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11.5.2010 | Von:
Knut Hickethier

"Tatort" und "Lindenstraße" als Spiegel der Gesellschaft

Regionalität der Verbrechen - "Tatort"

Die zweite große Form, in der sich Gesellschaft im deutschen Fernsehen darstellt, ist der "Tatort". Hier wird Gesellschaft als Konfliktfall zwischen den Individuen und den Normen der Gesellschaft vorgeführt. Das Schema ist in allen Folgen weitgehend gleich, wie bei fast allen Fernsehkrimis: Am Anfang steht ein Verbrechen, zumeist ein Mordfall ("Tatort"-Regel: Der Mord muss innerhalb der ersten zehn Minuten geschehen), weil dieser die Normverletzung schlechthin darstellt. Dieses Verbrechen fordert das Eingreifen der für Ordnung und Sicherheit sorgenden Institutionen heraus. Die Akteure der Aufklärung, der Detektion, kommen dem Täter auf die Spur und stellen ihn, so dass die am Anfang gestörte Ordnung am Ende wieder hergestellt wird.

Auch der "Tatort" hat eine Vorgeschichte. Nach der lang laufenden Präventionsserie "Der Polizeibericht" vom NWDR entwickelten der Drehbuchautor Wolfgang Menge und der Regisseur Jürgen Roland daraus 1958 die Serie "Stahlnetz" (1958-1968), von der Struktur her ähnlich dem "Tatort": wechselnde Kommissare an wechselnden Handlungsorten, immer aber in der Bundesrepublik, an Orten, die der Zuschauer kennen konnte und die er dann auch wiedererkannte. Von "Stahlnetz" wurden 22 Folgen produziert. Die Verankerung der Fälle im Hier und Jetzt Deutschlands war neu, die zuvor gezeigten Krimi-Mehrteiler, zumeist von Francis Durbridge, spielten immer in England, obwohl sie in Deutschland und mit deutschen Schauspielern produziert wurden.

Zwei Jahre nach dem Ende von "Stahlnetz" entstand die "Tatort"-Reihe. Angeblich soll Gunter Witte, Redakteur beim Westdeutschen Rundfunk (WDR), mehrere als Einzelsendungen produzierte Kriminalfilme - als Antwort auf die erfolgreiche ZDF-Serie "Der Kommissar" - unter dem Reihentitel "Tatort" und mit einem gemeinsamen Vorspann zusammengebunden haben. Bis Ende April 2010 wurden 762 Folgen produziert und mehrfach (im Ersten wie in allen Dritten Programmen) ausgestrahlt.

Der "Tatort" ist inzwischen zur langlebigsten und erfolgreichsten deutschen Krimiserie geworden. Sie hat den Föderalismus der ARD (und auch der Bundesrepublik) zum eigenen Strukturprinzip erhoben: Von den einzelnen ARD-Anstalten werden mit jeweils eigenen Kommissaren und an Handlungsorten der jeweiligen Bundesländer Kriminalgeschichten produziert, die dann gemeinsam auf dem Sonntagabend-Serienplatz gezeigt werden (in der Anfangszeit nur einmal im Monat). Regionalität und ein hoher Aufwand an Inszenierungsleistungen (jede Folge hat Spielfilmlänge) unterstreichen den Anspruch, bundesweit von der Wirklichkeit der Bundesrepublik im Genre des Krimis zu erzählen.

Von Folge zu Folge sorgen wechselnde Regisseure und Autoren für unterschiedliche Handschriften - ein deutliches Gegenkonzept etwa zum ZDF-"Kommissar", dessen Drehbücher alle der Krimi-Routinier Herbert Reinecker verfasste und die alle in München spielten. Diese Vielfältigkeit der Kommissare, der Orte, des Geschehens beugt dem Verschleiß der Serie vor, so dass der "Tatort" seine Konkurrenten (zum Beispiel den "Kommissar") um ein Vielfaches überlebt hat. In der Vielfalt der Regionen liegt das Erfolgskonzept, und der "Tatort"-Verantwortliche beim Südwestrundfunk (SWR), Manfred Hattendorf, stellte kürzlich fest: "Der ,Tatort' will nach wie vor regional bleiben."[2]

Programmatisch war schon die erste Folge ("Taxi nach Leipzig"), die am 29. November 1970 ausgestrahlt wurde: eine Geschichte mit dem sich proletarisch gebenden Kommissar Trimmel (Walter Richter), der ein Ost-West-Verbrechen, Kindestausch und Tod eines kranken Jungen, aufklärte. Die Ermittlung spielte über die innerdeutsche Grenze hinweg, brachte damit die deutsch-deutsche Wirklichkeit in die Geschichte ein. Programmatisch war auch der Schluss der Folge, bei dem der Täter zwar gestellt wird, Trimmel aber auf Strafverfolgung verzichtet, weil der Täter genug am Tod seines eigenen Sohns zu tragen hat. Das traditionelle Whodunnit des Krimis wurde bereits in der ersten Folge abgewandelt und damit der Realitätseindruck der Darstellung zusätzlich erhöht.

Auch die Handlungsorte stehen mit ihren regionalen Bezügen und ihren lokalen Erkennbarkeiten für die bundesdeutsche Gesellschaft. Zwar war auch das Österreichische Fernsehen (ORF) bis 2001 mit 13 Folgen beteiligt und will ab Herbst 2010 auch wieder neue Folgen produzieren, doch der Gesamteindruck ist, dass hauptsächlich die Regionen Deutschlands das Bild des "Tatort" bestimmen.

Dabei werden nicht nur Großstädte wie Hamburg, München, Köln oder Berlin, sondern auch ländliche Regionen zu Handlungsorten. Legendär sind etwa die frühen "Tatort"-Folgen mit dem Kommissar Finke (Klaus Schwarzkopf), die in Schleswig-Holstein spielten. Dem "Tatort" ist es immer wieder gelungen, Ortsspezifik mit prägnanten Ermittlerfiguren zu kombinieren: den Kommissar Haferkamp (Hansjörg Felmy) mit Essen, Bienzle (Dietz-Werner Steck) mit Stuttgart, dann auch Ermittlerpaare wie Schimanski/Thanner (Götz George/Eberhard Feik) mit Duisburg, Brockmöller/Stoever (Charles Brauer/Manfred Krug) mit Hamburg, Ehrlicher/Kain (Peter Sodann/Bernd Michael Lade) mit Leipzig, Odenthal/Kopper (Ulrike Folkerts/Andreas Hoppe) mit Ludwigshafen oder Ballauf/Schenk (Klaus J. Behrendt/Dietmar Bär) mit Köln, um nur einige zu nennen.

Gesellschaftskritische Sujets haben den "Tatort" von Beginn an bestimmt. Die Trimmel-"Tatorte" des NDR der ersten Jahre beispielsweise beschäftigen sich mit palästinensischen Attentaten und Flugzeugentführungen, mit Organhandel per Computer, Bundesligaskandalen, illegaler Giftentsorgung und anderem mehr, und oft folgen diese Filme den realen Skandalen (so etwa der Krimi "Platzverweis für Trimmel", der 1973 dem realen Bundesligaskandal von 1970/71 folgte) und gewinnen so noch eine zusätzliche Verstärkung ihres Realitätsbezugs.

Die Kriminalgeschichten spielen sowohl in Wirtschafts- und Finanzmilieus und eleganten Bankiersvillen als auch in Kleinkriminellenmilieus und Hinterhöfen. Sie steigen in Migrationswelten ein und erkunden Arbeiter- und Unterschichtenverhältnisse ebenso wie zerrüttete Familiengeschichten hinter bürgerlichen Fassaden. Deutlicher als Kriminalserien zuvor wird die bundesdeutsche Gesellschaft als eine Gesellschaft unterschiedlicher Schichten und Klassen dargestellt, und häufig kommt es zu Konflikten zwischen den Vertretern der verschiedenen Schichten. Oft steigt der Zuschauer mit den Kommissaren - und zunehmend auch den Kommissarinnen - in die auch diesen bis dahin wenig vertrauten Milieus, lernt diese als soziale Wirklichkeiten kennen und kann sich auf diese Weise ein Bild von der sozialen Gestalt der Bundesrepublik machen.

Dass die "Tatorte" die bundesdeutsche Realität abbilden, ist seit den 1970er Jahren Konsens unter den Zuschauern und Kritikern, auch wenn sich die Filme selbst in der fast vierzigjährigen Laufzeit der Reihe verändert haben. Wiederholt hat es öffentliche Erregung darüber gegeben, dass sich einzelne Personengruppen durch die - letztlich immer fiktionale Darstellung - diskriminiert fühlten, seien es Zahnärzte oder Polizisten oder andere gesellschaftliche Gruppen. Die Fiktion wird hier als dokumentarische Darstellung verstanden - ein deutliches Zeichen dafür, wie sehr die Kriminalfilme des "Tatort" als Abbild der Gesellschaft und ihrer Teile gesehen werden.

Die großen aktuellen Konflikte der 1970er Jahre, wie Giftmüll-, Psychiatrie- und Bundesligaskandale, sind anderen Konflikten im Bereich der Wirtschaftskriminalität oder auch lokalen Auseinandersetzungen im Jugendbereich gewichen, die oft in neuer Weise für allgemeine gesellschaftliche Kontroversen stehen. Dabei wird oft mit den Vorurteilen der Zuschauer über bestimmte Milieus gespielt: Die Täter sind zumeist doch ganz woanders zu suchen als es zunächst den Anschein hat.

Der gesellschaftliche Wandel lässt sich besonders gut an den Ermittlerfiguren und ihren Veränderungen erkennen. Sie stehen auch für die gesellschaftlich zulässigen Geschlechterrollen, demonstrieren deren Bewertungswandel. Nicht nur sind mit den Kommissarinnen Buchmüller (Nicole Heesters), Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) zunehmend auch Frauen als Ermittlerinnen tätig - und zeigen auch ganz anderen Vorgehensweisen als die patriarchalen Ermittler der Anfangszeit -, es wurden auch verstärkt Ermittlerpaare eingesetzt, so dass hier unterschiedliche Charaktereigenschaften miteinander und gegeneinander eingesetzt werden können. Das geht bis zu parodistischen Formen wie bei dem Münsteraner Ermittlerpaar des Kommissars Frank Thiel und des Rechtsmediziners Jan Friedrich Boerne (Axel Prahl und Jan Josef Liefers), die fast schon den Fokus des Krimis von den Tätern auf die Ermittler verlegen. Gleichviel - die Serienprotagonisten werden dadurch menschlicher, lebensnäher, und es ist deshalb kein Zufall, dass sie nun gelegentlich auch selbst ins Fadenkreuz der Ermittlung geraten (so geschehen bei Ballauf in "Klassentreffen", 2010). Der klassische Polizeikrimi wird hier zum Thriller.

Fußnoten

2.
Dieter Oßwald, Interview mit Manfred Hattendorf, Januar 2009, online: www.tatort-fundus.de/web/zeugen/ard-verantwortliche/hattendorf-20090304.html (19.4.2010).

Öffentlich-rechtlicher Rundfunk
Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 9-10/2009)

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