APUZ Dossier Bild

10.6.2010 | Von:
Carlos Kölbl

Historisches Erinnern an Schulen im Zeichen von Migration und Globalisierung

Kulturell sensibles historisches Erinnern

Es ist deutlich geworden: Die Autoren der referierten Studien belassen es nicht bei der Identifikation empirischer Tatbestände, sondern formulieren auf ihrer Grundlage Vorschläge für eine Veränderung des Geschichtsunterrichts im Hinblick auf ein kulturell sensibles historisches Erinnern. Solche Vorschläge überschreiten eine "bloß" deskriptive in Richtung auf eine dezidiert normative Ebene. Sie stellen empirisch genährte Antwortversuche auf die Herausforderungen, die von Prozessen der Migration und der Globalisierung für die Schule ausgehen, dar. Diese Herausforderungen sollen hierzulande - so die Kultusministerkonferenz (KMK) in einem Beschluss vom Oktober 1996 - nicht im Rahmen eines eigenständigen Schulfaches aufgegriffen und produktiv bearbeitet werden. Vielmehr soll interkulturelles Lernen als schulische Querschnittsaufgabe begriffen werden, die in allen Fächern, fachübergreifend, in Projektunterricht sowie anderen Schulaktivitäten immer wieder zum Zuge kommt.[23] Dieser Forderung fühlen sich verstärkte fachdidaktische Bemühungen zur interkulturellen Öffnung der Schulfächer verpflichtet.[24] Im Hinblick auf ein kulturell sensibles historisches Erinnern sind einschlägige präskriptiv-didaktische Überlegungen aus dem Bereich der Geschichtsdidaktik von besonderem Interesse, die zum Teil über die oben referierten empirisch genährten normativen Vorschläge hinausgehen, sich streckenweise aber auch mit ihnen überlappen.

So schlagen Bettina Alavi und Bodo von Borries[25] eine Reihe von Lernzielen und Methoden zur interkulturellen Öffnung des Geschichtsunterrichts vor. Als Lernziele formulieren sie etwa das Training von Perspektivenwechsel, das Ertragen von Ambivalenz und Unterschieden sowie die Wahrnehmung des "Fremden im Eigenen" und des "Eigenen im Fremden". Als hilfreiche Methoden für die Erreichung dieser Ziele sehen die Autoren das Durcharbeiten möglichst kontroverser Materialien, Kulturvergleiche sowie eine kultur- und sprachsensible Gesprächsführung der Lehrkräfte an. Sinnvoll dürfte hier auch schon eine "Hausaufgabe" sein, die Marianne Krüger-Potratz ihren Studierenden im Rahmen von Lehrveranstaltungen zur Interkulturellen Bildung aufgibt: "Vergegenwärtigen Sie sich ihre Familiengeschichte über mehrere Generationen unter der Perspektive kultureller, ethnischer, nationaler und sprachlicher Heterogenität."[26]

An einschlägigen Themen, an denen mit den von Alavi und von Borries genannten Methoden gearbeitet werden könnte, besteht im Geschichtsunterricht kein Mangel. Alavi und von Borries heben etwa die folgenden Themenkomplexe hervor: Kulturkontakte und Kulturzusammenstöße (z.B. die "Kreuzzüge"), Fremdheit, Differenzerfahrung und Projektion (z.B. Rassismus), Minderheiten, Migration und Massaker (z.B. Judentum in Europa) sowie individuelle und kollektive Identitätsbildungsprozesse (z.B. die Erfindung des Nationenkonzepts). Etwas anders gewendet kann auch gesagt werden, dass ein kulturell sensibles Erinnern bzw. ein (inter-)kulturell aufgeklärtes Geschichtsbewusstsein eines ist oder sein sollte,[27] das Konstituenten einer allgemeinen (inter-)kulturellen Kompetenz umfasst; einen weiten Fokus hat, mithin die Grenzen eines lediglich auf die eigene Nation oder den eigenen "Kulturkreis" beschränkten geschichtlichen Horizontes sprengt und damit auf welt- und globalgeschichtliche Perspektiven zielt;[28] die Geschichte der Einheimischen, die Geschichte der Eingewanderten sowie die Geschichte ihres Verhältnisses zueinander enthält, was sich etwa in der Betrachtung der bundesrepublikanischen Nachkriegsgeschichte (auch) als Migrationsgeschichte äußern könnte;[29] die starke Verflochtenheit weltgeschichtlicher Prozesse und die mindestens partielle Unabgeschlossenheit kultureller Lebensformen erkennt (das "Eigene im Fremden", das "Fremde im Eigenen").

Fußnoten

23.
Vgl. KMK, Stellungnahme, in: Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.), Interkulturelles Lernen, Bonn 1998.
24.
Vgl. Hans H. Reich/Alfred Holzbrecher/Hans-Joachim Roth (Hrsg.), Fachdidaktik interkulturell, Opladen 2000.
25.
Vgl. Bettina Alavi/Bodo v. Borries, Geschichte, in: H.H. Reich u.a. (ebd.).
26.
M. Krüger-Potratz (Anm. 9).
27.
Vgl. Carlos Kölbl, Mit und ohne Migrationshintergrund. Zum Geschichtsbewusstsein Jugendlicher in der Einwanderungsgesellschaft, in: Viola B. Georgi/Rainer Ohliger (Hrsg.), Crossover Geschichte. Historisches Bewusstsein Jugendlicher in der Einwanderungsgesellschaft, Hamburg 2009, S. 71.
28.
Vgl. Susanne Popp, "... the examination of local phenomena from a global point of view ...". Didaktische Potentiale welt- und globalgeschichtlicher Perspektiven für das historische Lernen, in: Handlung Kultur Interpretation. Zeitschrift für Sozial- und Kulturwissenschaften, 14 (2005) 2, S. 343-363.
29.
Vgl. Jan Motte/Rainer Ohliger/Anne von Oswald (Hrsg.), 50 Jahre Bundesrepublik - 50 Jahre Einwanderung. Nachkriegsgeschichte als Migrationsgeschichte, Frankfurt/M. 1999.