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16.2.2010 | Von:
Josef Klein

Sprache und Macht

Macht der Sprache

Sprache ist eine mächtige Lenkerin, die Denken, Empfinden und Werten in einer Weise vorprägt, von der man sich oft nur durch Erfahrung oder erhebliche geistige Anstrengung befreien kann. So hat Sprache einen Hang zu Gegensatzpaaren: richtig - falsch, Wahrheit - Lüge, positiv - negativ, Freiheit - Unfreiheit. Statt auf Abstufungen lenkt Sprache die Wahrnehmung primär auf Kontraste. Das fördert Deutlichkeit, aber auch Polarisierung und erschwert den Blick für Differenzierung und den Wert des Kompromisses.

Denken ist geprägt durch sprachliche Bilder, deren metaphorischer Charakter uns kaum bewusst ist ("verblasste Metaphern").[5] So wird Politik seit dem fortschrittsgläubigen Zeitalter der Aufklärung[6] in Weg-Metaphern konzeptualisiert: große und kleine Schritte, Aufbruch, Stillstand, Bewegung, Blockade, Fortschritt, Rückschritt, Hindernis, Station, Ziel, Irrweg, Dritter Weg etc. Unverzichtbar ist die metaphorische Vorstellung vom Staat als eine Art kollektive Person - es sei denn, man hört auf, dem Staat als "juristischer Person" das zuzusprechen, was Personen ausmacht: zu handeln, verantwortlich zu sein, zu haften und Ähnliches mehr.

Vor allem Schlag- und Schlüsselwörtern wird das Potenzial zugetraut, Macht über Denken, Emotionen und Einstellungen gewinnen zu können und als Symbole mit Integrationskraft zu wirken. Komprimiert und lautstark drücken sich in ihnen Positionen zu (oft vage bleibenden) Sachverhalten aus. Schlüsselwörter sind sie, wenn sie für einen ganzen Diskurs stehen, zu dem ihre bloße Nennung den Zugang öffnet. Schlüsselwörter entstehen oft außerhalb der Politik. Politische Kräfte greifen sie auf und geben ihnen einen Drall im Sinne der eigenen Überzeugungen.

Exemplarisch ist die Karriere des Begriffs Globalisierung. Seit Jahrhunderten gibt es weltweite Wirtschafts-, Verkehrs- und Kommunikationsprozesse. Aber nie gab es dafür eine zusammenfassende Bezeichnung. Mit der Vervielfachung und Beschleunigung dieser Prozesse im ausgehenden 20. Jahrhundert wird das anders. Ist Globalisierung zunächst ein Fachterminus zur Bezeichnung einer Alternative zur traditionellen Ausrichtung der Wirtschaftswissenschaft auf nationale Ökonomien,[7] saugt die Vokabel bald neue Entwicklungen (Entstehung eines weltweiten Arbeitsmarkts nach Auflösung des Ostblocks, Siegeszug des Internet etc.) auf und wird in den 1990er Jahren zum politischen Schlagwort. Dessen Leistung besteht im Begreifen unterschiedlicher Entwicklungen als ein Phänomen und im Zerreißen von Illusionen nationalen Kirchturmdenkens.

Schlüsselwörter wie Globalisierung sind zweifach mächtig. Sie steuern die Wahrnehmung, und sie üben Druck auf die politisch Verantwortlichen aus. So ist die "Agenda 2010" eine (defensive) Reaktion auf "die Stürme der Globalisierung".[8] Leicht wird übersehen, was Begriffe ausblenden, zum Beispiel, dass Globalisierung auch Folge politischen Handelns (Liberalisierung des Welthandels und internationaler Finanzgeschäfte) ist. Die Globalisierung, ein Wort ohne Plural, klingt wie eine mythische Macht. Das lähmt den Willen zu politischer Gestaltung, etwa bei Kapitalverkehr oder sozialen Standards. Erst der Schock der Finanzkrise 2008/2009 hat die Aufmerksamkeit darauf gelenkt.

Sprache kann ausschließende (exkludierende) Macht entfalten. So ist entscheidungsrelevante Expertensprache vielfach kaum in die breite Öffentlichkeit vermittelbar. Extrem exkludierend wirkt sich Sprache als Staatssprache aus, indem sie anderssprachlichen Ethnien politische Teilhabe erschwert.

Fußnoten

5.
Vgl. George Lakoff/Mark Johnson, Metaphors We Live By, Chicago-London 1980, S. 3.
6.
Vgl. Reinhart Koselleck, Fortschritt, in: Otto Brunner/Werner Conze/Reinhart Koselleck (Hrsg.), Geschichtliche Grundbegriffe, Bd. 2, Stuttgart 1978, S. 351 - 423.
7.
Vgl. Wolf-Andreas Liebert, Zu einem genetischen Konzept von Schlüsselwörtern, in: Zeitschrift für Angewandte Linguistik, (2003) 38, S. 67.
8.
Gerhard Schröder, Regierungserklärung vor dem Deutschen Bundestag, 14. 3. 2003.

Joachim Scharloth

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