APUZ Dossier Bild

11.5.2010 | Von:
Knut Hickethier

"Tatort" und "Lindenstraße" als Spiegel der Gesellschaft

Genres im Fernsehen - Stabilisierungssysteme der Gesellschaft

Mit der "Lindenstraße" und dem "Tatort" sind zwei zentrale Fernsehgenres angesprochen: Die Familiengeschichte und die Kriminalgeschichte. Beide Genres hat es bereits in der Massenunterhaltung seit dem 19. Jahrhundert in vielen Medien, vom Kolportageheft bis zum Theater, vielfach gegeben, aber erst im Fernsehen haben sie ihre wirkliche Bedeutung erlangt. Beide stehen in einem eigentümlichen Spannungsfeld: Die Familiengeschichte zeigt die Innenseite, das Private, und wirkt von hier aus nach außen. Die Kriminalgeschichte zeigt die Bedrohungen der Einzelnen durch die Außenwelt und wirkt von hier aus nach innen. Deshalb ist die Familiengeschichte - bei allen Störungen und Gefährdungen, die die Familie erfährt - immer ein Ort der erhofften oder versprochenen Harmonie, des friedvollen Miteinanders, während die Kriminalgeschichte den Konflikt der Individuen mit den Normen und Institutionen der Gesellschaft zum Thema hat.

Das Fernsehen kann von diesen Verschränkungen von Innenwelt und Außenwelt in vielfacher Variation wieder und wieder erzählen, weil es als Medium selbst die Verbindung von Innerem und Äußerem zum eigenen Thema gemacht hat. Als Öffentlichkeit schaffende Institution ist das Fernsehen in der privaten Welt seiner Zuschauer verankert, verbindet somit Innen- und Außensphäre aufs Engste und variiert diese Verbindung in zahlreichen Programmformaten.

"Das Erste", wie das Gemeinschaftsprogramm der ARD genannt wird, ist letztlich die Mutter der deutschen Fernsehprogramme (sieht man einmal von den mühseligen Programmversuchen vor 1945 ab). Es hat im deutschen Fernsehen die Familiengeschichte und die Kriminalgeschichte als Fernsehgenres in Gang gesetzt, an ihm haben sich letztlich auch die meisten nachfolgenden und erfolgreichen deutschen Produktionen in diesen Genres ausgerichtet.


Öffentlich-rechtlicher Rundfunk
Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 9-10/2009)

Öffentlich-rechtlicher Rundfunk

Der Programmauftrag der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten lautet: Gewährleistung einer unabhängigen "Grundversorgung" mit Information, Bildung, Kultur und Unterhaltung. Erfüllen die Sender ihren am Gemeinwohl orientierten Programmauftrag?

Mehr lesen