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11.5.2010 | Von:
Dietrich Schwarzkopf

Die ARD - Begleiterin deutscher Zeitgeschichte - Essay

Wiedervereinigung

Das wichtigste zeitgeschichtliche Ereignis in diesem historischen Abschnitt war die deutsche Wiedervereinigung. Die Programme der ARD waren von Anfang an Rundfunk für die deutsche Einheit. Dies galt auch für die Zeit, in der nicht wenigen Bürgern der Bundesrepublik Deutschland, auch ARD-Redakteuren, das Streben nach Wiederherstellung der deutschen Einheit als unrealistisch oder gar als nicht wünschenswert galt. Insbesondere das öffentlich-rechtliche Fernsehen aus Westdeutschland hatte zwischen dem Mauerbau 1961 und dem Mauerfall 1989 eine große gesamtdeutsche Bedeutung.

Die DDR-Führung hatte eingesehen, dass der Empfang westdeutscher Fernsehprogramme in der DDR nicht zu verhindern war und zog sich auf ein Verbot der Weiterverbreitung westlicher Informationen zurück. Das war eine informationspolitische Kapitulation. Das von der DDR-Führung angestrebte Informationsmonopol der eigenen Medien ließ sich nicht verwirklichen. Stattdessen war sie darauf verwiesen zu reagieren, zu dementieren, abzustreiten und versuchte, die Glaubwürdigkeit westlicher Medien zu beschädigen. Der Erfolg einer solchen Politik setzt aber eigene Glaubwürdigkeit voraus, und die besaß die Staats- und Parteiführung bei der DDR-Bevölkerung nicht. Die DDR-Medien kamen in die Situation, westliche Nachrichten entweder aufzugreifen, um sie zu bekämpfen, oder ihre Kenntnis beim Publikum vorauszusetzen. Damit verlor die DDR ihre informationspolitische Souveränität, wie sie sie sich vorgestellt hatte, und die sie für die Erziehung der Bevölkerung zum Sozialismus für erforderlich hielt. Die Erkenntnis, dass moderne Kommunikationsmittel grenzenlos sind, und dass der Versuch, sich dagegen abzuschotten, untauglich ist, kam der DDR-Führung zu spät.

Den Grundlagenvertrag zwischen den beiden deutschen Staaten und die Aufnahme in die Vereinten Nationen im Jahr 1973 verstand die DDR-Führung als Anerkennung der Souveränität des von ihr beherrschten Landes. Gleichzeitig bewirkte die Zulassung westdeutscher Korrespondenten in Ost-Berlin einen weiteren Bedeutungsverlust der DDR-Medienpolitik. Es entstand nämlich eine in Ost und West gleichermaßen wahrgenommene innenpolitische Berichterstattung aus der DDR, die es bis dahin nicht gegeben hatte und die nicht dadurch zu verhindern war, dass die DDR-Behörden die Korrespondenten der ARD und anderer bundesdeutscher Medien ständig drangsalierten. Das Motto der westdeutschen Entspannungspolitik gegenüber Ost-Berlin lautete von Willy Brandt bis zu Helmut Kohl (insofern herrschte da Kontinuität): "Die DDR nicht destabilisieren." Die westdeutschen Korrespondenten in der DDR orientierten sich an dieser Grundhaltung der Bundesrepublik. Doch natürlich enthielt ihre Berichterstattung Elemente, die die DDR als Destabilisierungsversuch ansah, zum Beispiel die Berichte über die sich herausbildende Opposition, zu einem nicht unerheblichen Teil unter dem Dach der evangelischen Kirche.

Die Korrespondenten der ARD, wie andere auch, nahmen die oppositionellen Kräfte ernst. Demgegenüber suchte die SPD gemeinsam mit der SED nach einer Streitkultur für Gespräche miteinander, und die westdeutschen Länder-Ministerpräsidenten standen Schlange, um dem Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker ihre Aufwartung zu machen. Niemand konnte die DDR daran hindern, sich selbst zu destabilisieren, auch wenn das nicht das Ziel der Bonner Politik und einer begleitenden Berichterstattung war. Ihre größten Stunden hatte die Fernsehberichterstattung der ARD über die Demonstrationen 1989, die schließlich zum Sturz des Regimes führten. Hier waren die Korrespondenten nicht nur Begleitung, sondern Mitakteure, bot doch die Anwesenheit westlicher Fernsehkameras und die tagesaktuelle Berichterstattung in der "Tagesschau" den Demonstranten auch einen gewissen Schutz. Die Berichte über die Friedliche Revolution, den Mauerfall und den Weg bis zur Wiedervereinigung 1990 waren Höhepunkte und Abschluss einer Begleitung bis zum Ende der DDR.


Öffentlich-rechtlicher Rundfunk
Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 9-10/2009)

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