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25.6.2010 | Von:
Michael Rauhut

Held der Arbeiterklasse: Zur John-Lennon-Rezeption in der DDR

Die Netzwerke der Fans

In den Sicherheitsdebatten der 1960er Jahre wuchsen die Beatles zum Synonym für Dekadenz und Infiltration. Sie galten als Leitbild einer Bewegung, die dem Kontrollanspruch des Systems zuwiderlief. Dieser Blickwinkel war für die interne Auseinandersetzung typisch, wie sie sich von der Ära des Rock 'n' Roll bis zu Punk und Heavy Metal durch die Geschichte zog. Der "Sirenengesang des Gegners" wurde weniger seiner "Misstöne" wegen gefürchtet, sondern aufgrund der jugendkulturellen Brisanz. Denn die war offensichtlich. Den Sicherheitsinstanzen blieb nicht verborgen, dass die sozialen und kommunikativen Qualitäten des Rock in der DDR durch das spezifische Klima der "geschlossenen Gesellschaft" aufgewertet wurden. Diese Musik avancierte zum Sinnbild für Freiheit, Widerstand und Anderssein. Unter ihrem Stern etablierten sich Nischen, Handlungsräume, in denen sonst verwehrte Erfahrungen gesammelt und Befindlichkeiten ausgelebt werden konnten. Mit den habituellen Eigentümlichkeiten und Attitüden der Fans, dem Gruppenverhalten der Gleichgesinnten oder den regelbrechenden Vorstellungen über Sexualität, Moral und Genuss wurde unablässig politischer Sprengstoff produziert.

Als das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) wenige Wochen vor der 11. Tagung des ZK der SED zur "Bekämpfung des Beatle- und Gammler-Unwesens" aufrief, richtete es sich gegen ein soziales Phänomen. Der berühmte Name der vier Liverpooler diente als assoziationsstarkes Etikett, das man fortan renitenten Teenagern und missliebigen Erscheinungen anheftete. Erich Mielke, der Minister für Staatssicherheit, ordnete im November 1965 an, "die durch sogenannte Beatles hervorgerufenen Entartungen der Musik und Auswüchse im persönlichen Auftreten mit geeigneten Mitteln und Methoden zu bekämpfen und auf die davon betroffenen Jugendlichen in der entsprechenden Weise einzuwirken".[11] Weil die "Beatle-Anhänger" eine "ausgesprochen westliche und zum Teil dekadente Lebensauffassung und Lebensweise" demonstrierten, seien sie "wesentlich stärker unter operativer Kontrolle zu halten".[12]

Observiert wurden auch die Fanklubs, die das Leben und Werk der Beatles sezierten. Selbst viele Jahre nach der Auflösung der Fab Four gründeten sich immer wieder derartige Vereinigungen. In den 1970er Jahren waren etwa der Beatles-Club im sächsischen Collm oder die Beatles Memory Agency aus Stralsund aktiv. Manche funktionierten ausschließlich per Briefwechsel, andere besaßen feste Strukturen, inklusive Klubausweis und eigenen Publikationen. Die Zahl der Mitglieder schwankte zwischen einer Handvoll und mehreren Dutzend, die sich aus der ganzen Republik rekrutierten. Internationale Kontakte waren üblich; sie hatten einen enormen Radius, reichten nach Ungarn oder in die Sowjetunion, die USA, nach Japan und Australien. Von dort bezog man wichtige Informationen, vor allem aber die begehrten Schallplatten. Oft wurden rare oder obskure Editionen des Ostblocks gegen Originale und Raubpressungen, sogenannte bootlegs, getauscht.

Das Angebot des DDR-Handels blieb überschaubar. Zwischen 1965 und 1984 wurden vier Langspielplatten und drei Singles mit Songs der Beatles, zwei LPs und eine EP, die John Lennon solo bzw. mit Yoko Ono und Elton John präsentierten, sowie eine LP und eine Single von Paul McCartney & Wings vom staatlichen Popmusik-Label Amiga unter Lizenz veröffentlicht. Hinzu kamen ein paar wenige Ausgaben, die der Intershop für harte Währung offerierte. Sammler waren letztlich auf den florierenden Schwarzmarkt angewiesen, wo sie für einen Long Player aus dem Westen den stolzen Preis von mindestens 100 Ostmark zahlen mussten.

Jenseits von Plattenbörsen und Flohmärkten organisierten die Beatles-Jünger ihre eigenen Zusammenkünfte. Weil man die Meldepflicht und Antragsprozedur umgehen wollte, wurden sie als private Feiern deklariert, als Geburtagsfeten oder Klassentreffen. Dort tauschten die Insider Tonträger und Informationen, hielten kleine Referate und knüpften in geselliger, quasi-familiärer Runde zum Klang ihrer Musik neue Kontakte. In den 1980er Jahren fanden solche Partys regelmäßig in Weimar, Apolda, Sömmerda, Pößneck, Erfurt, Leipzig, Rostock, Magdeburg, Berlin oder Glauchau statt, unter wohltönenden und manchmal auch ironisch-großspurigen Mottos wie die "Beatles Musikfestspiele" in Dresden-Cossebaude. Angekündigt wurden sie per Mundpropaganda und durch die Infoblätter der Fanklubs. Über die Jahre etablierten sich im Underground der DDR spezielle Fanzines - darunter "Beatlemania" (Erfurt), "The East Apple Scruffs" (Parey/Elbe und Rostock), "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club" (Glauchau) und "Fanscene" (Ost-Berlin). Sie wurden per Schreibmaschinendurchschlag, Thermopapier, Hektographie oder Foto vervielfältigt und oft auf abenteuerlichem Weg unters Volk gebracht. Ein Großteil der Texte und Datenbanken kopierte mühsam zusammengetragene Meldungen der Westpresse sowie ausländische Fan- und Fachliteratur.

Mit ihren raumgreifenden Initiativen bewegten sich die Beatles-Enthusiasten auf politisch und juristisch schwankendem Boden. Die Reaktionen des Staates fielen zwiespältig aus. Ein rigoroses Verbot blieb die Ausnahme. Zum Teil waren die Netzwerke überhaupt erst durch die Unterstützung der DDR-Medien möglich geworden. Die Presse und der Rundfunk stießen mit Artikelserien, Features und Specials auf ein anhaltend großes Interesse. Als die Jugendwelle DT 64 am 30. Juni 1978 eine opulente "Beatles-Parade" ausstrahlte, konnte sie auf das Votum von 1187 Postkarten zurückgreifen, die 20 Lieblingstitel kürten. Fans fanden per Annonce in den ostdeutschen Jugend- und Musikzeitschriften zueinander, sie tauschten Adressen übers Radio, das etwa in Gestalt der "Tip-Disko" des Senders Stimme der DDR mit dem "Beatles-Oldie der Woche" und einer entsprechenden Grußecke ein exklusives Forum bot.

Aus diesen Kontakten wuchsen illegale Organisationsstrukturen: Plattentauschringe, Vertriebswege und Fanklubs. Das MfS war über die Aktivitäten im Bilde und setzte auf eine Strategie der Unterwanderung und Kontrolle. Im Sommer 1983 geriet der Gründer der "Beatlemania" (BM) ins Visier. Ein Jahr zuvor war die erste Ausgabe des Fanzines erschienen, ein einzelnes DIN-A4-Blatt "voller gerade greifbarer Informationen",[13] das bald auf Heftstärke anschwoll und quartalsweise um die 70 Abonnenten erreichte. Zwar attestierte die Stasi, dass der Kreis der Eingeschworenen "keine feindlichen Ziele verfolgt" - in den zahlreichen Westverbindungen sah man jedoch potenzielle Kanäle der "politisch-ideologischen Diversion".

Weil der Druck und die Verbreitung der BM rechtswidrig war und ihr Herausgeber "eine gewisse Furcht vor strafrechtlichen Sanktionen" erkennen ließ, bereitete das MfS die Anwerbung als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) vor. Außerdem wurden ihm, der freiwillig drei Jahre bei der Nationalen Volksarmee gedient hatte und als Genosse der SED verpflichtet war, "eine positive Grundeinstellung zur gesellschaftlichen Entwicklung in unserem Staat" bescheinigt. Das "Anforderungsbild" des "zu gewinnenden Kandidaten" reichte über das Wirkungsfeld der BM hinaus. Er sollte seine Beziehungen nutzen und zur "Aufklärung, vorbeugenden Verhinderung und offensiven Bekämpfung gegnerischer Pläne und Absichten" im "Bereich negativ-dekadenter Jugendlicher" und von Fanklubs beitragen, die "über zahlreiche operativ interessante Verbindungen innerhalb der DDR als auch zu gleichartigen Organisationen/Institutionen im kapitalistischen Ausland verfügen" und sich "politischer Untergrundtätigkeit" zu verantworten hätten. Da der "Kandidat" in der Testphase durch "aktive Mithilfe", "Eigeninitiative", Zuverlässigkeit und den Willen zur Verschwörung überzeugte, wurde er am 14. Februar 1985 in der Konspirativen Wohnung "Schwarz" als IMS [14] "Carl Weise" angeworben.

15 Monate später gab die Stasi ein positives Ergebnis zu Protokoll: "Durch den Einsatz des IMS" sei "die Gründung eines DDR-offenen ,Beatles-Fan-Clubs' mit einer festen Leitungsstruktur sowie einer geplanten Anbindung an den Kulturbund der DDR verhindert" und "erste Zerfallserscheinungen erreicht worden", die sich unter anderem in "der Schaffung von Meinungsverschiedenheiten" äußerten. Als "Carl Weise" im März 1986 zur Freundin nach Erfurt zog, überließ er seine Wohnung in Gera "unserem Organ zur Nutzung".[15] Die später getroffene Selbsteinschätzung, wir "steckten mittendrin",[16] die freilich nicht als kritische Reflexion über Stasiverstrickungen gemeint war, bekommt vor dem Hintergrund der geheimdienstlichen Akten einen zynischen Beigeschmack.

Fußnoten

11.
Plan zur Unterstützung der gesellschaftlichen Kräfte bei der Bekämpfung des Beatle- und Gammler-Unwesens, Die Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (BStU), MfS, Zentrale Auswertungs- und Informationsgruppe (ZAIG), Nr. 10.518, Bl. 170.
12.
ZAIG, Bericht über Gruppierungen Jugendlicher in der DDR, Anfang November 1965, BStU, ZA, ZAIG 4608, Bl. 8 und 58.
13.
Vorwort des Ost-Specials, eines Sonderhefts anlässlich der 100. Ausgabe der Beatlemania, 2001, S. 4.
14.
IMS = "Inoffizieller Mitarbeiter zur politisch-operativen Durchdringung und Sicherung des Verantwortungsbereiches".
15.
Alle Zitate: BStU, MfS Gera X/785/84, Bl. 61f., 100, 102, 105, 194f.
16.
Vgl. das Ost-Special der Beatlemania (Anm. 13), Grußwort der Herausgeber, S. 3.

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