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10.6.2010 | Von:
Harald Welzer

Erinnerungskultur und Zukunftsgedächtnis

Nationale und transnationale Erinnerungskulturen

Fragen der Tradierung von Geschichte und die Konstruktion von Vergangenheitsbildern haben stets eine wichtige Rolle für die Selbstvergewisserung von Individuen, gesellschaftlichen Gruppen, Institutionen von Herrschaft, Staaten und Nationen gespielt. Dies wird besonders in Umbruchzeiten deutlich, wenn Herrschaftsansprüche und Mechanismen zur Herrschaftsstabilisierung aus neu oder wieder "erfundenen Traditionen" begründet und mit einer neu konstruierten Geschichte abgesichert werden.[2] Gegenwärtig lassen sich zwei scheinbar gegenläufige, einander jedoch bedingende und prägende Tendenzen beobachten: erstens eine Neuverhandlung und Neubestimmung nationaler Geschichtserzählungen, zweitens die Öffnung nationaler Geschichtsschreibung hin zu einer transnationalen bzw. globalisierten Perspektive.[3]

Die Neubewertung der Vergangenheit des Zweiten Weltkriegs, der Besatzungszeit, der Kollaboration, der Vertreibung und des Widerstands gehört zu den zentralen Themen öffentlicher Diskurse in allen europäischen Gesellschaften. Das verwundert nicht: Der Umstand, dass alle westeuropäischen Gesellschaften inzwischen Einwanderungsgesellschaften sind, bringt die Notwendigkeit der Entwicklung einer transnationalen Erinnerungskultur mit sich. Die osteuropäischen Transformationsgesellschaften haben erhebliche Selbstvergewisserungsbedürfnisse und sind auf der Suche nach einer integrativen Geschichte, wobei es hauptsächlich Opfernarrative sind, die diese Suche anzuleiten scheinen. In den westeuropäischen Gesellschaften, die ihrem Selbstverständnis nach nicht von ähnlich tief greifenden Transformationen gekennzeichnet sind, scheint das erhöhte Bedürfnis nach Selbstvergewisserung über die Vergangenheit eher die Folge einer erheblichen Unsicherheit in Bezug auf die Zukunft zu sein – die sich angesichts sich verschärfender Wirtschaftskrisen noch vertiefen dürfte.

In diesem unübersichtlichen erinnerungskulturellen Gelände bilden sich transnationale Erinnerungsräume[4] heraus, was auf die folgenreichen Wirkungen horizontaler Europäisierungsprozesse verweist.[5] Der Nationalstaat kann nicht mehr der selbstverständliche Referenzpunkt von Geschichtsschreibung und -kultur sein, weil er den Identitäts- und Selbstvergewisserungsbedürfnissen von Schülerinnen und Schülern aus unterschiedlichen Herkunftsländern nicht entspricht. Für Jugendliche mit Einwanderungshintergrund bieten die schulische und mediale Vermittlung nationaler Geschichtskultur wenig, um ein Zugehörigkeit stiftendes Geschichtsbewusstsein entstehen zu lassen.[6] Hier sind neue, integrierende Wege der Geschichtsvermittlung gefragt. Ferner wird auf die "Globalisierung der Erinnerung" und die Konsequenzen der europäischen Integration für Geschichtskulturen und -vermittlung hingewiesen. Nationale Geschichtsbilder und -mythen verlieren ihre integrierende Kraft.

Mediale Repräsentationen gehen in eine internationale Ikonografie des Holocaust ein, der über nationale Geschichtskulturen hinweg zum gemeinsamen Referenzpunkt wird. Er steht für das inzwischen weltweit anzutreffende Paradigma einer Beschäftigung mit, wie Reinhart Koselleck es genannt hat, "negativer Geschichte", das seinerseits konfliktträchtig ist. Befürchtungen, die Beschäftigung mit den dunklen Seiten der eigenen Geschichte sei kontraproduktiv für die Stabilität einer Nation, haben sich für Deutschland langfristig als unzutreffend erwiesen. Jene, die zunächst auch in Opposition zum Staat für die Erinnerung an die Verbrechen eintraten, haben den Grundstein zu einer differenzierten Erinnerungslandschaft gelegt, die ausgesprochen positive Effekte für die Außenwahrnehmung Deutschlands hatte. Zugleich, und hier zeigt sich ein psychologisches Problem, haben noch immer viele Menschen Schwierigkeiten mit der prominenten Rolle, die der Holocaust im öffentlichen Gedächtnis Deutschlands einnimmt. Und schließlich treten Nationalsozialismus und Holocaust mit dem Verschwinden der Zeitzeugengeneration in den Aggregatzustand des kulturellen Gedächtnisses und der Historisierung. Die Erinnerungen daran werden kalt, die Aushandlungen weniger emotional.

Es gibt tiefe Unterschiede in den jeweiligen nationalen Basiserzählungen über den Zweiten Weltkrieg, den Holocaust, die Kollaboration und den Widerstand. In Deutschland ist diese Erzählung tendenziell metanarrativ angelegt - sie ist immer auch eine Auseinandersetzung damit, wie man Geschichte erzählen kann und wie nicht, wogegen sich in den anderen Ländern Erzählstrukturen finden, die viel stärker als nationale Geschichtsschreibung konturiert sind. Solche unterschiedlichen Modi historischer Kommunikation können einen gemeinsamen europäischen Geschichts- und Lernraum viel stärker behindern als unterschiedliche Bewertungen historischer Ereignisse.[7]

Fußnoten

2.
Vgl. Eric Hobsbawm/Terence Ranger (eds.), The Invention of Tradition, New York 1983; Florian Fiedler, Bildersturm in Osteuropa, München 1995.
3.
Vgl. Daniel Levy/Natan Sznaider, Memory Unbound: The Holocaust and the Formation of Cosmopolitan Memory, in: European Journal of Social Theory, 5 (2002) 1, S. 87-106.
4.
Vgl. ebd.
5.
Vgl. Ulrich Beck/Edgar Grande, Kosmopolitisches Europa, Frankfurt/M. 2004.
6.
Vgl. Viola B. Georgi, Entliehene Erinnerung. Geschichtsbilder junger Migranten in Deutschland, Hamburg 2003.
7.
Vgl. Christian Gudehus, Germany's meta-narrative memory culture. An essay on sceptic narratives and minotaurs, in: German Politics and Society. Special Issue: The dynamics of memory in 21st Century Germany, 26 (2008) 4, Winter 2008.