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25.6.2010 | Von:
Götz Nordbruch

Islamische Jugendkulturen in Deutschland

Islamische Jugendkulturen - ein Migrationsphänomen?

In der neueren sozialwissenschaftlichen Forschung wurden verschiedene Identitätsmodelle herausgearbeitet, die idealtypisch unter den 1,6 bis 1,8 Millionen Muslimen unter 25 Jahren in Deutschland zu beobachten sind.[4] Sowohl untereinander als auch gegenüber nicht-muslimischen Jugendlichen sind die Abgrenzungen fließend. So unterscheidet der Islamwissenschaftler Michael Kiefer zwischen (1) religionsfernen bzw. gering religiösen, (2) "fundamentalen", das heißt eng an traditionell-religiösen Normen orientierten, (3) nationalistisch-islamischen und (4) aktivistisch-islamischen Jugendlichen.[5]

Der Islam ist lediglich eine Facette der Identität, welche die Lebenswirklichkeit dieser Jugendlichen prägt. Er bietet, ähnlich wie ein eventueller Migrationshintergrund der Eltern und Großeltern, Anknüpfungspunkte für Einflüsse aus sozialen und ideologischen Kontexten, die sich von der nicht-muslimischen Mehrheit unterscheiden. Prägungen durch das familiäre Umfeld und die Nutzung von Medien aus den Herkunftsländern sind Faktoren, die sich auch im Alltag von jungen Muslimen niederschlagen.[6] Dennoch lässt sich weder aus dem Selbstverständnis als Muslim noch aus einer eventuellen Identifikation als Araber, Türke oder Albaner zwangsläufig auf Orientierungen und Lebensstile schließen, die grundsätzlich von jenen der Mehrheitsgesellschaft abweichen.

Schließlich sind sozialer Status und Geschlecht bei der Prägung der Jugendphase (nicht nur) junger Muslime nicht weniger bedeutsame Faktoren. Zudem teilen junge Muslime mit ihren nicht-muslimischen Altersgenossen die Sozialisation in Deutschland, was sich nicht zuletzt in der Ausbildung von "hybriden Identitäten" abzeichnet, in denen Deutsch-Sein, ethnische Herkunft und Religion als sich ergänzende Aspekte der eigenen Identität zusammengeführt werden.[7] Die islamischen Jugendszenen, die in den vergangenen Jahren entstanden, sind insofern weniger Migrationsphänomen als Teil der jugendkulturellen Entwicklungen vor Ort.

Fußnoten

4.
Vgl. Sonja Haug/Stephanie Müssig/Anja Stichs, Muslimisches Leben in Deutschland, im Auftrag der Deutschen Islam Konferenz, Nürnberg 2009, S. 105.
5.
Vgl. Michael Kiefer, Lebenswelten muslimischer Jugendlicher - eine Typologie von Identitätsentwürfen, in: Harry Harun Behr/Hansjörg Schmid/Mathias Rohe (Hrsg.), Was soll ich hier? Lebensweltorientierung muslimischer Schülerinnen und Schüler als Herausforderung für den Islamischen Religionsunterricht, Berlin 2010. "Fundamental" wird hier nicht im Sinne einer islamistischen, auf eine Islamisierung der Gesellschaft zielenden Orientierung verstanden. Vielmehr geht es um ein eher traditionalistisch geprägtes Festhalten an religiösen Normen und Werten. Eine andere Typologisierung bieten Hans-Jürgen von Wensierski/Claudia Lübcke, Hip-Hop, Kopftuch und Familie - Jugendphase und Jugendkulturen junger Muslime in Deutschland, in: Chr. Hunner-Kreisel/S. Andresen (Anm. 3), S. 158.
6.
Vgl. Dirk Halm, Freizeit, Medien und kulturelle Orientierung junger Türkeistämmiger in Deutschland, in: Hans-Jürgen von Wensierski/Claudia Lübcke (Hrsg.), Junge Muslime in Deutschland. Lebenslagen, Aufwachsprozesse und Jugendkulturen, Opladen 2007, S. 108-110.
7.
Vgl. Naika Foroutan/Isabel Schäfer, Hybride Identitäten - muslimische Migrantinnen und Migranten in Deutschland und Europa, in: APuZ, (2009) 5, S. 11-12.

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