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11.5.2010 | Von:
Dietrich Schwarzkopf

Die ARD - Begleiterin deutscher Zeitgeschichte - Essay

Umgang mit der NS-Vergangenheit

Die DDR hatte sich dafür gerühmt, dass der Antifaschismus ihre Staatsräson sei. Sie nahm für sich in Anspruch, die nationalsozialistische Vergangenheit bewältigt zu haben und sich gewissermaßen auf der Seite der Sieger über den Faschismus zu finden, während alle Schuld für Nichtbewältigung, ja ein Fortleben dieser Vergangenheit der Bundesrepublik anzulasten sei. Der Antifaschismus der DDR war freilich einer, bei dem die Bestimmung, wer zu den Antifaschisten gehöre, in der Hand der kommunistischen Bewegung lag. Antifaschismus in der DDR-Interpretation war auch ein Kampfbegriff zur Diffamierung der Bundesrepublik.

Diese verstand ihr Grundgesetz geradezu als einen Gegenentwurf zu dem Totalitarismus des nationalsozialistischen Regimes. Das Bundesverfassungsgericht bezeichnete in seinem Urteil vom 4. November 2009, welches das Verbot der Friedensstörung durch öffentliche Billigung, Verherrlichung oder Rechtfertigung des NS-Regimes als verfassungskonform bestätigte, die nationalsozialistische Herrschaft als für die verfassungsrechtliche Ordnung der Bundesrepublik von "gegenbildlich identitätsprägender Bedeutung, die einzigartig ist".

Von dieser Grundposition aus und in Begleitung der sich daraus ergebenden Politik setzte sich die ARD kontinuierlich und umfassend mit der nationalsozialistischen Vergangenheit auseinander. Im Fernsehen geschah dies mit Dokumentationen, auch Dokumentarreihen ("Europa unterm Hakenkreuz", 1982/83) und Spielhandlungen. Gemeinsames Merkmal dieser Programme war ein aufklärerisch-pädagogischer Ansatz. Er erschien dem öffentlich-rechtlichen Charakter angemessen, auch wenn das Publikum nicht selten zurückhaltender reagierte, als es die Programmverantwortlichen erwartet hatten.

Deshalb gab es in der ARD zunächst Vorbehalte gegen die Übernahme des amerikanischen Mehrteilers "Holocaust" (1978), der die Ermordung der europäischen Juden durch die Nationalsozialisten mit den Mitteln emotionsbetonter Dramaturgie zeigte. Auf Drängen des Westdeutschen Rundfunks wurde "Holocaust" zunächst in den Dritten Fernsehprogrammen der ARD gezeigt. Der Erfolg war außerordentlich. Die positive Reaktion des Publikums ließ erkennen, dass es durch eine emotionsstarke personalisierte Darstellung von Figuren, mit denen man sich leicht identifizieren konnte, einen Zugang zur Erkenntnis des Schreckenscharakters und der Dimension der Judenverfolgung fand, der ihm bisher so nicht geboten worden war.

Deutsche Fernsehautoren und -produzenten haben sich von "Holocaust" inspirieren lassen, ohne dramaturgische Amerikanismen zu kopieren. Die Erweiterung des Erkenntniszugangs zum Charakter nationalsozialistischer Untaten dürfte im Verhältnis zur partiellen Abkehr von belehrender Dramaturgie als Gewinn zu verzeichnen sein. Die Klage, jetzt schleiche sich die Unterhaltung auch noch in die Darstellung der Verbrechen des NS-Regimes ein, greift zu kurz. Die Akzentveränderung in diesem Abschnitt der ARD-Begleitung für Zeitgeschichte kam aus der ARD selbst und diente ihrer Begleitfunktion.


Öffentlich-rechtlicher Rundfunk
Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 9-10/2009)

Öffentlich-rechtlicher Rundfunk

Der Programmauftrag der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten lautet: Gewährleistung einer unabhängigen "Grundversorgung" mit Information, Bildung, Kultur und Unterhaltung. Erfüllen die Sender ihren am Gemeinwohl orientierten Programmauftrag?

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