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10.6.2010 | Von:
Tobias Winstel

Der Geschichte ins Gesicht sehen

Biographik in jüngerer Zeit

Gerade der Erfolg beim Publikum aber machte die Biographie als Genre für die wissenschaftlich arbeitenden Historiker lange Zeit verdächtig. Insbesondere in der deutschen zeithistorischen Fachwissenschaft hatte sie es in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts schwer. Die biographische Methode innerhalb der Historiographie galt vielen als unreflektiert, theoretisch anspruchslos und antiquiert, ja geradezu als reaktionär. Eine "personalisierte Geschichtsauffassung" wurde zum Kampfbegriff jener Epoche, die vielzitierten "menschenleeren Strukturlandschaften" kamen in Mode. Die marxistische Theorie der 1960er und 1970er Jahre lehnte das biographische Interesse als Symptom eines autoritären Blicks auf die Geschichte ab. Das Individuum sollte nicht nur in der Realität, sondern auch in der Geschichtsschreibung in kollektivistischen Ideen oder subjektübergreifenden Diskursen aufgehen.[4] Die Konzentration auf das Leben dagegen lenke von den Bedingungen ab, so einer der gängigen strukturalistischen Vorbehalte.

Natürlich gab es auch in jener Zeit Sozialhistoriker wie den Mitbegründer der Bielefelder Schule, Jürgen Kocka, der in seinen Forschungen zur Geschichte der Arbeiter oder des Bürgertums den Faktor Person und Persönlichkeit immer mitbedachte. Doch trotz solcher "Lebensretter" geriet die historische Biographie ins Zwielicht, denn sie stand überdies im Verdacht, unmäßig zu vereinfachen. Sie fiel schlichtweg - übrigens nicht nur unter Historikern - "unter das Verdikt politischer und intellektueller Minderwertigkeit", wie der Literaturwissenschaftler Detlev Schöttker schreibt.[5] Noch zu Anfang des neuen Jahrtausends bezeichnete es die Zeitschrift "Literaturen" dementsprechend als "akademischen Selbstmord", wenn ein Historiker sich mit Lebensgeschichten befasste. Übrigens galt das im besonderen Maße für Deutschland, während Biographien etwa in der angelsächsischen Forschung immer Anerkennung fanden.[6] Dort sah man, dass nicht das Genre darüber entscheidet, ob eine historische Untersuchung ausreichend differenziert oder im Gegenteil Komplexität zertrümmert, ob sie gut oder schlecht gemacht ist - sondern der Autor, wie bei jedem anderen Werk auch.

Von einer Ausgrenzung der Biographik kann heute keine Rede mehr sein - nicht nur, weil inzwischen die marxistischen Interpretamente und die strukturalistische Modernisierungstheorie als alles erklärende Meistererzählungen obsolet geworden sind, sondern auch, weil durch den Einfluss der Kulturgeschichte Begriffe wie Erfahrung, Deutung, Vorstellung und Gefühl zu anerkannten historischen Analyseinstrumenten geworden sind. Die Zeitgeschichte zahlte für das Ausblenden der Biographik aus dem Blickfeld der wissenschaftlichen Relevanz allerdings einen hohen Preis: Überzeugende theoretische Überlegungen wurden zu diesem Genre über Jahrzehnte kaum angestellt und kommen erst seit kurzem in Gang; es ist durchaus bezeichnend, dass die Biographie als historische Darstellungsform in geschichtswissenschaftlichen Einführungskompendien so gut wie nicht vorkommt.

Inzwischen jedoch interessieren sich gerade auch methodisch ambitionierte Forschungsarbeiten für die subjektive Dimension der Geschichte. Die Biographie erobert sich langsam aber sicher ihren festen Platz unter akzeptierten Zugangsweisen und Darstellungsformen der Geschichtswissenschaft (zurück). Natürlich würde auch heute kein Zeithistoriker, der ernst genommen werden möchte, den Nationalsozialismus nur aus Hitler heraus erklären, "Achtundsechzig" allein als Spielwiese Rudi Dutschkes begreifen oder die DDR mit Walter Ulbricht gleichsetzen. Doch ebenso wenig würde jemand ernsthaft bestreiten, dass diese Figuren bedeutend und wirksam für die entscheidenden Entwicklungen ihrer Zeit waren und dass eine intensive Beschäftigung mit ihrem Leben und dessen Darstellung auch in wissenschaftlicher Hinsicht lohnt.

Fußnoten

4.
Vgl. u.a. Hans-Christof Kraus, Geschichte als Lebensgeschichte, in: ders./Thomas Nicklas, Geschichte der Politik: alte und neue Wege, München 2007, S. 311-322, hier S. 315ff.
5.
Detlev Schöttker, Der Autor lebt. Zur Renaissance seiner Biographie, in: Merkur, 780 (2008), S. 442-446.
6.
Vgl. Christian Klein (Hrsg.), Grundlagen der Biographik. Theorie und Praxis des biographischen Schreibens, Stuttgart 2002, S. 16.