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9.4.2010 | Von:
Benno Gammerl

Eine Regenbogengeschichte

Die zweite Frauen- und die Lesbenbewegung

Die Geschichte der zwischenfraulichen Homosexualitäten in der Bundesrepublik verlief nach 1970 weitgehend in anderen Bahnen als jene der Schwulenbewegung. Zwar arbeiteten einige Lesben Anfang der 1970er Jahre mit schwulen Gruppen zusammen, beispielsweise in der Frauengruppe bei der Homosexuellen Aktion Westberlin (HAW), die 1972 das erste Lesbenpfingsttreffen organisierte und damit eine wichtige Veranstaltungsreihe begründete. Allerdings kam es Mitte der 1970er Jahre zum Bruch zwischen den Männern und den Frauen der HAW, woraufhin letztere ihre Arbeit als Lesbisches Aktionszentrum (LAZ) fortsetzten.[18]

Diese Bezeichnung verweist darauf, dass frauenliebende Frauen in den 1970er Jahren mit den Lebensweisen und dem Sich-Verbergen der 1950er und 1960er Jahre brachen. Den entscheidenden Kontext, innerhalb dessen sie neue Modi der Intimität zwischen Frauen und alternative Organisationsformen entwickelten, bildete die zweite Frauenbewegung. 1972 initiierten lesbische Teilnehmerinnen am Frankfurter Weiberrat eine Debatte über die Diskriminierung homosexueller Frauen. In den folgenden Jahren entstanden Zeitschriften wie die "ukz - unsere kleine Zeitung" oder die "Lesbenpresse". Zudem kam es in mehreren Städten zur Gründung lesbisch-feministischer Gruppen.[19] Diese organisierten neben zahlreichen Frauenfesten Mitte der 1970er Jahre auch öffentlichkeitswirksame Protestaktionen gegen eine diffamierende Artikelserie über "Das Verbrechen der lesbischen Frauen", mit welcher die "Bild"-Zeitung die Mordanklage gegen Marion Ihns und Judy Andersen, den sogenannten "Hexenprozess von Itzehoe", begleitete.[20]

Feministische Räume wie Frauenbuchläden und Frauenhäuser boten lesbischen Frauen in den 1970er und frühen 1980er Jahren die Möglichkeit, sich zu vernetzen und auf ihre Belange und ihre Forderungen aufmerksam zu machen. Dabei verwies das Wort "lesbisch" im feministischen Kontext nicht nur auf die Liebe zwischen Frauen, sondern als politisierte Geschlechtsidentität auch auf das Streben nach einem frauenbezogenen Leben in Unabhängigkeit von der männlich dominierten Gesellschaft.[21] Über diesen Punkt entspann sich in den 1980er Jahren eine Auseinandersetzung, die eine allmähliche und partielle Loslösung der Lesben- von der Frauenbewegung zur Folge hatte. In diesem Disput warfen die Lesben den Feministinnen vor, die sexuelle Dimension zwischenfraulicher Beziehungen zu verdrängen und die besonderen Bedürfnisse homosexueller Frauen zu marginalisieren. Umgekehrt wurde die Lesbenbewegung beschuldigt, den feministischen Impetus zu vernachlässigen und einem Verständnis des Lesbisch-Seins als entpolitisiertem Lebensstil das Wort zu reden.[22]

Unabhängig von diesen Diskrepanzen haben die Frauen- und die Lesbenbewegung zusammen mit fundamentalen Veränderungen im Geschlechterverhältnis auch einen Wandel in der Lebensweise und im Selbstverständnis frauenliebender Frauen bewirkt. Dieser spiegelte sich, ähnlich wie bei den Schwulen, in neuen Formen des Umgangs mit Homosexualität wider. Auch für lesbische Frauen wurde das Coming-Out, das bewusste Sich-Zeigen, zum biografischen Meilenstein. Gleichsam eine Vorlage für diesen Schritt lieferte Angelina Maccarones Film "Kommt Mausi raus?", der 1995 zur besten Sendezeit in der ARD zu sehen war. Diese und frühere Publikationen zu lesbischen Themen, wie die 1974 ausgestrahlte WDR-Dokumentation über die Berliner HAW-Frauengruppe,[23] verdeutlichen, dass sich auch die gesellschaftliche Wahrnehmung zwischenfraulicher Homosexualität änderte. Weitere wichtige Entwicklungen waren die Etablierung einer lesbischen Subkultur vor allem in den großen Städten sowie - beispielsweise durch die 1982 erfolgte Gründung des Lesbenrings als bundesrepublikanischer Dachorganisation - die Professionalisierung und Institutionalisierung der Lesbenbewegung.

Fußnoten

18.
Vgl. Martina Weiland, "Und wir nehmen uns unser Recht!" Kurzgefasste Lesbenbewegungsgeschichte(n) der 70er, 80er, 90er Jahre in West-Berlin, in: Ihrsinn, Nr. 10 (1994), S. 8-16.
19.
Vgl. Susanna Jäger, Doppelaxt oder Regenbogen? Zur Genealogie lesbisch-feministischer Identität, Tübingen 1998, S. 64f.; Ilse Kokula, Formen lesbischer Subkultur. Vergesellschaftung und soziale Bewegung, Berlin 1983.
20.
Vgl. S. Jäger (ebd.), S. 65; Irene Beyer, Der "Lesbenprozess" in Itzehoe 1974. Diskriminierung - Politisierung - Solidarisierung, in: Ihrsinn, Nr. 16 (1997), S. 13-24.
21.
Diese Bedeutung entwarfen die US-amerikanischen Radicalesbians in einem Manifest aus dem Jahr 1970, vgl. Sabine Hark, Magisches Zeichen, in: dies. (Hrsg.), Grenzen lesbischer Identitäten, Berlin 1996, S. 96-133, hier: S. 102.
22.
Vgl. S. Jäger (Anm. 19), S. 74; S. Hark (Anm. 21).
23.
Vgl. S. Jäger (Anm. 19), S. 65.

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