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10.6.2010 | Von:
Harald Welzer

Erinnerungskultur und Zukunftsgedächtnis

Zukunftsgedächtnis

Dies alles lässt sich als Plädoyer dafür lesen, die Erinnerungskultur in Richtung Zukunft neu zu justieren. Dieses Plädoyer lässt sich mit einem weitgehend unbeachteten Aspekt der Gedächtnistheorie untermauern: Erinnerung dient der Orientierung in einer Gegenwart zu Zwecken künftigen Handelns. Deshalb spielen "Vorerinnerungen", wie Edmund Husserl[16] bemerkt hat, also Vorgriffe auf etwas erst in der Zukunft Existierendes, als Orientierungsmittel für die Ausrichtung von Entscheidungen und Handlungen eine mindestens so wichtige Rolle wie der Rückgriff auf real oder vorgestellt erlebte Vergangenheiten. Husserls Unterscheidung zwischen Retentionen als Rückgriffen auf Vergangenheitsbestände und Protentionen als auf Späteres gerichtete Intentionen, die schon die enorme Bedeutung von imaginierten Zukünften für Handlungsentwürfe und -ausführungen dargelegt hat, ist von Alfred Schütz in seinem Konzept der "antizipierten Retrospektionen" weiter entwickelt worden. Das humanspezifische Vermögen, die persönliche Existenz in einem Raum-Zeit-Kontinuum zu situieren und auf eine Vergangenheit zurückblicken zu können, hat den Zweck, Orientierungen für zukünftiges Handeln zu ermöglichen. Umgekehrt aber können Menschen auf eine Zukunft zurückblicken, die noch gar nicht Wirklichkeit geworden ist. Die grammatische Form dafür ist das Futurum II - es wird gewesen sein -, seine mentale Form die "antizipierte Retrospektion", der Vorausblick auf etwas im Vorgriff auf den Zustand seines Verwirklichtseins.[17]

Antizipierte Retrospektionen spielen für menschliches Handeln eine zentrale Rolle - jeder Entwurf, jeder Plan, jede Projektion, jedes Modell enthält einen Vorgriff auf einen Zustand, der in der Zukunft vergangen sein wird. Und genau aus diesem Vorentwurf eines künftigen Zustands speisen sich Motive und Energien - aus dem Wunsch, einen anderen Zustand zu erreichen als den gegebenen. Die prospektive Form des Gedächtnisses hat der menschlichen Lebensform den evolutionären Vorteil verschafft, Vorteile und Hindernisse bei der Gestaltung der Welt abschätzen und virtuell durchspielen zu können. Der Bezugspunkt des Gedächtnisses ist die gehoffte Zukunft.

Für das, was man unter Erinnerung und Gedächtnis versteht, öffnet sich damit ein erheblich weiterer Raum als bisher. Ungleichzeitigkeiten in Handlungsorientierungen und -optionen werden sowohl auf der gesellschaftlichen wie auf der individuellen Ebene zugänglich, die Schwerkraft von Selbstbildern und Habitusbildungen oder die Tiefenwirkung historischer Erfahrungen auf die Konzipierung von Zukunftsentwürfen oder allgemeiner: zukunftsbezogenen Handlungspotentialen werden besser verständlich. Wenn Zukunft systematisch zur Erinnerung gehört, könnte man eine "Theorie des Zukunftsgedächtnisses" (H.-J. Heinrichs) entwickeln. Damit würde die Privilegierung der Vergangenheit gegenüber der Gegenwart und der Zukunft in der Erinnerungs- und Gedächtnisforschung ebenso Geschichte sein wie die Höherbewertung des Erinnerns gegenüber dem Vergessen. Da jede Gedächtnistätigkeit ein selektiver Vorgang ist, ist Vergessen konstitutiv für Erinnerung überhaupt. Und da der funktionale Überlebenswert des Gedächtnisses von seinem Zukunftsbezug abhängt, ist es die Zukunft, die konstitutiv für das Gedächtnis ist, nicht die Vergangenheit. Die Zukunft macht Vergangenheit erst verstehbar und motiviert Geschichtsbewusstsein.

Fußnoten

16.
Edmund Husserl, Die Bernauer Manuskripte über das Zeitbewusstsein (1917/18), hrsg. von Rudolf Bernet/Dieter Lohmar, Dordrecht-Boston-London 2001, S. 12ff.
17.
Vgl. Alfred Schütz, Tiresias oder unser Wissen von zukünftigen Ereignissen (1959), in: ders. (Hrsg.), Gesammelte Aufsätze II. Studien zur soziologischen Theorie, Den Haag 1972, S. 261.