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11.5.2010 | Von:
Knut Hickethier

"Tatort" und "Lindenstraße" als Spiegel der Gesellschaft

Welt der Familien - die "Lindenstraße"

Die "Lindenstraße" hat prominente Vorgänger: Von 1954 bis 1960 produzierte der Nordwestdeutsche Rundfunk (NWDR), ab 1956 der Norddeutsche Rundfunk (NDR), die für damalige Verhältnisse "endlos" erscheinende Serie "Unsere Nachbarn heute Abend - die Schölermanns". Alltagsszenen wurden von Darstellern gespielt, deren Namen den Zuschauern anfangs unbekannt waren, wodurch der Realitätseindruck der Szenen noch erhöht wurde. Lotte Rausch als Mutter und Willy Krüger als Vater wurden frühe Institutionen, Charles Brauer, später "Tatort"-Kommissar, spielte Sohn Heinz. Zahlreiche weitere ARD-Familien folgten, von den "Hesselbachs" (1960-1967) über "Die Unverbesserlichen" (1965-1971) bis zur "Lindenstraße", die ab Dezember 1985 (bis Mitte Mai 2010 in 1275 Folgen) als erste weekly soap - ähnlich den "Schölermanns" - auf "Endlosigkeit" hin angelegt wurde.

Die "Lindenstraße" war eine Reaktion auf die amerikanischen Importe von "Dallas" und "Denver Clan" und etablierte - in Anlehnung an amerikanische Formate - eine neue, personenstarke Großerzählung von der bundesdeutschen Gesellschaft. Zwar wurde diese in Staffeln produziert, aber mit offenem Ausgang, so wie auch das Leben letztlich nur selten fein abgestimmte, auf Höhepunkte und Pointen ausgerichtete Dramaturgien kennt.

Diese Familiengeschichten der "Lindenstraße" bilden in toto eine Art von "Innenseite der Gesellschaft", in ihnen wird Gesellschaft in der Form von Beziehungsproblemen zur Anschauung gebracht. Das Serienpersonal erhebt den Anspruch, einen Querschnitt der Gesellschaft abzubilden. Nicht nur sind alle Altersgruppen vertreten, Tod und Geburt von Serienfiguren stehen für den Wandel, auch die sozialen Schichten werden ebenso wie Randgruppen und Minderheiten repräsentiert. Zwar gibt es - Identifikation stiftend - einige Kernfamilien vor allem um Helga und Hans Beimer (gespielt von Marie-Luise Marjan und Joachim Hermann Luger), Gaby und Andy Zenker (Andrea Spatzek und Jo Bolling), um Momo (Moritz Zielke), Klaus Beimer (Moritz A. Sachs) und andere, doch es ist vor allem die große Gruppe sonstiger Darsteller, die durch ihre Vielfältigkeit Alltagsnähe suggeriert. Ungefähr fünfzig Schauspieler gelten als Hauptdarsteller, immer wieder kann es deshalb zu neuen Konstellationen kommen, neue Figuren tauchen auf, andere verschwinden für einige Zeit oder für immer.

"Realitätsnähe" wird hier zum Markenzeichen, wobei diese "Realität", ihrerseits schon im Vorfeld publizistisch konturiert ist, weil sie in Zeitungen, Zeitschriften und in den Informations- und Ratgebersendungen der Medien selbst bereits erörtert wurde. Schnelle Erkennbarkeit ist das Prinzip. Krankheiten in der "Lindenstraße" sind die gerade in der aktuellen öffentlichen Diskussion stehenden Krankheiten: "Benno hat Aids" wurde zu einem Slogan, der Ende der 1980er Jahre weit über die Sendung hinaus zum Schlagwort wurde. HIV-Infektion und Aids-Tod waren schon vorher Thema der öffentlichen Debatte gewesen, aber die "Lindenstraße" popularisierte das Thema und machte es für breite Schichten der Bevölkerung diskutierbar. Letztlich betrieb die "Lindenstraße" hier Aufklärungsarbeit im sozialen Rahmen.

Später waren es dann die Alzheimer-Krankheit (bei der Serienfigur Hubert Koch), Behinderungen (wie die spastische Lähmung von Christoph Bogner und das Down-Syndrom beim Sohn Martin von Anna Ziegler und Hans Beimer) oder dann 2009 die Herzkrankheit von Erich Schiller. Es ist dabei ein Kennzeichen der Serie, dass die Krankheiten explizit benannt, die Diagnosen diskutiert und die Folgen angesprochen und gezeigt werden. Damit werden die Probleme konkret erkennbar und lassen sich von den Zuschauern mit Problemen im eigenen Leben oder im Leben von Freunden und Verwandten direkt in Beziehung setzen.

Ähnlich ist dies bei zahlreichen anderen in der Serie erörterten Problemen wie Ehekrisen, Fragen der Pubertätsbewältigung, schwierige Schwangerschaften, Kindesmisshandlungen, Potenzstörungen, gleichgeschlechtlichen Beziehungen, Konflikten im Zusammenhang mit Coming-out-Ereignissen, Essstörungen, extremistischen Neigungen, Drogenabhängigkeit usw. Kein Problem des realen Lebens ist den "Lindenstraßen"-Figuren fremd. Typisch für die "Lindenstraße" ist dabei, dass diese Themen nicht nur punktuell ein Mal erörtert werden, sondern über mehrere Folgen hinweg aus unterschiedlichen Perspektiven immer wieder angesprochen werden. Für das Publikum sind damit längerfristige Auseinandersetzungen mit ihnen möglich.

Da die Dramaturgie auf kurze Episoden in jeweils drei Handlungssträngen mit etwa zwanzig Episoden pro Folge aufgebaut ist, können auch andere gesellschaftliche Themen angespielt werden. Pointierte Behandlungen sind vorherrschend. Arbeitssuche ist bei mehreren Personen fortgesetztes Thema gewesen; Ausbildungsfragen, fehlende Berufschancen und Behinderungen im eigenen Fortkommen bestimmen vielfach das Handeln der jüngeren Figuren; Verschuldungen bei Kredithaien, Probleme mit dem Wohnen und die Veränderung von Lebensweisen werden immer wieder gezeigt; vegetarische Ernährung, der Kampf gegen artfremde Tierhaltung, alternative Energiegewinnung, die Auseinandersetzung mit Doping beim Sport, das Problem der Wehrdienstverweigerung, die Belastungen beim Zivildienst, die Situation junger Soldaten, Fremdenhass und Rechtsradikalismus sind wiederholt zur Sprache gekommen; auch militanter Islamismus wurde gezeigt.

Immer ist bestimmend, dass diese Themen schon im öffentlichen Gespräch sind und dass sie in der Serie in den menschlichen Beziehungen eingebettet sind. Sie werden nicht allgemein oder journalistisch aufbereitet angesprochen, sondern sie drängen sich in die Welt der Familien und der Lebensbeziehungen hinein, fordern damit die anderen Figuren heraus, sich zu ihnen zu verhalten und Meinungen zu entwickeln. Auf indirekte Weise betreibt die "Lindenstraße" damit auch eine Art verdeckter Spezialpädagogik. Letztlich steckt hinter der Geschichte oft die untergründige Moral: Man muss über alles sprechen, dann wird alles gut.

Dass die "Lindenstraße" ein gesellschaftliches Spiegelbild sein will, wird von Fans und Kritikern auch darin gesehen, dass bei bestimmten vorhersehbaren gesellschaftlichen Ereignissen die Figuren auch direkt zu den realen Ereignissen Stellung nehmen. Hier wird gelegentlich eine sehr enge Verknüpfung von realen Geschehnissen und Seriengeschichten hergestellt. Prominentestes Beispiel dafür sind die Bundestagswahlen, bei denen oft direkte Einspielungen eingebaut werden und die Figuren diese kommentieren, wobei oft mehrere Versionen der Sequenz vorproduziert wurden. Direkte Verknüpfungen bestehen auch, wenn zum Beispiel die Serienfiguren Hajo Scholz (Knut Hinz) und Andy Zenker (Jo Bolling) in der "Lindenstraße" für "Strom ohne Atom" werben und darüber hinaus in der Wirklichkeit außerhalb des Fernsehens eine Homepage besteht, auf der direkt für einen Stromanbieterwechsel geworben wird.

Die "Lindenstraße" will nicht nur Gesellschaft abbilden, sondern sie zumindest in einigen Dingen auch beeinflussen und verändern. Dies führt oft zu erregten öffentlichen Debatten, von den Serienmachern nicht ganz ungewollt, aber in ihrer konkreten Erscheinung nicht immer vorausgesehen. Etwa als die "Lindenstraßen"-Figur Chris Barnsteg (Stefanie Mühle) 1988 den damaligen CSU-Staatssekretär Peter Gauweiler als "Faschisten" bezeichnete, weil dieser eine Ghettoisierung Aids-Kranker gefordert hatte. Gauweiler reagierte mit einer Verleumdungsklage.

So offensichtlich bei solchen Verknüpfungen der Bezug zur Wirklichkeit ist, wichtiger ist die Beschäftigung mit den längerfristigen Themen und Debatten der Gesellschaft, weil hier unterschiedliche Perspektiven und Reaktionsweisen vorgeführt werden können. Damit gelingt es stärker, Positionsvielfalt sichtbar zu machen und die Zuschauer anzuregen, selbst zu einer eigenen Haltung zu finden.

Die Bezüge zu der gesellschaftlichen Realität der Bundesrepublik sind in der "Lindenstraße" so plakativ, dass man sich fragen kann, ob dies nicht doch letztlich immer eine Medienwirklichkeit ist, auf die hier Bezug genommen wird. Denn die Form der kurzen Handlungseinheiten, in denen sich hier Geschichten entwickeln, lässt tiefer gehende Überlegungen nicht wirklich zu. Irritierende Fremdheiten, unerwartete Situationen, längere Beobachtungen sind in der Dramaturgie nicht möglich, alles muss rasch auf eine Pointe, eine Zuspitzung hinauslaufen.


Öffentlich-rechtlicher Rundfunk
Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 9-10/2009)

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