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9.4.2010 | Von:
Benno Gammerl

Eine Regenbogengeschichte

Schwulenbewegung, Coming-Out und AIDS

Die Liberalisierung des Rechts trug mit dazu bei, dass sich das Selbstverständnis und die Organisationsformen homosexueller Männer nach 1970 grundlegend veränderten. Ein weiterer wichtiger Anstoß kam aus den USA, wo sich nach einem Aufstand gegen polizeiliche Repressionen - den New Yorker Stonewall-Unruhen von 1969 - die lesbischwule Bürgerrechtsbewegung formierte, die als eine Art Vorbild die westeuropäischen Entwicklungen der 1970er Jahre prägte. Entscheidend war außerdem der oft unter dem Kürzel "1968" zusammengefasste gesamtgesellschaftliche Wandel, der auch neue Formen des Umgangs mit den Homosexualitäten mit sich brachte. In den späten 1960er Jahren fanden sich - häufig im Umkreis der Studierendenbewegung - Gruppen zusammen, aus denen sich später die Schwulenbewegung entwickelte.[11]

Deren Akteure re-interpretierten das bisher meist abwertend gemeinte Wort "schwul" als Grundlage einer positiv besetzten Identität, die sie offen nach außen zeigten.[12] Dieses neue Selbstverständnis kursierte in zwei voneinander unterscheidbaren Varianten. Einerseits etablierte sich - insbesondere in den großen Städten - eine sichtbare Infrastruktur aus Bars, Saunen und Magazinen wie "Du&Ich" oder "him", die das erleichterte, ermöglichte und förderte, was viele bald als typisch "schwules Leben" betrachteten: das vorgeblich ungezwungene Ausagieren sexueller und anderweitiger Begierden. Von Skeptikern wurde diese Entwicklung indes als am Konsum orientierte Ghettoisierung beschrieben, die lediglich - so der Vorwurf - einen gesonderten Raum für die schwule community und deren Bedürfnisse schaffe, die strukturelle Homophobie der Gesamtgesellschaft aber unangetastet lasse. Andererseits verstand sich die Schwulenbewegung als sexuelle Avantgarde der Linken und wollte mittels einer umfassenden Revolutionierung der gesellschaftlichen Umstände auch die sozialen Probleme der Homosexuellen lösen. Obwohl die einzelnen Akteure permanent zwischen diesem politischen Register und dem Treiben der schwulen Szene wechselten, prägte der postulierte Widerspruch zwischen beiden die 1970er und 1980er Jahre.[13]

Ein anderer wichtiger Streitpunkt war die Frage, inwiefern und wie sehr man die eigene Andersartigkeit betonen und nach außen präsentieren sollte. Dabei spielte die bewusste Distanzierung von den Homophilen der 1950er und 1960er Jahre eine entscheidende Rolle.[14] Deren Sich-Verbergen stellten die Schwulenbewegten ein offenes Sich-Zeigen entgegen. 1972 organisierte man in Münster die erste "Schwulendemo", und 1979 fanden in Bremen und Berlin die ersten CSDs statt, Demonstrationen zum Christopher Street Day, mit denen an die Stonewall-Unruhen erinnert wurde. Im Rahmen individueller Biografien äußerte sich die neue Offenheit als Coming-Out. Jeder Einzelne war aufgefordert, die eigene Homosexualität gegenüber seiner Familie, seinen Freunden und seinen Kollegen zu thematisieren.[15] Mit diesem Sich-Zeigen korrespondierten auf Seiten der Mehrheitsgesellschaft neue Formen der Wahrnehmung von und des Umgangs mit Homosexualität. Als Indiz dafür kann die Ausstrahlung von schwulen Filmen und Szenen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gelten. Rosa von Praunheims "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" wurde 1972 in den Dritten Programmen und 1973 in der ARD, Wolfgang Petersens und Alexander Zieglers "Die Konsequenz" 1977 ebenfalls in der ARD gezeigt. Der Bayerische Rundfunk verweigerte in beiden Fällen die Ausstrahlung. Zehn Jahre später konnte man in der Fernsehserie "Lindenstraße" sehen, wie sich zwei Männer küssten. Derlei Sendungen erleichterten vielen Männern das Sprechen über Homosexualität und das Coming-Out.

Allerdings bestand nicht immer Einigkeit darüber, wie weit das Sich-Zeigen gehen sollte. 1973 löste diese Frage den Berliner "Tuntenstreit" aus.[16] Auf der einen Seite standen die "Tunten", die - nicht nur im Spiel mit den Geschlechterrollen - ihre Andersartigkeit vis-a-vis der Umgebung deutlich und provokativ zum Ausdruck bringen wollten, und auf der anderen diejenigen Vertreter der Linken, die ein eher unauffälliges Auftreten befürworteten, um die nicht-homosexuellen Verbündeten im Kampf gegen die Unterdrückung, insbesondere aus der Arbeiterklasse, nicht zu verschrecken. Eine vergleichbare Konstellation prägte den Eklat in der Bonner Beethovenhalle im Jahr 1980. Dorthin hatten die Allgemeine Homosexuelle Arbeitsgemeinschaft (AHA) und weitere schwule Organisationen die Vertreter verschiedener Parteien eingeladen, um im Vorfeld der Bundestagswahl über ihre homosexuellenpolitischen Forderungen zu diskutieren. Diese Veranstaltung sprengten andere Gruppen aus der Schwulenbewegung und ihrem Umfeld, die eine radikalere Veränderung des Systems forderten und der AHA eine reformistische Strategie der Anpassung vorwarfen. Dieser Widerspruch zwischen Tendenzen zur Integration in die Gesamtgesellschaft und dem Betonen der eigenen Andersartigkeit prägte die Schwulenbewegung.

Einen katastrophalen Einschnitt bedeutete in den 1980er Jahren das Auftreten der Immunschwächekrankheit AIDS. Die Trauer über den Tod von Freunden und der Wille zu überleben bestimmten den Alltag vieler männerliebender Männer. Zugleich schürten extreme Forderungen - wie etwa die des CSU-Politikers Peter Gauweiler nach Internierung aller infizierten Homosexuellen - Ängste vor kollektiver Diskriminierung. Im Rückblick kann man jedoch feststellen, dass die Debatten über AIDS und den Umgang mit der Krankheit sich eher in die entgegengesetzte Richtung auswirkten. Selbsthilfe-Vereine und Organisationen wie die Deutsche AIDS-Hilfe wurden gegründet und machten Homosexualität in neuer Weise und in bisher ungekanntem Umfang zum öffentlichen Thema. Sie trugen damit zur Professionalisierung der Schwulenbewegung bei. Zugleich intensivierte die zunehmende Förderung schwuler Organisationen durch staatliche Gelder und private Spenden deren offizielle und gesellschaftliche Anerkennung.[17] Wie mit dieser Anerkennung umzugehen sei und welche Folgen sich daraus ergeben - mit diesen Fragen begann sich die lesbischwule Bewegung in den 1990er Jahren zu beschäftigen.

Fußnoten

11.
Zum problematischen Verhältnis zwischen beiden Bewegungen vgl. Stefan Micheler, Heteronormativität, Homophobie und Sexualdenunziation in der deutschen Studierendenbewegung, in: Invertito, 1 (1999), S. 60-101.
12.
Ihre wissenschaftshistorische Entsprechung fand diese Identitätspolitik in der Ablösung medizinischer und psychiatrischer Devianzdiskurse durch die Soziologie als neuer Leitdisziplin bei der Erforschung der Homosexualitäten. Vgl. Martin Dannecker/Reimut Reiche, Der gewöhnliche Homosexuelle. Eine soziologische Untersuchung über männliche Homosexuelle in der Bundesrepublik, Frankfurt/Main 1974.
13.
Vgl. Benno Gammerl, "Sex gab's in Schöneberg, Revolution in Kreuzberg", in: Jungle World, Nr. 45 vom 5.11.2009, S. 6-9.
14.
Dieser Bruch verhinderte lange Zeit die Erinnerung an die Vorläufer der Schwulenbewegung, vgl. M. Dannecker (Anm. 5). Ihre Wiederentdeckung war ein langwieriger Prozess, vgl. James D. Steakley, The Homosexual Emancipation Movement in Germany, New York 1975; Schwules Museum/Akademie der Künste, Berlin (Hrsg.), Goodbye to Berlin? 100 Jahre Schwulenbewegung, Berlin 1997.
15.
Vgl. Martin Siems, Coming out. Hilfen zur homosexuellen Emanzipation, Reinbek 1980.
16.
Vgl. Detlef Grumbach, Hundert Jahre Schwulenbewegung? in: ders. (Anm. 5), S. 12-26, hier: S. 23.
17.
Vgl. ebd., S. 12; Michael Bochow, Hat Aids die soziale Situation schwuler Männer verändert? in: ebd., S. 139-149. Zum Umgang mit Aids in der DDR vgl. R. Herrn (Anm. 6).

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