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10.6.2010 | Von:
Harald Welzer

Erinnerungskultur und Zukunftsgedächtnis

Private und öffentliche Erinnerungskulturen

Die Vermittlungen zwischen privater und öffentlicher Erinnerung pluralisieren sich. Dabei hat die in noch vor der Jahrtausendwende in Deutschland durchgeführte Untersuchung "Opa war kein Nazi"[8] gezeigt, dass die Erinnerungspraktiken und -inhalte der offiziellen Erinnerungs- und Gedenkkultur auf der einen und der privaten Erinnerungspraxis auf der anderen Seite erheblich auseinanderklaffen können.

Individuen gehören unterschiedlichen Erinnerungsmilieus an, wie sie durch Familien, lokale Gemeinschaften, Interessengruppen, pädagogische Rahmenvorgaben und nicht zuletzt durch die Massenmedien geschaffen werden. In Familien und kleinräumigen Erinnerungsgemeinschaften sind es gerade nicht die großen Erzählungen, sondern die kleinen, profanen Geschichten über partikulare Ereignisse und persönliche Erlebnisse, aus denen das gemeinsame Gedächtnis gebildet ist und in denen es sich tradiert.[9] Die Episoden und Geschichten, die oft en passant im Rahmen anderer Zusammenhänge erzählt werden, fungieren als Bausteine einer erinnernden sozialen Kommunikation, die der gemeinsamen Aufrechterhaltung des Gedächtnisses der Erinnerungsgemeinschaft dient.[10] In diesem Sinne kann man soziale Gruppen als Gedächtnissysteme verstehen, die in der Kommunikation ihrer Mitglieder ein "transaktives Gedächtnis" bilden, in dem jedes einzelne Mitglied als interner Speicher und die anderen Gruppenmitglieder als externe Speicher fungieren.[11] Die Familie stellt als Erinnerungsgemeinschaft ein Relais zwischen biographischem Erinnern auf der einen und öffentlicher Erinnerungskultur sowie offiziellen Geschichtsbildern[12] auf der anderen Seite dar.

Bislang ist die Bedeutung der Weitergabe von Vergangenheitsvorstellungen durch direkte Kommunikation, etwa in der Familie, gegenüber den Effekten pädagogischer Geschichtsvermittlungen erheblich unterschätzt worden. Was in der Familie beiläufig und absichtslos, aber emotional nah und damit immer auch als etwas vermittelt wird, was mit der eigenen Identität zu tun hat, kann andere Vorstellungen erzeugen als das, was über dieselbe historische Zeit in der Schule als Wissen vermittelt wird - und es kann für die Geschichtsdeutung wirksamer sein. Man kann diese Diskrepanz als Unterschied von "Album" und "Lexikon" bezeichnen, wobei deutlich ist, dass die emotional grundierte Vergangenheitsdarstellung des Albums zugleich auch eine Grenze der Wissensvermittlung durch Bildungsinstitutionen markiert: Der Gebrauch des Geschichtswissens bestimmt sich nach Deutungsrahmen, die jenseits der Institutionen entstanden sind. Dieser Befund wird noch bedeutsamer, wenn die Abnehmerinnen- und Abnehmergruppen der Bildungsangebote soziokulturell heterogen zusammengesetzt sind. Und schließlich wird das vermittelte Wissen je nach sozialer Konfiguration - Familiengespräch, politische Diskussion, Gedenkstättenbesuch - unterschiedlich eingesetzt.

Fußnoten

8.
Harald Welzer/Sabine Moller/Karoline Tschuggnall, Opa war kein Nazi. Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis, Frankfurt/M. 2002.
9.
Vgl. John Borland, Graffiti, Paraden und Alltagskultur in Nordirland, in: Harald Welzer (Hrsg.), Das soziale Gedächtnis. Geschichte, Erinnerung, Tradierung, Hamburg 2001, S. 276-295; Michael Zimmermann, Mythen der Verfolgung im israelischen Alltag, in: ebd., S. 296-320.
10.
Vgl. Angela Keppler, Tischgespräche, Frankfurt/M. 1994; H. Welzer (Anm. 9); H. Welzer et al.(Anm. 8).
11.
Vgl. Jerome S. Bruner, Sinn, Kultur und Ich-Identität, Heidelberg 1997; Harald Welzer, Über Engramme und Exogramme. Die Sozialität des autobiographischen Gedächtnisses, in: ders./Hans J. Markowitsch (Hrsg.), Warum Menschen sich erinnern können. Fortschritte der interdisziplinären Gedächtnisforschung, Stuttgart 2006, S. 111-128.
12.
Hier sind nationale Geschichtsschreibungen zu nennen, aber auch andere soziale, religiöse oder politische Gruppen verfügen über eigene Geschichtsbilder und -mythen; diese sind jedoch meist mit nationalen Vergangenheitskonstruktionen verschränkt.