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10.6.2010 | Von:
Dörte Hein

Virtuelles Erinnern

Motivationen junger Nutzer

Die empirischen Untersuchungen zeigen, dass das Alter der User ein maßgeblicher Faktor bei der Quellenauswahl ist. So ist für die 14- bis 19-Jährigen das Web schon jetzt das wichtigste Informationsmittel. Damit unterscheidet sich diese junge Gruppe der Nutzer signifikant von jungen Erwachsenen im Alter von 20 bis 29 Jahren, für die nach wie vor historische Fachbücher die wesentlichen Informationsquellen sind. Besonders Schülerinnen und Schüler wenden sich verstärkt Online-Angeboten zu Nationalsozialismus und Holocaust zu. Das Internet ist für jüngere Zielgruppen als Medium der gezielten Recherche neben die gedruckte Fachliteratur getreten. Legt man die biografische Prägung des Medienhandelns zugrunde, ist zum einen zu vermuten, dass die heute 14-Jährigen dies auch dann noch tun, wenn sie 24, 34 oder 44 Jahre alt sind. Zum anderen liegt die Prognose nahe, dass auch bei nachfolgenden Generationen das Netz als Informationsmedium immer wichtiger wird. Was bedeutet das für die Zukunft der Erinnerungskultur im Online-Bereich?

Wichtig sind jungen Nutzern schon heute der Austausch und die Kommunikation mit Anderen zum Thema Nationalsozialismus und Holocaust. Die in Studien zur Online-Nutzung als "Junge Hyperaktive" bezeichnete Nutzergruppe ist sehr stark daran interessiert, sich durch das Netz nicht nur zu informieren, sondern sich auch mit Anderen auszutauschen. Dies entspricht den in der JIM-Studie 2009 ermittelten Befunden: Mit rund der Hälfte der online verbrachten Zeit entfällt auf die Nutzung kommunikativer Dienste wie Communities, Chats, E-Mail oder Messenger deutlich mehr Zeit als auf die Suche nach Informationen. Je älter die Internetnutzer aber werden, desto höher wird auch der Nutzungsanteil für die Informationssuche.[15] Auch im Stil der Nutzung unterscheidet sich die jüngere Generation deutlich von älteren Nutzern: Selbst wenn Interaktionsmöglichkeiten auf den Websites vorhanden sind, will sich ein Großteil der User hauptsächlich informieren. Elemente wie Diskussionsforen oder Chats spielen eine eher untergeordnete Rolle. Die prinzipiell mögliche Ausbildung von Online-Erinnerungsgemeinschaften ist bis dato bei einem Großteil der Nutzer nicht zu erkennen. Die Metapher vom Bauch der Weltgesellschaft beschreibt nicht die realen Verhältnisse der Online-Angebote und ihrer Nutzung. Auch seitens der Anbieter wird die technisch problemlos mögliche Einbindung der Nutzerinnen und Nutzer eher zurückhaltend erschlossen. Die Gründe dafür reichen von der Befürchtung, rechtsextremen Gedanken eine Plattform zu bieten, über mangelnde personelle und finanzielle Möglichkeiten der Betreuung bis hin zum allgemeinen Grundsatz, kein Ort zum Austragen von Debatten sein zu wollen.

Der webbasierte Austausch über Nationalsozialismus und Holocaust ist bisher eher Sache der jungen Nutzer. Altersübergreifend hingegen wird die Möglichkeit, historische Informationen nicht nur durch Texte, sondern auch mit Bildern, Tönen oder Videos zu vermitteln, als großer Vorteil des Webs angesehen. Historische Hintergrundinformationen sind dabei neben Berichten über Einzelschicksale sowie Links und Linklisten zu anderen thematischen Websites die wichtigsten inhaltlichen Bereiche von Websites des Themenspektrums Nationalsozialismus und Holocaust. Es scheint der Wunsch zu bestehen, neben Texten und Bildern auch Originaltöne und Videos nutzen zu können. Multimedialität wird im Sinne der emotionalen Kraft und des "Sich-in-die-Zeit-Hineinversetzens" positiv bewertet.

Multimedia als verheißungsvolles Potenzial neuer Medien - wie sehen das die Anbieter? Insgesamt dominiert Zurückhaltung. Die Anbieter sprechen sich - etwa aus den einleitend bereits angesprochenen Gründen der Angemessenheit der Darstellung - für einen reduzierten Umgang mit Bildmaterial und gegen Bilder im Sinne einer befürchteten "Betroffenheitspädagogik" aus. Die inhaltlichen Bezüge setzen den medialen Innovations- und Experimentiertendenzen der Kommunikatoren erkennbare Grenzen. Auch die technisch reduzierten Möglichkeiten der Websites, Urheberrechte bei Bildern oder die Priorität eines sachlich-informativen Zugangs sind Gründe für eine vorwiegend textliche Vermittlung. Der Mehrwert des World Wide Web für die multikodale (unter Verwendung mindestens zweier Symbolsysteme erfolgende) Vermittlung von Informationen wird zwar als Vorteil angesehen, bisher jedoch kaum umgesetzt.

Fußnoten

15.
Vgl. JIM-Studie (Anm. 12), S. 33.