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23.3.2010 | Von:
Klaus Tenfelde

Arbeitsbeziehungen und gewerkschaftliche Organisation im Wandel

Autoritärer Korporatismus: Gewerkschaften im Wilhelminischen Deutschland

Nach dem Jahr 1890 wuchs die deutsche Gewerkschaftsbewegung binnen zwei Jahrzehnten zu imponierender Stärke heran.[4] Sie stand jetzt auf anderen strukturellen Grundlagen - in gewisser Weise hat das Sozialistengesetz die organisatorische Fortbildung erleichtert und beschleunigt, wie ja auch die schwerste Verbotszeit, diejenige während der nationalsozialistischen Diktatur, längst überfällige organisatorische Anpassungen möglich machte, sogar erzwang.

Am Ende des Sozialistengesetzes war allseits zu erkennen, wie sehr die Industrialisierung die deutsche Erwerbslandschaft bereits verändert hatte. Namentlich der neue Leitsektor der Industrialisierung, die Montanindustrie, zog seit der Jahrhundertmitte zu Hunderttausenden Arbeitskräfte an sich. Bergbau, Industrie und Handwerk überrundeten spätestens um das Jahr 1900 die ländliche Erwerbstätigkeit. Hinzu kam mit bereits rund einem Viertel der Erwerbstätigen der nunmehr stärker wachsende Bereich der öffentlichen und privaten Dienstleistungen. Letztere waren für die Gewerkschaften einstweilen nur in Ausnahmefällen erreichbar, aber in den industriellen Hauptberufen verankerte sich die gewerkschaftliche Organisation rasch und nachhaltig.

Ein Teil des Aufstiegs der Gewerkschaften war sicher dem repressiven Gestus des Obrigkeitsstaates geschuldet, denn die Nichtanerkennung der gewerkschaftlichen Organisationen und die Politik der behördlich-polizeilichen Nadelstiche gegen die Verbände zwangen die Arbeiterschaften auf die Seite ihrer Organisationen. Jener Staat schuf sich gewissermaßen diejenige, scharf oppositionelle Arbeiterbewegung, die er verdiente. Umgekehrt sah sich die Arbeitgeberseite durch das Staats- und Behördenverhalten ungemein begünstigt. Diese Machtverzerrung machte es möglich, dass in den Betrieben und Unternehmen patriarchalisch-autoritäre Herrschaftsansprüche durchgesetzt werden konnten.

Dies galt namentlich für die Montanindustrie. Im Bergbau, im Hüttenwesen und auch in Teilen der Chemie- und Metallindustrie ließ sich der zeitgenössisch vielfach apostrophierte "Herr-im-Hause-Standpunkt" exekutieren, wonach der Arbeiterseite so gut wie keine Mitspracherechte in betrieblichen Angelegenheiten eingeräumt und Verhandlungen mit den Gewerkschaften strikt abgelehnt wurden.[5] Die Arbeitgeber selbst hatten sich in Interessenverbänden überwiegend seit den 1870er Jahren organisiert. Sie ergänzten das Geflecht ihrer Organisationen nach dem Fall des Sozialistengesetzes durch Arbeitgeberverbände, denen im umfassenden Sinn die Behandlung der "Arbeiterfrage" oblag. Das führte beispielsweise im Ruhrgebiet zur Gründung des sogenannten "Zechenverbands", mit dem versucht wurde, die Arbeitsmärkte unter Kontrolle zu bekommen. Ein gleichermaßen willfähriges Instrument wurde mit Hilfe von Fabrikvereinen geschmiedet, das waren wirtschaftsfriedliche Organisationen, die von Unternehmerseite finanziell gestützt wurden und Streiks ablehnten, aber in den betriebsbezogenen Werkseinrichtungen mitwirkten.[6]

Der "Herr-im-Hause-Standpunkt" hatte sich seit vormärzlichen Zeiten herausgebildet und in einer Reihe wichtiger Großunternehmen auch zu teilweise vorbildlichen Sozialleistungen geführt. Das berühmteste Beispiel hierfür ist die Firma Fried. Krupp in Essen. Alfred Krupp richtete frühzeitig Fabrikkassen für die Krankenpflege ein, nahm mit der Einrichtung einer Konsumanstalt Einfluss auf die täglichen Bedürfnisse der Arbeiterschaft und erweiterte das Instrumentarium der betrieblichen Sozialpolitik schon in den 1860er Jahren um einen ausgedehnten Werkswohnungsbau. Der kaum verborgene Zweck lag in der Bindung einer Stammarbeiterschaft an die Werke. Aber der Gestus, in dem dies geschah, war der des Patriarchen, des Vaters der Werksfamilie Krupp, der in der Tat keine Anstrengungen scheute, um das Wohlergehen seiner Arbeiter zu fördern - freilich nur, wenn diese sich nicht sozialistischer Bestrebungen verdächtig machten.

Dieses Vorbild fand zahlreiche Nachahmer, etwa in der Chemie-Industrie, wenn Carl Duisberg seit den 1890er Jahren in Leverkusen die Belegschaft auf dem neuen Werksgelände im Nordosten Kölns nach diesem Vorbild formte und schulte. Solche betriebliche Sozialpolitik begriff sich als "Gnadenakt", als ein Bündel von Gunsterweisen, auf das kein Rechtsanspruch bestand und das deshalb jederzeit zurückgenommen oder reduziert werden konnte. Von Mitbestimmung der Arbeitnehmer, wie sie von den Gewerkschaften längst gefordert wurde, war dabei nicht die Rede. Arbeiter saßen durchaus in den Ausschüssen der Betriebskrankenkassen und betrieblichen Rentenversicherungen, aber sie gewannen kaum Einfluss auf diese Einrichtungen.

Das war sicher nicht überall der Fall. Mit der Reichsgewerbeordnung und der Bismarck'schen Sozialversicherungspolitik der 1880er Jahre hatte der Staat deutlich gemacht, dass auch die industriellen Arbeitsverhältnisse einer öffentlichen Ordnung bedurften, dass sich der Staat - entgegen den zunächst weit überwiegenden marktliberalen Auffassungen - sehr wohl in das Arbeitsverhältnis einzumischen habe. Er tat dies mit der Unfall-, der Kranken- und der Rentenversicherung, griff jedoch zunächst nur zögernd beim Arbeitsschutz durch, also auf dem Gebiet der Arbeitssicherheit zumal in stark gefährdeten Berufen. Vor allem dem Verlangen der Arbeiter nach Mitbestimmung in den Betrieben gab der Staat nur zögernd nach. Es bedurfte großer Streiks namentlich im Bergbau, um auf gesetzlichem Weg der Arbeiterseite ein solches Mitspracherecht einzuräumen. Im Bergbau gelang dies, allerdings bei stark eingeschränkten Mitspracherechten.

In anderen, durchaus zahlreichen, weniger großbetrieblichen Gewerben konnte dies bereits anders aussehen, und auch größere Betriebe wie die Carl Zeiss AG in Jena oder die Unternehmensgruppe von Robert Bosch in Stuttgart gingen andere Wege in der Mitbestimmungsfrage. Vielfach wirkten sich darin andere, philanthropische Überzeugungen jenseits eines machtbewussten unternehmerischen Patriarchalismus aus. Von noch größerer Bedeutung dürften indessen die Marktverhältnisse gewesen sein, unter denen etwa die Unternehmen der Konsumgüterindustrien zu produzieren hatten. Sie sahen sich teilweise sehr frühzeitig zu "Friedensschlüssen" (Tarifverträgen mit den Gewerkschaften) und damit zu deren rechtlicher Anerkennung als Vertragspartner veranlasst. Diese Entwicklung hin zu Tarifverträgen nahm bereits vor dem Jahr 1914 erstaunliche Ausmaße an. Dagegen beharrten die Unternehmer in Kohle und Stahl und auch in der chemischen Industrie auf ihren unverrückbaren Grundsätzen. Sie lehnten jede Art der Verständigung mit den Gewerkschaften ab.

Diese Haltung wurde ihnen nicht nur durch den repressiven Gestus des Obrigkeitsstaats, sondern auch durch die Spaltung der Gewerkschaftsbewegung und durch ein wichtiges, bis heute wirksames Strukturproblem der gewerkschaftlichen Massenorganisation - das Verhältnis der betrieblichen zur verbandlichen Selbstbestimmung - erleichtert. Einstweilen schien kein Weg zur Einheitsgewerkschaft zu führen. Die Spaltung der Gewerkschaftsbewegung hatte sich schon mit den Hirsch-Duncker'schen Gewerkvereinen abgezeichnet. Sie prägte sich auf andere Weise nach der Reichsgründung aus, als Bismarck und das Reich gegen das katholische Deutschland den "Kulturkampf" einläuteten: Katholische Arbeiter begannen, sich zunächst in christlich-sozialen Arbeitervereinen zu organisieren, um ihre Wertorientierungen und Interessen auch in den Arbeitsverhältnissen durchzusetzen.

Als nach dem Fall des Sozialistengesetzes die freie Gewerkschaftsbewegung stark in das Fahrwasser der Sozialdemokratie geriet und sich deren Internationalismus ebenso wie der grundsätzlichen Systemkritik am konstitutionellen Staat und der Monarchie sowie in Teilen einer religionskritischen Haltung anschloss, gründeten die christlich-katholischen Arbeiter ihre eigenen Gewerkschaften. Das begann 1894 im Ruhrbergbau und breitete sich rasch auf andere wichtige Branchen aus. Man gab sich als Dachverband den Gesamtverband christlicher Gewerkschaften Deutschlands und erreichte bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs beachtliche Organisationsgrade.[7] Dabei glichen sich die gewerkschaftspolitischen Ziele der freien und der christlichen Gewerkschaftsbewegung durchaus, aber die ideologischen Gräben verhinderten vielfach ein solidarisches Zusammengehen.

Das andere grundsätzliche Problem der gewerkschaftlichen Massenorganisation lag in der Frage begründet, welche Struktur eine möglichst schlagkräftige Organisation zur Formierung der Arbeiterinteressen gegen die Unternehmerseite überhaupt annehmen sollte. Es war keineswegs selbstverständlich gewesen, dass sich die Gewerkschaften schon vor dem Sozialistengesetz in berufsverbundenen Zentralverbänden gefunden hatten. Aber es entsprach wohl dem in Deutschland in jenem Jahrhundert der Vereine längst verbreiteten Gestus der repräsentativen Vereins- und Verbandsdemokratie, wonach die Mitglieder eines Verbandes ihre Vorstände und Delegierten für regionale und nationale Gremien wählen, die ihrerseits für befristete Zeiträume die Gesamtinteressen der für den nationalen Einzugsbereich zuständigen Verbandsorganisation vertreten.

In Großbritannien oder Frankreich gewann dagegen die Alternative der Verbandsorganisation - die Bündelung der Kräfte auf der Ebene des Unternehmens und Betriebs - viel größeren Einfluss. Wenn nun die gewerkschaftlichen Verbände Mitbestimmung durch betriebliche Arbeiterausschüsse und Mitspracherechte in den Unternehmen einforderten, so bildeten sie damit gewissermaßen ihre eigene Opposition heran: demokratisch legitimierte Betriebsversammlungen, die ihre jeweils eigenen Delegierten wählten und auf diese Weise auch in einen Gegensatz zur Verbandsdemokratie geraten konnten.

Solange Mitbestimmung in den Betrieben kaum eine Rolle spielte, störte dies die organisatorische Entwicklung wenig. Immerhin gelang die endgültige Durchsetzung des Verbandsprinzips der gewerkschaftlichen Organisation seit dem Jahr 1890 nur gegen die starke Opposition der sogenannten "Lokalisten", die eine gewerkschaftliche Organisation auf lokaler und betrieblicher Ebene für sehr viel wirksamer hielten und deren Bestrebungen seit dem Jahr 1910 zu einer auch in Deutschland dann in der Revolution 1918/19 gestärkten anarchosyndikalistischen Gewerkschaftsbewegung führten.[8] Diese Gewerkschafter hielten die "direkte Aktion" ohne Differenzierung nach gewerkschaftlichen und politischen Zielen im Kampf der Arbeiter um Emanzipation für Erfolg versprechender als die Verbandsdemokratie, die, so wurde behauptet, mit schwerfälligen Entscheidungsstrukturen, Bürokratisierung und gar der Korruption von Führungsgremien der Massenorganisationen einhergehe.

Das sich darin anbahnende Strukturproblem ist durch den Organisationserfolg der deutschen Gewerkschaften, auch in ihrer christlich-katholischen Richtung, vor dem Jahr 1914 in den Hintergrund gedrängt worden. Im Jahr 1890 hatten rund 300.000 Mitglieder die neuen, größeren Verbände der freien Gewerkschaften gegründet und sich mit der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands einen Dachverband gegeben. Diesem gehörten schon im Jahre 1906 mehr als 1,6 Millionen Mitglieder an - das waren fünfmal so viele Mitglieder, wie sie die Sozialdemokratie zählte.

Ohne Zweifel ist der Mitgliederzustrom (trotz der strukturellen Probleme der Organisationsbildung) durch neue organisatorische Grundsätze beflügelt worden. Denn die Erfahrungen des Sozialistengesetzes hatten dazu verholfen, alte, eher handwerkliche Traditionen einer strikt nach Berufen gegliederten Arbeitswelt zu beseitigen. Die alten Zöpfe zunftartiger Berufsverbundenheit sollten zwar noch lange nachwirken, aber die Vorteile einer berufsübergreifenden Organisation nach Branchen spiegelten sich rasch in den organisatorischen Erfolgen der neuen Industrieverbände. Diese Verbände erwiesen sich als der modernen Organisation der kapitalistischen Industriewirtschaft sehr viel angemessener. Auch der im Jahr 1890 entstandene Fabrikarbeiterverband, der später zur Gewerkschaft der Chemiearbeiter und verwandter Berufe wurde, und der Verband der Bergarbeiter Deutschlands waren eher Industrieverbände.

Es liegt auf der Hand, dass sich gerade gegen solche Großverbände eher "basisdemokratische" Bestrebungen richten konnten. Andererseits ermöglichten erst die Zentral-, Industrie- und Dachverbandsorganisationen den Gewerkschaften, eine einheitliche Stimme auch in den parlamentarischen Gremien, in der Öffentlichkeit und gegenüber den Regierungen zu Gehör zu bringen. Erst auf diese Weise konnte allgemeines "Kampfwissen" wie statistische Daten gesammelt und wirksam verwendet werden oder ließen sich wichtige Aufgaben wie die Frauenagitation angehen.

Fußnoten

4.
Vgl. Klaus Schönhoven, Expansion und Konzentration. Studien zur Entwicklung der Freien Gewerkschaften im Wilhelminischen Deutschland 1890 bis 1914, Stuttgart 1980.
5.
Vgl. Gerhard A. Ritter/Klaus Tenfelde, Arbeiter im Deutschen Kaiserreich 1870-1914, Bonn 1992. Über die passendere Beschreibung und Analyse der Varianten von Arbeitsbeziehungen in der Zeit des späten Kaiserreichs hat die Forschung anhand des Begriffs "Paternalismus" bzw. "Patriarchalismus" gestritten, vgl. Karl Lauschke/Thomas Welskopp (Hrsg.), Mikropolitik im Unternehmen. Arbeitsbeziehungen und Machtstrukturen in industriellen Großbetrieben des 20. Jahrhunderts, Essen 1994; Thomas Welskopp, Arbeit und Macht im Hüttenwerk. Arbeits- und industrielle Beziehungen in der deutschen und amerikanischen Eisen- und Stahlindustrie von den 1860er bis zu den 1930er Jahren, Bonn 1994.
6.
Vgl. Klaus Mattheier, Die Gelben. Nationale Arbeiter zwischen Wirtschaftsfrieden und Streik, Düsseldorf 1973.
7.
Vgl. Michael Schneider, Die Christlichen Gewerkschaften 1894-1933, Bonn 1982; Hans-Georg Fleck, Sozialliberalismus und Gewerkschaftsbewegung. Die Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereine 1868-1914, Köln 1994.
8.
Vgl. Dirk H. Müller, Gewerkschaftliche Versammlungsdemokratie und Arbeiterdelegierte in der deutschen Gewerkschaftsbewegung vor 1918. Ein Beitrag zur Geschichte des Lokalismus, des Syndikalismus und der entstehenden Rätebewegung, Berlin 1984.