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25.6.2010 | Von:
Michael Rauhut

Held der Arbeiterklasse: Zur John-Lennon-Rezeption in der DDR

Die Beatles als Projektionsfläche

Keine andere westliche Band löste in der DDR eine derart gewaltige Resonanz aus wie die Beatles. Sie blieben bis zuletzt ein Medienthema, prägten den Alltag ganzer Fangenerationen und wurden immer wieder für Propagandazwecke missbraucht.

Ende 1965 kippte die offizielle Bewertung der Beatles ins Negative. Bislang hatte selbst die politische Presse die Musik der Fab Four als im Kern fortschrittlich und dezent kapitalismuskritisch eingeschätzt. 1964 schwappte die sogenannte Beatlemania, eine von den Westmedien geschürte Massenhysterie, auch auf die DDR über. Unzählige Teenager verfielen dem neuen Sound, sie erklärten John, Paul, George und Ringo zu Fixsternen und gründeten eigene Bands. Die Kulturadministration erkannte in der Attitüde des Do it yourself! eine doppelte Chance. Einerseits sah sie Schnittstellen zum Kurs der Öffnung, wie er im September 1963 vom Politbüro des Zentralkomitees der SED mit dem Kommuniqué "Der Jugend Vertrauen und Verantwortung" gefordert wurde. Nach dem Mauerbau setzte die Führung auf einen Dialog mit den "Hausherren von morgen". Das schloss ein flexibleres Kulturverständnis ein. Im Kommuniqué war zu lesen: "Niemandem fällt ein, der Jugend vorzuschreiben, sie solle ihre Gefühle und Stimmungen beim Tanz nur im Walzer- oder Tangorhythmus ausdrücken. Welchen Takt die Jugend wählt, ist ihr überlassen: Hauptsache, sie bleibt taktvoll!"[1]

Zum anderen sollte die Beatbegeisterung das Postulat des "sozialistischen Laienschaffens" stützen. Der Zentralrat der Freien Deutschen Jugend (FDJ) verabschiedete im April 1965 einen "Standpunkt der Abteilung Kultur zur Arbeit mit den Gitarrengruppen", wie man die Beatbands in Abgrenzung zur Terminologie des "Klassenfeinds" bezeichnete. Ihre Musik wurde prinzipiell als "progressive Erscheinung der Tanzmusikentwicklung" identifiziert, als Klang der Moderne, der sich aus einem "neuen Lebensgefühl" im Zuge "der technischen Revolution in der ganzen Welt" speise. Das Grundsatzpapier rief zu einem landesweiten Wettbewerb auf, der den Wildwuchs der Szene unter Kontrolle bringen und kanalisieren sollte. Auch zu den Vorreitern der Welle, den Beatles, bezog die FDJ Position. Die doppelzüngige Einschätzung verriet strategisches Kalkül, das sich jederzeit ein Hintertürchen offen hielt: "Zur Popularisierung der Beatles vertreten wir die Auffassung, dass wir ihre progressiven Initiativen achten, aber ihre Bedeutung für unsere Tanzmusikentwicklung, begründet in ihrem widersprüchlichen Auftreten, nicht überschätzen."[2]

Ein ähnlicher Tenor beherrschte die Pressestimmen von 1964/65. Das SED-Zentralorgan "Neues Deutschland" gab im Juli 1964 die Linie vor. Die frühen Beatles wurden als "Kellerkinder der verrauchten Industrie- und Hafenstadt Liverpool" porträtiert, deren Musik und Habitus "den Konservatismus und die Starrheit ihrer wohlsituierten und spießerhaften kapitalistischen Umwelt" torpedierten. "Damit repräsentieren sie das jugendliche Auflehnungsbedürfnis einer ganzen Generation gegen eine überholte Gesellschaftsordnung." Doch schon bald hätten sie die künstlerische Selbstkontrolle verloren und seien zum Rädchen eines gigantischen Manipulationsapparats mutiert. Deshalb wäre exakt "zwischen dem zu unterscheiden, was dieser Gruppe von ihrem Ursprung her an Neuem und Originellem wirklich eigen ist und dem, was infolge der kommerziellen Ausnutzung unter kapitalistischen Verhältnissen an Unechtem und Ungesundem hinzugefügt wurde".[3]

Bis zum Herbst 1965 besaßen die Beatles nicht nur einen festen Platz in der Tagespresse, sondern auch in den Jugend- und Unterhaltungsmedien der DDR. Zahlreiche Zeitschriftenartikel erzählten ihre Geschichte, spekulierten über die Psychologie des "Beatle-Rummels"[4] und das große Geschäft, es erschienen Noten und Texte für die Hand des seriösen Musikliebhabers, im Rundfunk liefen ihre Songs und Coverversionen. Der VEB Deutsche Schallplatten veröffentlichte 1965 drei Singles und eine komplette Lizenz-LP der Beatles.

Mit dem 11. Plenum des ZK der SED im Dezember 1965 wendete sich das Blatt. Hochrangige Politiker verteufelten die Beatmusik in Bausch und Bogen. Staatschef Walter Ulbricht attackierte den "Dreck, der vom Westen kommt", und die "Monotonie des Jay, Jeh, yeh [sic!]".[5] Der FDJ-Zentralrat distanzierte sich bereits im Vorfeld von seinem "Standpunkt" und dem "ganzen Quatsch, der da philosophisch erdacht wurde": "Herausgekommen ist ein Wettbewerb für jedermann, die FDJ hat, ob sie das wollte oder nicht, in der ganzen Republik den Zurückgebliebensten die Bühne freigegeben. Den Gammlern, den Arbeitsscheuen, den Westfans, den bewussten Gegnern unserer Kulturpolitik der DDR."[6] Hinter dem Frontalangriff auf den Beat, wie er im Umfeld des ZK-Plenums entbrannte, verbarg sich weitaus mehr als ein hochkochender Generationskonflikt oder ästhetische Aversion. Er wurde von den Hardlinern als populistischer Nervenkrieg gegen die Liberalisierungstendenzen der beginnenden 1960er Jahre angezettelt. Die Debatten über Beat und Beatles waren eine wirkungsvoll inszenierte Vehikeldiskussion.[7]

Nach dem 11. Plenum verschwanden die Beatles schlagartig aus den Medien der DDR. Als sie wieder auftauchten, dienten sie erneut als politische Projektionsfläche und Manövriermasse des Kalten Krieges. Je nach Bedarf wurden sie zu Arbeiterkindern aus den "Slums" von Liverpool stilisiert, deren Songs sich "durch eine realistische Widerspiegelung des Lebens der werktätigen Schichten" auszeichneten, zu Opfern der "zersetzenden Einflüsse des Reichtums und des Show-Business", zum Produkt "kapitalistischer Manipulation" oder gar zu "Wirtschaftsbossen".[8] Die Argumente waren keineswegs hausgemacht, sondern fast durchweg der westdeutschen Presse entliehen. Man partizipierte am Pluralismus der Bundesrepublik und an der Deutungsunsicherheit der bürgerlichen Medien und verleibte sich auch die Schlagzeilen über Skandale und Exzesse ein, über Drogen, Sex und die juristischen Schlammschlachten um den großen Reibach. Die SED-Ideologen schöpften die ganze Palette der intellektuellen und Regenbogenpresse ab, sie bedienten sich links und rechts, zitierten unter der Hand die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", "Konkret" oder "Die Zeit" genauso selbstverständlich wie "Bravo", "Quick" und die "Bunte".

In den 1970er und 1980er Jahren wurde das Beatles-Bild der DDR mehr und mehr platter Propaganda entkleidet. Es rückten die künstlerischen Pioniertaten in den Fokus, das OEuvre der "Spitzenkönner", die der populären Musik "völlig neue Dimensionen"[9] eröffnet hatten.[10]

Fußnoten

1.
Eine detaillierte Betrachtung der komplexen jugendpolitischen Reformansätze findet sich bei: Michael Rauhut, Beat in der Grauzone. DDR-Rock 1964 bis 1972 - Politik und Alltag, Berlin 1993, S. 54-64, Zitat: S. 63.
2.
Alle Zitate: Zentralrat der FDJ, Abteilung Kultur, Standpunkt der Abteilung Kultur zur Arbeit mit den Gitarrengruppen, 17.3.1965, Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv (SAPMO-BArch), DY 24/6.381.
3.
Martin Meyer, Jugendliche Begeisterung - ein Geschäft? Eine Betrachtung über die Beatles, in: Neues Deutschland (ND) vom 10.7.1964, S. 4.
4.
Rose Grant, Wie verrückt kannst du werden?, in: Das Magazin, 11 (1964) 8, S. 55.
5.
Stenografisches Protokoll, SAPMO-BArch, DY 30/IV2/1/337, Bl. 57f.
6.
Horst Schumann, 1. Sekretär des FDJ-Zentralrats, Referat auf der Mitgliedervollversammlung der Parteiorganisation Zentralrat der FDJ am 1.12.1965, SAPMO-BArch, DY 24/9.415.
7.
Vgl. M. Rauhut (Anm. 1), S. 155-164.
8.
Die Zitate entstammen der Zeitschrift Volksmusik, 12 (1967) 7, dem Covertext der 1974 veröffentlichten Lizenz-LP "A Collection of Beatles-Oldies", Meyers Universallexikon 1980, Meyers Jugendlexikon 19755 und der Zeitschrift Neues Leben, 17 (1969) 3.
9.
Andreas J. Müller, The Beatles, in: Das Magazin, 29 (1982) 10, S. 36f.
10.
In mehrfacher Auflage erschien ein 200 Seiten starkes Buch, das bei der Fachkritik allerdings durchfiel: Gottfried Schmiedel, Die Beatles. Ihr Leben und ihre Lieder, Leipzig 1983.

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