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10.6.2010 | Von:
Tobias Winstel

Der Geschichte ins Gesicht sehen

Das Leben und seine Konturen

Der Mensch ist ein Verweisungsganzes, auf gut Deutsch: Zu einem Leben gehört auch immer die Welt, die es umgibt, und das ist in einer guten Biographie immer mit inbegriffen. Eine große Chance der biographischen Perspektive liegt darin, die Schnittpunkte der vielen Bezugskreise zu nutzen, die vom einzelnen Leben ausgehen. Wer etwa eine Biographie über Rudi Dutschke schreibt, der wird bei seiner Untersuchung nicht nur mit der Person und Persönlichkeit des Studentenführers konfrontiert, sondern auch auf die Geschichte der deutsch-deutschen Beziehungen, auf Mentalitäten der Mehrheitsgesellschaft oder auf mediengeschichtliche Phänomene stoßen. Gleichzeitig wird er Begriffe wie "Lebenswelt" und "Handeln" als historische Kategorien ernst nehmen, soziokulturelle Kontexte und Handlungsspielräume ausloten, denn auch soziale Strukturen "existieren nicht außerhalb der Akteure, sie werden durch soziales Handeln dieser Akteure erst aktualisiert".[15] So kann man dem anonymen Fatalismus, der oftmals hinter strukturgeschichtlichen Fragen lauert, ein Schnippchen schlagen. Oder, wie Ian Kershaw rückblickend über die Arbeit an seiner Hitler-Biographie meint: "Wir gehen davon aus, dass ein Individuum Wahlmöglichkeiten hat, sich entscheiden muss."[16]

So tritt die Offenheit der Geschichte hervor, deren Folgen die Zeitgenossen nicht kennen oder erkannten. Auch wird die Verdichtung von historischen Konstellationen darstellbar, denn der "Totalität der historischen Strukturen" stellt der biographische Blick "die lebensgeschichtliche Totalität des historischen Ausschnitts gegenüber".[17] Gerade wenn es darum geht, historische Umbrüche zu untersuchen, kommt es darauf an, Individuen als beschleunigende oder bremsende Elemente von Transformationsprozessen in die Analyse einzubeziehen. Die technische und Kommunikationsrevolution, die demographische Explosion, die Entwicklung des Wohlfahrtsstaats, die Achterbahnfahrt der Nationalstaaten, die Globalisierung, der Wandel von Sexualität und Geschlechterverhältnissen, der Kalte Krieg und seine Folgen - all diese Entwicklungen des 20. Jahrhunderts wurden nicht nur erlebt und erfahren, sondern auch betrieben von Individuen.[18] Es ist so: Jeder einfache und klare Satz hat neben dem Prädikat und dem Objekt auch ein Subjekt. Ohne das ist es kein Satz, sondern Gestammel. Schulanfänger lernen als Erstes zu fragen: "Wer oder was?" Gute Geschichtsschreibung sollte dahinter nicht zurückfallen.

Fußnoten

15.
Hans Erich Bödeker, Biographie. Annäherungen an den gegenwärtigen Forschungs- und Diskussionsstand, in: ders. (Hrsg.), Biographie schreiben, Göttingen 2003, S. 9-63, hier S. 21.
16.
Ian Kershaw, Personality and Power. The individual's role in the history of twentieth-century Europe, in: The Historian, 83 (2004), S. 8-20, hier S. 8.
17.
H.-E. Bödeker (Anm. 15), S. 58.
18.
Vgl. Ian Kershaw, Biography and the Historian. Opportunities and Constraints, in: V. R. Berghahn/S. Lässig (Anm. 12), S. 27-39, hier v.a.S. 38.