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9.4.2010 | Von:
Benno Gammerl

Eine Regenbogengeschichte

Lesben und Schwule in der DDR zwischen Kontrolle und Bewegung

Ähnliche Prozesse veränderten nach 1970 auch die Situation homosexueller Frauen und Männer im östlichen Deutschland, obschon sehr allmählich und aufgrund staatlicher Repressionen nicht ohne Rückschläge. Eine meist auf wenige Cafés und Lokale beschränkte Subkultur hatte es in mehreren ostdeutschen Städten bereits zuvor gegeben.[24] In den 1970er und 1980er Jahren etablierte die lesbischwule Bewegung daneben eigene Strukturen. Ein wesentlicher Unterschied zum Westen bestand dabei darin, dass Lesben und Schwule in der DDR sich nicht auf getrennten Wegen organisierten, sondern stärker zusammenarbeiteten.[25]

Den ersten Versuch in dieser Richtung unternahm 1973 die Homosexuelle Interessengemeinschaft Berlin (HIB). Wichtige Anregungen für die Gründung dieses Netzwerks lieferten Rosa von Praunheims Film aus dem Jahr 1972 und ein Vortrag über Homosexualität in der (Ost-)Berliner Stadtbibliothek.[26] Mehrere Jahre hindurch organisierte die HIB - meist in privaten oder halb-öffentlichen Räumen - Veranstaltungen und Diskussionsrunden. Daneben wandten sich die Mitglieder mit homosexuellenpolitischen Anliegen an die Medien und die Behörden der DDR. 1980 beendete die Initiative ihre Arbeit, nicht zuletzt aufgrund von Schikanen seitens staatlicher Stellen.[27]

In den 1980er Jahren kam es trotzdem zur Gründung weiterer lesbischwuler Gruppen, entweder unter dem Dach der evangelischen Kirche oder im Umfeld staatlicher Organisationen und Einrichtungen.[28] Diese Gruppen setzten sich für die Rechte Homosexueller ein, warben um Akzeptanz und versuchten, die Möglichkeiten für gleichgeschlechtliche Lebensweisen zu erweitern. Obwohl das Ministerium für Staatssicherheit und andere Organe diese Aktivitäten argwöhnisch beobachteten und behinderten,[29] verschafften sich Lesben und Schwule in der DDR dennoch zunehmend Raum und Sichtbarkeit.

Parallel dazu wandelte sich in den 1980er Jahren die gesellschaftliche Wahrnehmung der Homosexualitäten. Darauf verweisen die zunehmenden und wohlwollenden Erwähnungen des Themas in verschiedenen Zeitschriften[30] sowie Diskussionen über die Position homosexueller Menschen im Sozialismus auf wissenschaftlicher und politischer Ebene. 1985 publizierte ein Arbeitskreis der Humboldt-Universität ein Papier "Zur Situation homophiler Bürger in der DDR", und im selben Jahr fand in Leipzig eine Tagung über "Psychosoziale Aspekte der Homosexualität" statt.[31] Letztlich kann man auch die Abschaffung der strafrechtlichen Diskriminierung im Jahr 1988 als Indiz für eine Atmosphäre intensivierter Toleranz werten. Allerdings ist unklar, inwiefern diese Entwicklungen aus den Aktivitäten lesbischwuler Gruppen resultierten. Sicherlich reichten deren Forderungen nach einer umfassenden Akzeptanz homosexueller Lebensweisen deutlich weiter als das, was Teile der politischen Eliten in den späten 1980er Jahren zu gewähren bereit waren.

Fußnoten

24.
Vgl. Jens Dobler: "Den Heten eine Kneipe wegnehmen", in: Sonntags-Club (Hrsg.), Verzaubert in Nord-Ost, Berlin 2009, S. 167-173.
25.
Vgl. Lising Pagenstecher, Zur Geschichte der Lesbenbewegung in den beiden deutschen Staaten BRD und DDR, in: Ihrsinn, Nr. 10 (1994), S. 101-110.
26.
Vgl. Stefanie Krautz, Lesbisches Engagement in Ost-Berlin 1978-1989, Marburg 2009, S. 67.
27.
Vgl. Kay Nellißen/Kristine Schmidt, Homosexuelle Interessengemeinschaft Berlin, in: Sonntags-Club (Anm. 24), S. 178-185.
28.
Vgl. B. Thinius (Anm. 1), S. 38-52; Ursula Sillge, Unsichtbare Frauen. Lesben und ihre Emanzipation in der DDR, Berlin 1991. Zur These, dass in der DDR private Netzwerke und persönliche Kommunikationen für Schwule bedeutsamer waren als in der Bundesrepublik vgl. R. Herrn (Anm. 6).
29.
Vgl. B. Thinius (Anm. 1), S. 24-29; S. Krautz (Anm. 26), S. 51f.
30.
Vgl. S. Krautz (Anm. 26), S. 18-22.
31.
Vgl. B. Thinius (Anm. 1), S. 29-34. Thinius kritisiert diese Debatten als "Integrationsprogramm von oben".

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