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11.5.2010 | Von:
Diemut Roether

Spannungsverhältnisse - eine kritische Würdigung der ARD

Zwischen Quote und Qualität

Dass das Erste nach Meinung vieler Feuilletonisten gerade die Kulturinteressierten so schlecht bedient, hat der ARD immer wieder heftige Kritik eingetragen. Im Jahr 2000 schimpfte Jens Jessen in der "Zeit" über die "Quoten-Idioten". Die Fernsehmacher bei ARD und ZDF hätten ein "schlechtes Gewissen, weil sie der privaten Marktkonkurrenz entzogen sind und eigentlich ein beliebig gutes Programm für beliebig wenige Zuschauer machen könnten", schrieb Jessen. "Sie könnten, wie es die altmodischen Rundfunkstaatsverträge auch einmal vorsahen, ausschließlich tun, was sie für journalistisch geboten und künstlerisch wertvoll halten. Sie halten diese Freiheit aber heimlich für elitär und fürchten, das Volk könnte dahinter kommen und ihnen das Gebührenprivileg wieder entziehen. Darum blicken sie so angstvoll auf die Quote: Sie ist ihnen ein tägliches Plebiszit über die Berechtigung des öffentlich-rechtlichen Rundfunksystems."[6]

Anlass für diese Frontalattacke war ein internes ARD-Papier, das pünktlich zum 50. Geburtstag der ARD bekannt geworden war. Es hielt Kriterien und Vorgaben zur Optimierung von Fernsehfilmen und Hauptabendserien fest und forderte unter anderem eine Erzählweise, die "unkompliziert, einfach, klar, auf keinen Fall verwirrend" sein sollte.[7] Die ARD-Verantwortlichen distanzierten sich zwar davon, aber viele Freitagabendschmonzetten atmen bis heute den Geist dieser Optimierungsvorgaben. Die ARD muss sich daher auch immer wieder gefallen lassen, dass Feuilletonisten sie der Anbiederung an den Massengeschmack zeihen. Zuletzt brach sich dieses Unbehagen an den öffentlich-rechtlichen TV-Programmen nach dem Auftritt des Großkritikers Marcel Reich-Ranicki bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises 2008 Bahn.[8] Doch wer genau hinhört, erkennt in dieser Kritik den Nachhall einer typisch deutschen Debatte: Hier wehrt sich die "E-Kultur" (Hochkultur) gegen die amerikanisch verseuchte "U-Kultur" (seichte Unterhaltung).

Das Unbehagen am Fernsehen ist so alt wie das Medium selbst. Im Februar 1953 schrieb Bundestagspräsident Hermann Ehlers (CDU) an den Direktor des Nordwestdeutschen Rundfunks (NWDR), Werner Pleister: "Sah eben Fernsehprogramm. Bedauere, dass Technik uns kein Mittel gibt, darauf zu schießen."[9] Das vom NWDR veranstaltete Programm war der Vorläufer des seit dem 1. November 1954 von der ARD veranstalteten Deutschen Fernsehprogramms, das heute "Das Erste" genannt wird. Damals gab es nur dieses eine Programm, und es wurde nur an wenigen Stunden am Tag gesendet. Dennoch gelang es dem Medium offenbar, heftige Reaktionen auszulösen. Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) steht also in einer alten Tradition, wenn er, wie er es nach seiner Wiederwahl im Oktober 2009 tat, die öffentlich-rechtlichen Sender schilt, weil sie es nicht für nötig befunden hätten, die konstituierende Sitzung des Bundestags im Ersten oder Zweiten zu übertragen. Dabei gibt es für diese Zwecke doch Phoenix, den gemeinsamen Ereigniskanal von ARD und ZDF, der mit der Übertragung der Sitzung gerade einmal drei Prozent Marktanteil erreichte.

Doch es ist viel zu einfach, die ARD der Quotenfixiertheit und der hemmungslosen Anbiederung an den Mainstream zu bezichtigen. Wer das Erste aufmerksam verfolgt, findet auch zur besten Sendezeit beeindruckende Fernsehspiele und, allerdings meist zu späteren Sendezeiten, mutige, gut recherchierte politische Dokumentarfilme zu aktuellen und historischen Themen. Aber nicht immer gelingt es der ARD, das Gute populär und das Populäre gut zu machen, wie es Volker Herres im ARD-Jahrbuch fordert.[10] Ausgerechnet der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats, Olaf Zimmermann, forderte die öffentlich-rechtlichen Sender kürzlich auf, mehr in die Unterhaltung zu investieren. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk sei "nicht, wie vielfach beklagt wird, schwach auf der Brust, wenn es um ,Hochkultur' geht, sondern vor allem im Genre Unterhaltung, also der eher leichten Kultur". Hochkulturliebhaber fänden auf Arte, 3sat oder auch in den Dritten Programmen durchaus Sendungen für ihren Geschmack. Doch "will der öffentlich-rechtliche Rundfunk nicht in die Rolle des Nischenanbieters gedrängt werden, muss er für die breite Masse der Zuschauer gute Unterhaltung anbieten", mahnte er.[11]

Die ARD-Tradition, den Shownachwuchs zunächst in den Dritten Programmen zu testen und dann im Erfolgsfall auch im Hauptabendprogramm im Ersten auf das Publikum loszulassen, hat sich jahrelang bewährt (z.B. Harald Schmidt, Jürgen von der Lippe, Hape Kerkeling, Olli Dittrich alias "Dittsche", Ina Müller, Kurt Krömer). Doch in den vergangenen Jahren scheint es mit den Transfers von den Dritten ins Erste nicht mehr so gut zu funktionieren. Das mag zum einen daran liegen, dass Talente wie Anke Engelke oder Bastian Pastewka schon seit Jahren bei den Privatsendern viel bessere Bedingungen finden als bei der ARD. Zum anderen scheint sich auch in den Dritten zunehmend Mutlosigkeit breitzumachen. Es könnte den ARD-Verantwortlichen eines Tages noch leidtun, wenn sie ihre Experimentierfelder veröden lassen und sich auch in den Dritten zunehmend an die "bürgerliche Mitte" anbiedern. Wie tragisch das enden kann, zeigt sich derzeit vor allem am Hessischen Rundfunk (HR), der früher durch aufsehenerregende Dokumentationsreihen wie "Das rote Quadrat" (im Ersten) von sich reden machte. Inzwischen ist sein Drittes durch Sendungen wie "Die unglaublichsten Fahrzeuge der Hessen", "Hessens schönste Weihnachtsmärkte" oder "Hessens beliebteste Ausflugziele" zur Karikatur eines Regionalprogramms verkommen.

Allzu oft zeigen die ARD-Verantwortlichen Angst vor der eigenen Courage, wie im September 2006, als die Intendanten den später vielfach ausgezeichneten Fernsehfilm "Wut" kurzfristig von einem Sendetermin um 20:15 Uhr auf 22 Uhr verschoben. Mag sein, dass hier auch die Angst vor den berüchtigten "Gremien-Gremlins" (wie Moderator Günther Jauch die Rundfunkräte nannte) eine Rolle spielte, die sich bei politisch unkorrektem Inhalten allzu leicht provozieren lassen. Doch gerade bei solchen Sendungen ist Mut gefordert. Es sind nicht die musterschülerhaften "Themenwochen", mit denen die ARD public value liefert, es sind vor allem provozierende, unbequeme Inhalte, die bei den Privatsendern schon lange keine Sendefläche mehr finden. Wer, wenn nicht die ARD (und das ZDF) soll den Diskussionsstoff für die Selbstverständigung der Gesellschaft liefern? Dass dabei Reibungen entstehen, ist nicht nur unvermeidbar, es ist wünschenswert.

Dass die Spannungen zwischen Qualität und Quote manchmal durchaus produktiv sein können, beweisen erfolgreiche Produktionen wie etwa "Contergan" von Adolf Winkelmann. Der im November 2007 nach einem langen juristischen Streit mit dem früheren Contergan-Vertreiber Grünenthal gesendete Zweiteiler erhielt nicht nur Fernsehpreise, er bescherte der ARD mit mehr als sieben Millionen Zuschauern auch eine traumhafte Quote. Es sind Filme wie dieser, mit denen die ARD zeigt, dass sie nicht nur groß und mächtig ist, sondern dass sie auch mutig sein und Themen setzen kann.

Fußnoten

6.
Jens Jessen, Die Quoten-Idioten, in: Die Zeit, Nr. 36 vom 31.8.2000, online: www.zeit.de/2000/36/200036_fernsehen.xml (7.4.2010).
7.
Zit. nach: Uwe Kammann, Strengere Vorgaben für ARD-Fernsehfilme, in: epd medien, (2000) 43-44, S. 12f.
8.
Diemut Roether, L'Eklat c'est moi, in: epd medien, (2008) 82, S. 3 ff.
9.
Zit. nach: Fritz Pleitgen, Gedankenspiele. Die Rolle des Fernsehens in der deutsch-deutschen Geschichte, in: epd medien, (2002) 97, S. 3.
10.
Vgl. V. Herres (Anm. 4).
11.
Olaf Zimmermann, Kulturelle Königsdisziplin, in: epd medien, (2009) 67, S. 8f.

Öffentlich-rechtlicher Rundfunk
Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 9-10/2009)

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