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23.3.2010 | Von:
Klaus Tenfelde

Arbeitsbeziehungen und gewerkschaftliche Organisation im Wandel

Aufstieg, Niedergang und Zerstörung des Korporatismus

Die kriegswirtschaftlichen Bedingungen seit August 1914 lenkten den autoritären Korporatismus des späten Deutschen Kaiserreichs zunächst in die Richtung eines staatsgelenkten Korporatismus, der mit der Revolution 1918/19 umschlug in den - während der Nachkriegs- und Revolutionsjahre sowie vor allem in der Inflationszeit und der Stabilisierungskrise 1923/24 scheiternden - Versuch eines gleichberechtigten, korporativ organisierten Miteinanders von Arbeitgebern und Gewerkschaften.

Zunächst verzichteten die Gewerkschaften mit Kriegsausbruch im sogenannten "Burgfrieden" auf ihr schärfstes Instrument, die Streikwaffe. Sie gelobten Stillhalten während der Kriegsjahre und versprachen sich davon die ersehnte staatliche Anerkennung, die seit Ende des Jahres 1916 in verklausulierter Form auch vollzogen wurde.[9] Der Verzicht auf Streiks verwies die Gewerkschaften jedoch auf den Staat als Ansprechpartner und Adressaten gewerkschaftlicher Forderungen, wobei namentlich die Militärbehörden eine zunehmende Rolle spielten. Doch der Kriegsausbruch schwächte die Gewerkschaften enorm. Zahlreiche Einberufungen und die Umstrukturierungen der Erwerbstätigkeit hin zu rüstungswirtschaftlichen Schwerpunkten ließen den Mitgliederbestand wegbrechen.

Erholung trat erst mit dem Jahr 1917 ein, als sich wachsende Kriegsmüdigkeit der Bevölkerung bemächtigte und Protestbewegungen gegen unzulängliche Versorgung, rasch wachsende Lebensmittelpreise und damit nicht Schritt haltende Löhne um sich griffen und mit Friedensforderungen vermengten. In gewisser Weise schlug die Stunde der Gewerkschaften, als der Staat im Herbst 1916 Übereinstimmung mit der Wirtschaft dahingehend herstellte, dass die rüstungswirtschaftlichen Anstrengungen erheblich verstärkt werden mussten. So wurde das sogenannte "Hilfsdienstgesetz" vom Dezember 1916 zum sozialpolitischen Korrelat des rüstungswirtschaftlichen Hindenburg-Programms.[10] Mit diesem Gesetz ging es darum, die Mobilität der Arbeitskräfte einzuschränken und zugleich durch Einrichtung von Arbeiterausschüssen in größeren Betrieben und Formen der betrieblichen Mitbestimmung rechtlich zu verankern. Das wies voraus auf die Nachkriegszeit und ließ erstmals die Gewerkschaften als politisch handlungsfähige Großorganisationen in Erscheinung treten.

Die revolutionären Ereignisse veränderten die Kräftekonstellation auf den Arbeitsmärkten grundlegend, wenn auch letztlich nur vorübergehend. Als sich spätestens im Sommer 1918 die deutsche Niederlage abzeichnete, besannen sich sogar die Arbeitgeber der Schwerindustrie auf Zugeständnisse, die sie im Falle eines deutschen Sieges sicher nicht so bald eingeräumt hätten. Mit den Ereignissen der Novemberrevolution schien (vor dem Hintergrund der russischen Revolutionen des Jahres 1917) Sozialisierung und Enteignung zu drohen. Am 16. November 1918 wurde das sogenannte Stinnes-Legien-Abkommen geschlossen, mit dem die industriellen Arbeitsbeziehungen zunächst gewissermaßen pazifiziert wurden. Die Arbeitgeberseite erkannte die Gewerkschaften nun auch in den Großindustrien als bevollmächtigte Verhandlungsführer der Arbeiterschaften an, konzedierte die Einrichtung von Arbeitsgemeinschaften mit dem Ziel regelmäßiger Tarifverhandlungen und einigte sich auf wesentliche sozialpolitische Zugeständnisse, darunter den achtstündigen Arbeitstag.

Das Abkommen hätte, zusammen mit den Verordnungen des Rates der Volksbeauftragten, für die Weimarer Republik langfristig stilbildend wirken können. Aber maßgebliche Kräfte im Arbeitgeberlager rückten davon ab, sobald ihnen dies die politischen Verhältnisse zu erlauben und die konjunkturelle Entwicklung nahe zu legen schien. Hingegen gerieten die Gewerkschaften immer stärker unter den Druck sowohl innerverbandlicher oppositioneller Kräfte als auch einer außerverbandlichen, vielfach syndikalistisch durchsetzten Massenbewegung, die den Ertrag der Revolution für die Arbeiterseite als viel zu gering interpretierte sowie eine schnelle Sozialisierung und grundsätzliche Neuordnung der politischen Verhältnisse mittels der Rätebewegung verlangte.

Zeitgleich formierten sich die linken und rechten Kräfte der noch gar nicht etablierten Weimarer Demokratie während der nachrevolutionären Wirren. Die Gewerkschaften erstarkten zwar durch einen zunächst gewaltigen Mitgliederzustrom und gaben sich mit Gründung des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB) im freigewerkschaftlichen Lager einen neuen Dachverband und Bundesvorstand.[11] Auch die christliche Gewerkschaftsbewegung reorganisierte sich und formte als Dachverband den Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). Die wirtschaftliche Entwicklung und die sich beschleunigende Inflation versetzten die Gewerkschaften allerdings in die Defensive.

Die sozialen Auseinandersetzungen konzentrierten sich nun auf die Brandherde der Republik: Berlin und Mitteldeutschland, Sachsen und Hamburg, vor allem das Ruhrgebiet. In den schwerindustriellen Zentren des Reichs gelang es den Gewerkschaften nicht oder nur unvollkommen, die Auseinandersetzungen zwischen den politisch radikalisierten Lagern in das Gebiet des tarifpolitischen Ausgleichs zu lenken. Einen Höhepunkt erreichten diese Kämpfe mit dem zunächst erfolgreichen Widerstand der deutschen Gewerkschaftsbewegung gegen den Kapp-Lüttwitz-Putsch vom 13. März 1920. Damit gelang den Gewerkschaften zunächst ein wichtiger politischer Erfolg, denn der Generalstreik verhalf der gewählten Reichsregierung binnen weniger Tage zur Sicherung ihrer verfassungspolitischen Funktionen.

Indessen entfaltete sich im Ruhrgebiet im Anschluss an den Putsch der aufsehenerregende Kampf der Roten Ruhrarmee gegen eine aus Berlin dirigierte Kräfteallianz von Reichswehr und reaktionären Freikorps-Truppen. Tausende Menschen ließen in diesen Kämpfen ihr Leben. Die Gewaltförmigkeit politischer Auseinandersetzungen hatte vom Weltkrieg ihren Ausgang genommen und begleitete die politischen Auseinandersetzungen in der Weimarer Republik mit einem Höhepunkt während der Weltwirtschaftskrise.

Trotz der vielfach gewaltförmigen Kämpfe in der Stabilisierungsphase der Weimarer Republik bis zum Jahr 1924 und der Untergangsphase von 1930 bis zur nationalsozialistischen Machtanmaßung im Jahr 1933 gelangen der ersten deutschen Demokratie sehr beachtliche sozialpolitische Ordnungserfolge. Dazu rechnete bereits das Betriebsrätegesetz zum Jahresbeginn 1920, das von erbitterten Kämpfen innerhalb und außerhalb des Reichstags zu Berlin begleitet wurde. Außerdem sind die Ergänzung der staatlichen Sozialpolitik durch die Arbeitslosenversicherung, das Arbeitsgerichtsgesetz und zahlreiche weitere Maßnahmen des Gesetzgebers zu nennen. Die Betriebsräte wurden, getrennt nach Arbeiter- und Angestelltenräten, dauerhaft in mittleren und größeren Betrieben installiert, und das Betriebsrätegesetz ist bald darauf durch allerdings noch begrenzte Maßnahmen zur Vertretung von Arbeitern in den Aufsichtsräten der großen Unternehmen ergänzt worden.

Das Reformwerk[12] steuerte also einen Kompromiss zwischen den konkurrierenden Grundlinien der "Arbeiterdemokratie" an: Es legalisierte die Belegschafts- und Betriebsdemokratie, was übrigens durchaus im "wohlverstandenen" Interesse der Arbeitgeber hätte liegen können, und es bahnte den Gewerkschaften Einflusswege in die Betriebsräte hinein, verhalf also der Verbändedemokratie und deren Anspruch auf Wahrung der Tarifhoheit Geltung. Damit nahm die betriebliche und überbetriebliche Mitbestimmung einen dann erst in der zweiten Nachkriegszeit weiter beschrittenen Weg.

Das funktionierte anfänglich besser, weil den Arbeitgebern die Revolution "in den Knochen steckte", es funktionierte auch einigermaßen in der konjunkturellen Gunstlage zwischen den Jahren 1926 bis 1929, es funktionierte kaum noch während der Weltwirtschaftskrise. Insbesondere gelang es den Arbeitgebern spätestens seit dem Jahr 1923, gewisse "Errungenschaften" der Revolution zurückzudrängen, etwa die Arbeitsgemeinschaftspolitik auszuhöhlen oder Tarifdiktate durchzusetzen, die zu Streiks und Aussperrungen führten und staatliche Zwangsschlichtung erforderlich zu machen schienen.[13]

Die Nationalsozialisten setzten ab dem 2. Mai 1933, dem Tag der Erstürmung der Gewerkschaftshäuser, ihre Auffassung von der Gestaltung der Beziehungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern mit unerbittlicher Härte ins Werk. Sie leugneten den grundlegenden industriegesellschaftlichen Interessenkonflikt und beendeten mit dem Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit (1934) jegliche tarifvertragliche Verhandlungsfreiheit. An die Stelle der Gewerkschaften trat die Deutsche Arbeitsfront. Führende Gewerkschafter wurden verfolgt und ins Exil getrieben, manche wurden ermordet. Statt Konsensbildung in entscheidungsfähigen Gremien herrschte das Führerprinzip, statt Betriebsräten gab es machtlose "Vertrauensräte", und Belegschaften wurden zu "Gefolgschaften", um unter der schimärischen Vision der "Volksgemeinschaft" den Klassenkampf zu überwinden.

Schritt für Schritt wurde das Arbeitsverhältnis zum Zwangsverhältnis, gipfelnd in dem Heer von Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen, das seit Kriegsbeginn in die Betriebe gezwungen wurde. Der autoritäre Korporatismus der Kaiserzeit, der in den Köpfen der Arbeitgeber verständlicher Weise als vorbildlich galt und manche rückwärts gewandte Sehnsucht nach "goldenen Zeiten" wach hielt, missriet vollends in den Schrecken der Diktatur.

Fußnoten

9.
Vgl. Hans-Joachim Bieber, Gewerkschaften in Krieg und Revolution. Arbeiterbewegung, Industrie, Staat und Militär in Deutschland 1914-1920, 2 Bde., Hamburg 1981; Klaus Schönhoven (Bearb.), Die Gewerkschaften in Weltkrieg und Revolution 1914-1919, Köln 1985. Die Quellenserie enthält zentrale Dokumente der Spitzengremien der Gewerkschaften. Sie ist mit bisher 14 Bänden bis in die Zeit der Bundesrepublik fortgesetzt worden und wird zur Zeit von Klaus Schönhoven herausgegeben.
10.
Vgl. Gerald D. Feldman, Armee, Industrie und Arbeiterschaft 1914-1918, Berlin 1985; ders./Irmgard Steinisch, Industrie und Gewerkschaften 1918-1924. Die überforderte Zentralarbeitsgemeinschaft, Stuttgart 1985.
11.
Vgl. Karl Christian Führer, Carl Legien 1861-1920. Ein Gewerkschafter im Kampf um ein "möglichst gutes Leben" für alle Arbeiter, Essen 2009.
12.
Für eine neue Deutung des Betriebsrätegesetzes vgl. Werner Milert/Rudolf Tschirbs, Die andere Demokratie. Betriebliche Interessenvertretung in Deutschland 1848-2008, i.E.
13.
Vgl. Johannes Bähr, Staatliche Schlichtung in der Weimarer Republik. Tarifpolitik, Korporatismus und industrieller Konflikt zwischen Inflation und Deflation, Berlin 1989.