Der Aufstieg Chinas (und auch Indiens) verändert weltweit die ökonomischen und damit auch die politischen Kräfteverhältnisse und Grundmuster nachhaltig. Mittlerweile gilt es als wahrscheinlich, dass China bereits 2035 - also erheblich früher als bisher angenommen - die USA als größte Volkswirtschaft der Welt ablösen könnte.

Trotz des Wachstumstempos der vergangenen Jahre verfügt China aber erst über einen Anteil von etwa sieben Prozent am Weltbruttosozialprodukt gegenüber jeweils einem Drittel Europas und der USA. Doch bereits in 20 Jahren wird China seinen Anteil verdreifacht und damit zu Europa und den USA aufgeschlossen haben. Als Folge der rapiden Wirtschaftsentwicklung verfügt China nicht nur dank gewaltiger Exportüberschüsse über Rekorddevisenreserven von 2,4 Billionen US-Dollar, sondern ist in diesem Jahr auch zum größten Emittenten von klimaschädlichen Gasen geworden. Die künftige Energiepolitik Chinas wird einen prägenden Einfluss auf den globalen Klimawandel haben.

Trotz aller Dynamik darf nicht übersehen werden, dass China nach wie vor mit großen innenpolitischen Problemen konfrontiert ist, welche das weitere Wachstum negativ beeinflussen können.[3] Die schnelle Modernisierung des Landes geht mit einer Akzentuierung bestehender innerer Widersprüche einher. Dazu gehören eine ständige Gratwanderung zwischen hohem Wachstum und Überhitzung, massive gesellschaftliche Ungleichgewichte (große Wohlstandsunterschiede zwischen Stadt und Land sowie zwischen Küstenprovinzen und Binnenland), bis zu 150 Millionen Wanderarbeiter und hohe Arbeitslosigkeit (in zunehmendem Maße auch unter Hochschulabgängern) sowie die fortgesetzte Zerstörung natürlicher Lebensgrundlagen. Hinzu kommen die Zunahme sozialer Proteste, Probleme bei der Implementierung von Politik und modernem Recht sowie eine systemische Korruption. Die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) tut sich immer schwerer damit, die Entwicklungen zu steuern und zu kontrollieren. Die Folge ist eine zunehmende Erosion der Legitimität der Partei. Ungeachtet der unbestrittenen Erfolge der vergangenen 30 Jahre und der wiederholt unter Beweis gestellten Anpassungsfähigkeit der KPCh bleiben daher Zweifel an ihrer Zukunftsfähigkeit.

Allerdings muss anerkannt werden, dass China, das aufgrund seiner starken Exportorientierung massiv von der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 betroffen war, die Finanzkrise in einem großen Kraftakt besser bewältigt hat als die USA, Europa oder andere Schwellenländer. Um der Wachstumsabschwächung zu begegnen, hat die chinesische Regierung Ende 2008 ein Konjunkturprogramm von umgerechnet 586 Milliarden US-Dollar aufgelegt, das im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) 13 Prozent ausmachte. Damit hat China die Krise genutzt, um den Rückstand seiner Volkswirtschaft in puncto Größe und Entwicklungsniveau gegenüber den OECD-Staaten merklich zu verringern.

Fußnoten

3.
Vgl. Heinrich Kreft, China - Die soziale Kehrseite des Aufstiegs, in: APuZ, (2006) 49, S. 15-20.