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23.3.2010 | Von:
Klaus Tenfelde

Arbeitsbeziehungen und gewerkschaftliche Organisation im Wandel

Entstehung der Gewerkschaften

Will man nicht die Gesellenbruderschaften des Mittelalters oder örtliche Kampfkoalitionen in verschiedenen Gewerben zum Ausgangspunkt erklären, dann beginnt die Geschichte der deutschen Gewerkschaften mit der Gründung von Verbänden der Zigarrenarbeiter und der Buchdrucker in der Revolutionszeit der Jahre 1848/49.[2] In beiden Berufen war unter gänzlich verschiedenen Voraussetzungen der klare Wille erkennbar, zu einer überörtlichen Verbandsbildung zu kommen. Die frühesten Gewerkschaftsführer standen bereits in engen Beziehungen zur frühen politischen Arbeiterbewegung, die sich als "Arbeiterverbrüderung" formierte. Dabei hatten sich im Emanzipationskampf der noch gar nicht recht vorhandenen "Arbeiterklasse" die gewerkschafts- und allgemeinpolitischen Ziele der neuen sozialen Bewegung kaum erst voneinander differenziert. Bei den Zigarrenarbeitern waren es eher die räumlichen Bedingungen ihrer gut bezahlten Beschäftigung, die sie zur Verbandsbildung veranlassten. Die Buchdrucker führten bereits Lohnkämpfe vor dem Hintergrund einer durchgreifenden Rationalisierung des Gewerbes durch die Einführung der Schnellpresse.

Man erkennt hier bereits, dass die frühe Gewerkschaftsbewegung ganz überwiegend handwerklichen Ursprungs war - das sollte noch auf Jahrzehnte so bleiben. Von den rund 500.000 vorwiegend textilindustriellen Fabrikarbeitern dürfte kaum einer bereits von Gewerkschaften gehört haben. Protestiert und gestreikt wurde freilich bereits anderweitig, so unter den hungernden Hausgewerbetreibenden und bei den temporär an wandernden Baustellen beschäftigten Eisenbahnbauarbeitern. Die Streikbewegungen hielten auch während der 1850er Jahre an, als Gewerkschaftsgründungen durch die Obrigkeit überwacht und verhindert wurden.

Solche Behinderungen waren auch in der eigentlichen Gründungsphase der modernen Gewerkschaftsbewegung in den 1860er Jahren an der Tagesordnung. Die "Neue Ära" (eingeleitet durch den Thronwechsel in Preußen) schien freiheitliche Organisationsbildung zu ermöglichen. Wieder waren es handwerkliche Gewerbe, die in der überregionalen Selbstorganisation voranschritten und nunmehr eindeutig als Gewerkschaften charakterisierbare Verbände bildeten: Erneut standen seit dem Jahr 1865 die Zigarrenarbeiter voran; die Buchdrucker hatten zuvor schon zu regionalen Verbünden gefunden und gründeten nach einer großen Streikbewegung der Leipziger Buchdrucker im Jahr 1866 ihren Zentralverband; es folgten Ende des Jahres 1867 die Schneidergesellen. Dabei war die entscheidende Rechtsgrundlage gewerkschaftlicher Organisation, das Koalitionsrecht, noch gar nicht vorhanden. Es wurde zuerst im Königreich Sachsen und im Jahr 1869 mit der Gewerbeordnung des Norddeutschen Bundes (sie galt ab dem Jahr 1871 im gesamten Deutschen Kaiserreich) eingeführt. Freilich gab es darin scharfe Restriktionen, zumal in der strafrechtlichen Behandlung des Koalitionszwangs, und die Bestimmungen des berüchtigten Paragrafen 153 der Gewerbeordnung ("Schutz der Arbeitswilligen") haben die Gewerkschaftsbewegung bis zum Ende des Kaiserreichs schwer beeinträchtigt.

Die langwierige Debatte um das Koalitionsrecht fand nicht zufällig im Jahr 1869 einen vorläufigen Höhepunkt in der Gesetzgebung. Sie sollte während des Kaiserreichs immer wieder aufflammen und spielt bis heute in der Rechtsprechung über Streiks eine gewisse Rolle. In den 1860er Jahren stimulierte sie Gewerkschaftsgründungen, und so kann man das Jahr 1868 als "Gewerkschaftsgründungsjahr" bezeichnen: Weitere Zentralverbände entstanden nun auf handwerklicher Grundlage, und die politischen Parteien konkurrierten um Einfluss auf die Organisationsbildung. Das galt sogar für den deutschen Liberalismus, dessen fortschrittliche Kräfte mit den Hirsch-Duncker'schen Gewerkvereinen eine eigenständige Gewerkschaftsbewegung anregten. Diese wagten sich mit den Waldenburger Bergarbeitern bereits im Jahr 1869 in ein riskantes Streikunternehmen, unterlagen darin und führten fortan eher ein Schattendasein im Vergleich zu den großen Zentral- und Dachverbänden, die seit dem Jahr 1890 entstehen sollten. Immerhin, es gab die liberalen Gewerkvereine bis zum Jahr 1933.

Um ihren Einfluss auf die entstehende Gewerkschaftsbewegung stritten vielmehr die beiden Arbeiterparteien, die im Zuge der allgemeinen Liberalisierung des politischen Klimas in den 1860er Jahren entstanden waren: Ferdinand Lassalles Allgemeiner Deutscher Arbeiterverein seit dem Jahr 1863 und die Eisenacher Sozialdemokratie mit ihren Führungsgestalten August Bebel und Wilhelm Liebknecht seit dem Jahr 1868. Erstere hatten zunächst unter dem Einfluss von Lassalle und dessen "Ehernem Lohngesetz" die gewerkschaftliche Organisation abgelehnt; sie bekehrten sich am Ende der 1860er Jahre nur zögernd zu richtigeren Einsichten. Letztere standen unter dem Einfluss der Londoner Exilanten, Karl Marx und Friedrich Engels, die an sich ebenfalls in der politischen Bewegung eher die Vorhut des Proletariats erkannten, aber die Gewerkschaftsbewegung für eine wichtige Form der Massenorganisation, für eine Schule der proletarischen Demokratie, hielten. Es entstanden die Internationalen Gewerksgenossenschaften, die sich ebenfalls in Zentralverbänden organisierten und rasch größeren Einfluss errangen.

Allerdings widerfuhr der frühen Gewerkschaftsbewegung zunächst einmal die Reichsgründung, die der Arbeitersache wegen nationalen Überschwangs wenig förderlich war, von Marx aber als Bedingung für die Möglichkeit umfassender proletarischer Organisation begrüßt wurde. Schlimmer noch, den Gewerkschaften widerfuhr seit dem Jahr 1874 eine erste schwere Krise des deutschen Kapitalismus, in deren Verlauf der preußisch-deutsche Obrigkeitsstaat alle allenfalls noch rechtsstaatlichen Drohkulissen und Unterdrückungsmechanismen gegen die Arbeiterbewegung aufbaute. Das gipfelte im Jahr 1878, nach den beiden Attentaten auf Kaiser Wilhelm I., im Sozialistengesetz und einem Totalverbot aller jener organisatorischen Bestrebungen, denen auch nur der Ruch des Sozialismus angeheftet werden konnte.[3]

Mit der Entwicklung der Arbeitsbeziehungen, der betrieblichen Organisation von Arbeit und dem gewerkschaftlichen Einfluss hierauf, hatte dies alles zunächst weniger zu tun. Vielmehr wird deutlich, dass und wie sehr die politischen Rahmenbedingungen die Entstehungsgeschichte der deutschen Gewerkschaftsbewegung diktierten. Das betraf das politische System, den preußischen und deutschen Konstitutionalismus im Kaiserreich, ebenso wie die programmatisch-ideologischen Entwicklungen im Sozialismus.

Dieser hatte bis zum Sozialistengesetz eine Vielfalt von Strömungen aufgewiesen - nun aber begann unter den Bedingungen von Unterdrückung und Verfolgung die Rezeption des Marxismus, die im Erfurter Programm der deutschen Sozialdemokratie aus dem Jahre 1891 gipfelte. Erst mit dem Auslaufen des Sozialistengesetzes im Jahr 1890 sollte gewerkschaftliche Organisation wieder möglich werden. Ein zentraler Dachverband war schon vor dem Jahr 1878, im Zusammenhang mit der Vereinigung der beiden Arbeiterparteien auf dem Gothaer Kongress 1875, angestrebt worden, aber diese Ansätze fielen den Verboten unter dem Sozialistengesetz anheim.

Fußnoten

2.
Vgl. Ulrich Borsdorf/Gabriele Weiden (Hrsg.), Geschichte der deutschen Gewerkschaften von den Anfängen bis 1945, Köln 1987; Klaus Schönhoven, Die deutschen Gewerkschaften, Frankfurt/M. 1987.
3.
Vgl. Willy Albrecht, Fachverein - Berufsgewerkschaft - Zentralverband. Organisationsprobleme der deutschen Gewerkschaftsbewegung 1870-1890, Bonn 1982; Klaus Tenfelde, Sozialgeschichte der Bergarbeiterschaft an der Ruhr im 19. Jahrhundert, Bonn 19812; Thomas Welskopp, Das Banner der Brüderlichkeit. Die deutsche Sozialdemokratie zwischen Vormärz und Sozialistengesetz, Bonn 2000.