APUZ Dossier Bild

11.5.2010 | Von:
Knut Hickethier

"Tatort" und "Lindenstraße" als Spiegel der Gesellschaft

Institutionen der Gesellschaftsbilder

"Über viele Jahre hinweg werden beim ,Tatort' kontinuierlich Höchstleistungen erbracht" stellte der "Tatort"-Koordinator Gebhard Henke in einem Interview fest[3] und begründete damit nebenbei, dass gerade die Kontinuität in Verbindung mit dem Variationsreichtum der Folgen den "Tatort" zu einer Institution der gesellschaftlichen Selbstdarstellung gemacht hat. Der "Tatort" wie auch die "Lindenstraße" liefern permanent verlässliche Bilder von der bundesdeutschen Gesellschaft, die inzwischen längst ihre Standards haben und damit Maßstäbe für andere geschaffen haben - Bilder, die fiktional aufbereitet, zugespitzt, überhöht sind. Gerade deshalb sind sie mehr als nur eine bloße Wiedergabe von Oberflächen. Sie liefern Deutungsmuster, wie diese bundesdeutsche Wirklichkeit zu verstehen ist, was im Hintergrund passiert - oder doch zumindest passieren kann.

Die lange Präsenz macht beide Serien zu dominanten Bildagenturen der bundesdeutschen Wirklichkeit, und wir lernen aus ihrem Material auf vielfältige Weise: in der "Lindenstraße", wie unterschiedlich und variationsreich die Beziehungsverhältnisse längst geworden sind - und dass wir sie zu tolerieren haben, weil es die Norm, wie Beziehungen zu sein haben, nicht mehr gibt. Im "Tatort", dass wir dem schönen Oberflächenschein zu misstrauen haben, dass den Verhältnissen in der Wirklichkeit kritisch zu begegnen ist. Die Krimis etablieren eine "Verdachtskultur", die der Demokratie und einem gesunden Misstrauen gegenüber den Entscheidungen der Mächtigen nur zugutekommt. Im "Tatort" erkennen wir die Realität der Bundesrepublik wieder, wie sie ist, wie sie sein könnte und vor allem, wie disparat und vielfältig sie sich entwickelt.

Fußnoten

3.
Zit. nach: Eric Leimann, Interview mit Gebhard Henke, April 2008, online: www.tatort-fundus.de/web/zeugen/ard-verantwortliche/henke-gebhard-tatort-koordinator.html (19.4.2010).

Öffentlich-rechtlicher Rundfunk
Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 9-10/2009)

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