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11.5.2010 | Von:
Diemut Roether

Spannungsverhältnisse - eine kritische Würdigung der ARD

Gemeinsam einsam?

Spannungsreich ist auch die föderale Struktur der ARD, die so häufig verwünscht wird, wenn es darum geht, rasch Entscheidungen zu fällen. Intern wird das Kürzel ARD gern mit "alle reden durcheinander" aufgelöst. Doch zugleich ist die Binnenkonkurrenz und die Vielfalt der Sender ein Pfund, das der Senderverbund nicht leichtfertig verspielen sollte. Wie gut die föderale Struktur der ARD funktionieren kann, zeigt sich an der Krimireihe "Tatort", die in diesem Jahr ihr 40-jähriges Bestehen feiert. Die Kommissarinnen und Kommissare, die zwischen Kiel und Bodensee ermitteln, bringen sonntagabends ein sehr unterschiedliches, jeweils regional gefärbtes Deutschlandbild in die Wohnzimmer. Der "Tatort" wird von Autoren wie Regisseuren genutzt, um gesellschaftlich brisante Themen in populärer Form aufzubereiten.[12]

Auch wenn es in den kommenden Jahren noch einige schmerzhafte Sparrunden geben wird, weil die Rundfunkgebühren eher weniger denn mehr werden, so sollte die ARD doch darauf achten, sich Labore zu erhalten, Experimentierfelder, auf denen Neues gewagt und gewonnen werden kann. Früher waren häufig die kleinen Landesrundfunkanstalten wie Radio Bremen die kreativen Labore, in denen interessante neue Formate entstanden. Doch heute fehlt den kleinen Sendern häufig das Geld für das Nötigste. So war es ein Armutszeugnis im Wortsinn, als der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) Ende 2008 ausgerechnet seinen Integrationssender Radio Multikulti einstellte. Obwohl sich die ARD ein Jahr zuvor in ihrer Integrationsstrategie zu einer "Kultur der Anerkennung" bekannt und darauf hingewiesen hatte, wie wichtig es sei, "Menschen mit Zuwanderungsbiografie hinter dem Mikrofon und auf dem Bildschirm" in die Produktionen einzubeziehen,[13] reichte das Geld offenbar nicht, um eine Welle zu finanzieren, deren jährliche Kosten senderintern auf gerade mal zwei bis drei Millionen Euro beziffert wurden.

Die Einstellung von Radio Multikulti offenbarte eine große Schwäche des ARD-Systems: Die Egoismen der einzelnen Sender blockieren häufig die Versuche, eine gemeinsame Programmstrategie zu entwickeln. Zwar konnte man mit Recht fragen, warum eine so kleine Anstalt wie der RBB sieben Radioprogramme brauchte, doch andererseits arbeitet der RBB bereits so kostengünstig, dass freie Mitarbeiter den Sender scherzhaft "Bangladesch" nennen, weil die Honorare im Vergleich zu denen anderer ARD-Sender so niedrig ausfallen. Vergeblich hatte sich RBB-Intendantin Dagmar Reim darum bemüht, den ARD-internen Lastenausgleich anders zu regeln. Zwar wurde der Anteil des RBB an der Programmzulieferung für das Erste um 0,25 Prozentpunkte auf 6,6 Prozent gesenkt, doch die Intendantin sprach auch danach noch von "eklatanten Ungerechtigkeiten" im System. Diese Ungerechtigkeiten betreffen vor allem den RBB und den Mitteldeutschen Rundfunk (MDR), in deren Einzugsbereich überproportional viele B[14]

Die ARD rechnet in den kommenden zehn Jahren mit Einnahmeverlusten von bis zu 15 Prozent. Die Rundfunkanstalten wollen daher vor allem in Technik und Verwaltung enger zusammenarbeiten.[15] Aber auch im Programm finden bereits Kooperationen statt. So senden seit 2009 die ARD-Kulturwellen im Sommer zwei Monate lang abends von 20 bis 24 Uhr ein gemeinsames Radioprogramm. Kritiker warnten, dies sei ein weiterer Schritt in Richtung der Zentralisierung der Kulturwellen. Befürchtungen, es werde ein nationales Kulturprogramm vorbereitet, wurden von der ARD zwar zurückgewiesen, aber in den Häusern gilt es als ausgemacht, dass die teuren Kulturwellen von Sparanstrengungen auch in Zukunft nicht verschont bleiben. Wie viel der Senderverbund durch dieses "ARD-Radiofestival" einspart, wollte die ARD-Pressestelle nicht mitteilen. Man wolle, hieß es im Mai 2009, "nicht von einem Spar-, sondern von einem Bündelungseffekt reden".[16]

Fußnoten

12.
Zum "Tatort" siehe auch den Beitrag von Knut Hickethier in diesem Heft.
13.
Zit. nach: Diemut Roether, Armutszeugnis, in: epd medien, (2008) 42, S. 3-6.
14.
Vgl. ebd.
15.
Vgl. Ellen Großhans/Diemut Roether, ARD-Rundfunkanstalten wollen enger zusammenarbeiten, in: epd medien, (2009) 96, S. 6.
16.
Zit. nach: Diemut Roether, Gemeinsam schwach?, in: epd medien, (2009) 42-43, S. 3 ff.

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