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25.6.2010 | Von:
Götz Nordbruch

Islamische Jugendkulturen in Deutschland

Säkularisierung, Tradition und neue Religiosität

Die Bedeutung des Islam im Alltag junger Muslime ist in den vergangenen Jahren Gegenstand zahlreicher Studien gewesen. Auch darin wurden die Unterschiede deutlich, welche die Lebenswelten junger Muslime kennzeichnen. So machte die repräsentative Studie "Muslime in Deutschland" auf große Unterschiede unter muslimischen Schülerinnen und Schülern bezüglich der individuellen Glaubenspraxis aufmerksam - zum Beispiel hinsichtlich der Häufigkeit des Betens oder des Besuchs von Moscheen.[8]

Dennoch spielt die Religion unter jungen Muslimen eine wichtige Rolle.[9] Dabei gibt es durchaus generationsbedingte Unterschiede, wie religiöse Muslime ihre Religion im Alltag leben. Junge Muslime, die in Deutschland aufgewachsen sind, teilen nicht zwangsläufig die Vorstellungen und Traditionen, mit denen ihre Eltern oder Großeltern in der Türkei oder dem Libanon aufgewachsen sind. Auch hier sind zudem Unterschiede zu berücksichtigen, die sich zwischen den einzelnen Konfessionen und Sprachgruppen zeigen.[10]

In der nicht-islamischen deutschen Umwelt zeigen junge Muslime oft das Bedürfnis, ihre religiöse Identität und Zugehörigkeit zur Gemeinschaft der Muslime besonders zu bekunden. Ihre Situation unterscheidet sich von jener ihrer Eltern und Großeltern, in deren Herkunftsländern diese Zugehörigkeit noch selbstverständlich war. Muslime, die von ihren Eltern nicht unbedingt religiös erzogen wurden und in deren Leben Religion lange Zeit keine Rolle spielte, wenden sich im jungen Erwachsenenalter bisweilen umso entschiedener dem Islam zu. Auch der Wunsch nach Abgrenzung vom Elternhaus kann ein Grund sein, sich verstärkt der Religion zuzuwenden.[11]

Angesichts von Diskriminierungserfahrungen in Schule und Berufsleben und der Konfrontation mit anti-muslimischen Vorbehalten im Alltag steht das demonstrative Bekenntnis zum Islam auch für eine selbstbewusste Antwort auf gesellschaftliche Erfahrungen. Der Kampf gegen anti-muslimischen Rassismus, der oft als "Islamophobie" und damit als gegen die eigene religiöse Identität gerichtet wahrgenommen wird, spiegelt sich in dem Bekenntnis zum Islam wider.[12] Rassistisch motivierte Verbrechen wie der Mord an der ägyptischen Muslima Marwa El-Sherbini im Juli 2009 in Dresden geben Anlass, sich als Muslime zusammenzuschließen und das Gemeinsame der Gläubigen zu suchen.

Der betonte Bezug auf die eigene religiöse Gemeinschaft birgt jedoch auch Konfliktpotenzial. So dokumentiert die erwähnte Studie "Muslime in Deutschland" unter anderem die Verbreitung von Vorbehalten unter jungen Muslimen gegenüber der nicht-islamischen Gesellschaft.[13]

Fußnoten

8.
Vgl. Katrin Brettfeld/Peter Wetzels, Muslime in Deutschland: Integration, Integrationsbarrieren, Religion und Einstellungen zu Demokratie, Rechtsstaat und politisch-religiös motivierter Gewalt, Berlin 2007, S. 243.
9.
Vgl. Michael Blume, Islamische Religiosität nach Altersgruppen, in: Bertelsmann-Stiftung (Hrsg.), Religionsmonitor 2008. Muslimische Religiosität in Deutschland, Gütersloh 2008, S. 44.
10.
Vgl. Jörn Thielmann, Vielfältige muslimische Religiosität in Deutschland, in: ebd., S. 16.
11.
Zur Bedeutung der Religiosität unter jungen Muslimen vgl. auch Götz Nordbruch, Religiosität und Zugehörigkeit. Junge religiöse Muslime in Deutschland, in: Newsletter "Jugendkultur, Religion und Demokratie. Politische Bildung mit jungen Muslimen", Nr. 17/Mai 2009, S. 4-6, online: www.bpb.de/files/UN4ENL.pdf (3.6.2010).
12.
Vgl. K. Brettfeld/P. Wetzels (Anm. 8), S. 236-242.
13.
Vgl. ebd., S. 336 und S. 340.

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