APUZ Dossier Bild

9.4.2010 | Von:
Benno Gammerl

Eine Regenbogengeschichte

Resümee und Ausblick

Nach dem Mauerfall am 9. November 1989, dem Tag der Uraufführung von Heiner Carows "Coming Out" im (Ost-)Berliner "Kino International", griffen die west- und die ostdeutsche Geschichte der Homosexualitäten eng ineinander. Die Debatten und Tendenzen der vergangenen zwanzig Jahre können hier nur kurz skizziert werden: Zunächst begannen Lesben und Schwule - dem ostdeutschen Vorbild folgend - stärker zu kooperieren. Als lesbischwule Bürgerrechtsbewegung forderten sie in den 1990er Jahren die Gleichstellung homosexueller Lebensweisen. Ein prominentes Ergebnis dieser Politik war das Lebenspartnerschaftsgesetz von 2001, das die sogenannte Homo-Ehe ermöglichte und zugleich Debatten über "Regenbogenfamilien" beflügelte. In diesem Kontext kam es zum Streit darüber, ob diese Entwicklung als Errungenschaft zu begrüßen oder als Anpassung an heterosexuelle Beziehungsmuster abzulehnen sei, und zum Wiederaufflammen des Konflikts zwischen denen, die sich um Integration bemühten, und denen, die ihre Andersartigkeit betonten. Auch das Mischungsverhältnis von politischem Engagement und Szenetreiben - Stichwort Hedonisierung - wurde erneut diskutiert.[32] Manche Kommentatoren beobachteten stattdessen eine Pluralisierung von lesbischwulen Lebensstilen, welche die Identität der Homosexuellenbewegung zu untergraben drohe.[33] Eine radikale Kritik am Begriff der Identität wurde dagegen unter dem Schlagwort queer formuliert, das auf die Destabilisierung von und das Spiel mit Differenzen als Formen politischer Intervention verweist.

Wenn man auf das eingangs über die 1950er und 1960er Jahre Gesagte zurückblickt, bleiben wenig Zweifel daran, dass sich die Lebensweisen homosexueller Menschen und ihr Umfeld in den vergangenen sechzig Jahren grundlegend verändert haben. Die Zeitgeschichte der Homosexualitäten in Deutschland weist dabei zwei besonders interessante Aspekte auf. Zum einen war sie geprägt von einem Dialog zwischen Ost und West, der die oft allzu eindeutig gezogene Grenze zwischen der "vorbildlichen" Bundesrepublik und der "defizitären" DDR unterläuft. Zum anderen fügt sie sich nicht in eine kontinuierliche Fortschrittserzählung. Zwar verbesserte die Entkriminalisierung der Homosexualitäten und die auch jenseits des Strafrechts wirksamen, liberalisierenden und emanzipatorischen Prozesse die Situation männerliebender Männer und frauenliebender Frauen. Aber diese Entwicklungen setzten mitnichten 1945, sondern erst um 1970 ein, also nach einer langen, von Repressionen geprägten Phase der Nachkriegszeit.

Die Zäsur der 1970er Jahre sollte allerdings den Blick auf die Zeit davor nicht über Gebühr verdunkeln. Die Entgegensetzung der früheren Periode gleichsam als Zeit der bloßen Unfreiheit und der schwulen- und frauenbewegten Jahre nach 1970 als Phase der umfassenden Befreiung wird der Geschichte der Homosexualitäten nicht gerecht. Vor allem unterschlägt sie die Handlungsspielräume, die sich "Homophile" und "Freundinnen" in den 1950er und 1960er Jahren schufen, sowie deren positive Erfahrungen in jener Zeit. Deswegen sollte man allzu plakative Gegensätze meiden und stattdessen darauf achten, wie sich in je spezifischen historischen Situationen unterschiedliche homosexuelle Lebensweisen entwickelten. Diese waren einerseits von je besonderen Vorgaben und Zwängen geprägt, räumten den Akteuren aber andererseits immer auch Gestaltungsmöglichkeiten ein. Diese Ambivalenz zwischen emanzipatorischen Bemühungen und der Beharrlichkeit heteronormativer Ordnungsmuster prägt bis heute die Situation der Homosexualitäten.

Fußnoten

32.
Vgl. Werner Hinzpeter, Schöne schwule Welt, Berlin 1997; Bernd-Ulrich Hergemöller, Einführung in die Historiographie der Homosexualitäten, Tübingen 1999, S. 124.
33.
Vgl. D. Grumbach (Anm. 16), S. 16.

Dossier

Menschenrechte

Auf der Flucht vor Zwangsheirat, hinter Gittern wegen der "falschen" Meinung, in der Textilfabrik von Kindesbeinen an: Auch 70 Jahre nach Erklärung der Allgemeinen Menschenrechte ist die Frage nach Freiheit und Würde des Menschen aktuell. Sind Menschenrechte universell? Wer verfolgt Verstöße gegen Menschenrechte? Und wie sieht die Situation in verschiedenen Regionen aus?

Mehr lesen

Mediathek

Homophobie begegnen

Homophobie und auch Transphobie findet man an vielen Orten. Dieser Film zeigt, was das eigentlich für die Betroffenen bedeutet.

Jetzt ansehen