30 Jahre Deutsche Einheit Mehr erfahren
APUZ Dossier Bild

11.5.2010 | Von:
Dietrich Schwarzkopf

Die ARD - Begleiterin deutscher Zeitgeschichte - Essay

1968

Der Rundfunkhistoriker und langjährige Intendant des (inzwischen im Südwestrundfunk aufgegangenen) Süddeutschen Rundfunks Hans Bausch meinte, das Rundfunksystem eines Landes sei Spiegel seines Staatswesens. Er bezog diese Aussage auf die Organisation des Rundfunks und sein Verhältnis zum Staat. Man kann dies dahin ergänzen, dass das Rundfunkprogramm, nicht zuletzt das Fernsehprogramm, ein Spiegelbild des jeweiligen Zustandes der Gesellschaft des betreffenden Landes ist. Diese Aussage wird dann interessant - und brisant -, wenn die Gesellschaft gespalten ist. Das kann politische oder wirtschaftliche Gründe haben oder eine Gemengelage von Ursachen.

Dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist eine gesellschaftliche Integrationsaufgabe zugewiesen. Kann er die wahrnehmen, wenn er in einer gesellschaftlichen Konfrontationssituation Partei ergreift? Gelegentlich wird behauptet, das Fernsehprogramm (bis zum Auftreten des ZDF im Jahre 1962 war es allein das der ARD) sei in Konrad Adenauers Zeit behäbiger gewesen als später. Freilich hielt der Bundeskanzler den politischen Teil des ARD-Programms für zu aufsässig und zu links. Deshalb wollte er mit einem formal privatrechtlichen, tatsächlich aber vom Bund geleiteten "Deutschland-Fernsehen" ein politisches Gegengewicht schaffen. Das Bundesverfassungsgericht verhinderte dies, indem es dem Bund die Zuständigkeit für den Rundfunk (Auslandsrundfunk ausgenommen) absprach. So behäbig kann die ARD also nicht gewesen sein.

Die durch das Stichwort 1968 gekennzeichnete gesellschaftliche Situation in der Bundesrepublik war konfrontativ. Die Ideen der außerparlamentarischen Opposition, der nicht nur gegen die universitäre Autorität aufbegehrenden Studenten, die neuen Vorstellungen von Erziehung und dem Verhältnis der Geschlechter zueinander fanden nicht durchgängig, aber auffällig sympathisierende Berücksichtigung in ARD-Programmen, nicht zuletzt im Fernsehen. Freilich strahlte der Norddeutsche Rundfunk, dessen politisches Magazin "Panorama" sich an der Spitze des Fortschritts wähnte, auch den Fernsehfilm "Alma mater" (1969) von Dieter Meichsner und Rolf Hädrich aus, eine scharfe Abrechnung mit dem autoritären Gehabe von Studenten, die sich als antiautoritär ausweisen wollten.

Die die neuen Ideen vorantreibenden Redakteure wollten nicht eine gesellschaftspolitische Entwicklung begleiten oder registrieren, sondern sie aktiv fördern. Gern wird gesagt, die Auseinandersetzungen um die Ideen von 1968 hätten den öffentlichen Diskurs gefördert. Wenn das so war, dann war das jedenfalls nicht das Ziel des harten Kerns der Achtundsechziger, die nicht eine debating society wollten, sondern in Diskussionen nur ein Mittel sahen, Gegner niederzumachen. Jedenfalls wirkten die großen Erregungen von 1968 nicht allzu lange nach. Das ARD-Programm nahm seinen Kurs der kritischen Begleitung deutscher Politik wieder auf, ohne in Behäbigkeit zu verfallen oder sich zu entpolitisieren. Auf die Bundesrepublik kam eine neue Herausforderung zu, mit der sich auch die ARD auseinanderzusetzen hatte: der Terrorismus.


Öffentlich-rechtlicher Rundfunk
Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 9-10/2009)

Öffentlich-rechtlicher Rundfunk

Der Programmauftrag der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten lautet: Gewährleistung einer unabhängigen "Grundversorgung" mit Information, Bildung, Kultur und Unterhaltung. Erfüllen die Sender ihren am Gemeinwohl orientierten Programmauftrag?

Mehr lesen