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16.2.2010 | Von:
Josef Klein

Sprache und Macht

Sprache der Mächtigen

Politische Akteure nutzen Sprache in der Öffentlichkeit als Instrument der Machtausübung oder zur Legitimierung ihres Machtanspruchs, indem sie institutionsspezifische Texte (Gesetz, Staatsvertrag, Parteiprogramm etc.) und Reden (Parlamentsrede, Parteitagsrede etc.) produzieren, politische Debatten führen, öffentliche Diskurse prägen, durch Berichterstattung und eigene Auftritte (Interview, Talkshow, Website etc.) massenmedial präsent sind und bei all dem versuchen, durch Begriffe, Argumente, Slogans und Appelle für ihre Positionen Zustimmung zu erzeugen. Dabei spielen rationale, emotionale und ethische Aspekte zusammen.

Dazu kommen nicht-öffentliche Situationen: persönliche Entscheidungsvorbereitung, institutionsinterne Sitzungen, Verhandlungen, diplomatischer Verkehr, Informationsgespräche etc. Dies ist mit spezifischen Anforderungen verbunden: Expertentexte verstehen, auswerten und gegebenenfalls selbst formulieren, aufmerksam zuhören, das Verhältnis zu Partnern dialogisch modellieren, Druck aufbauen, Kompromisse formulieren und anderes mehr.

Parlamentsreden

Kaum eine Berufsgruppe ist kommunikativ so vielfältig gefordert wie Politikerinnen und Politiker. Hier soll lediglich die klassische Situation der Parlamentsrede näher betrachtet werden. Historisch bedeutende Parlamentsreden - etwa Winston Churchills "Blut, Schweiß und Tränen"-Rede oder Herbert Wehners Bundestagsrede vom 30. Juni 1960, mit der er die außen- und deutschlandpolitische Konfrontation der SPD mit der Adenauer'schen Politik der Westintegration beendete - betreffen immer einen für das Gemeinwesen zentralen Gegenstand. Sie sind Kristallisationspunkte neuen Denkens oder leisten in angespannter, zur Entscheidung drängender Lage maßgebliche Orientierung. Präzise, packend und stringent formulierte Argumentation, spannungsreicher Aufbau, der Mut, Unbequemes und Überraschendes zu sagen - gegebenenfalls nüchtern flektierend, gegebenenfalls wuchtig und anschaulich, manchmal mit einem Kernsatz, der zum geflügelten Wort wird - das macht die große Rede aus. Formale rhetorische Mittel werden da eher unauffällig verwendet.

Es ist unfair, mit solcher Elle die alltägliche Minister- oder Abgeordnetenrede zu messen. Selten geht es um die Substanz des Gemeinwesens. Die Rede ist eine Station in einem vielgliedrigen parlamentarischen Verfahren. Die wichtigen Argumente sind in der Regel schon vorgetragen und öffentlich bekannt. Da bleiben Spannung und Überraschung aus. In der Schlussdebatte weiß man, wie welche Fraktion abstimmen wird. Die Rede als Ringen um unentschlossene Abgeordnete anzulegen wäre eine Farce. Die Plenardebatte mag als ganze die Funktion eines institutionellen Brennpunkts öffentlicher Legitimierung politischer Entscheidungen haben - für die Rednerinnen und Redner wird ihr Beitrag zum Schaulaufen vor der eigenen Fraktion, der die Debatte auch zur Selbstvergewisserung dient und die gern applaudiert, wenn der politische Gegner auf die Hörner genommen wird.

Reden im Plenum erreichen nicht einmal die breite Öffentlichkeit. Bestenfalls zitieren die großen Medien wenige Sätze und fassen selbst Regierungserklärungen rigide zusammen. Darum liegt die Konzentration der Redner darauf, einige markante Sätze einzubauen, welche die Aussicht bieten, zitiert zu werden. Wo Rede primär über Zusammenfassungen an die Adressaten gelangt, sind persuasive Effekte inhaltlich bedingt. Rhetorische Ästhetik ist da nachrangig.

Sprache im Wahlkampf

Für Wahlkämpfer kommt es darauf an, für ihre Botschaft unter Konkurrenzbedingungen Aufmerksamkeit, Interesse und Überzeugungskraft zu gewinnen. Das Gros derer, um deren Stimmen es geht, sind keine Experten. Da muss die Komplexität herrschaftssprachlicher Textwelten der wissenschaftlichen Gutachter, Verbandsexperten, Spitzenbeamten und Ressortpolitiker heruntergebrochen werden auf das Niveau nicht nur von "Bildungsbürgern", sondern von Millionen Boulevardzeitungslesern. Die Konzentration auf zentrale, knapp gefasste Botschaften ist gefragt. Kampagnensprache ist um Allgemeinverständlichkeit bemüht, zu Mobilisierungszwecken emotional aufgeladen und zur Abgrenzung gegen die politische Konkurrenz tendenziell polarisierend. Je breiter das angesprochene Adressatenspektrum ist, desto größer ist die Gefahr, durch Festlegung zugunsten bestimmter Gruppen andere zu verschrecken. Vagheit und Nähe zur Phrasenhaftigkeit sind nicht selten die Folge.

Gern wird deutschen Parteien die Wahlkampagne des US-Präsidenten Barack Obama als Vorbild empfohlen. Allerdings setzt schon das partizipatorische US-Verfahren der Kandidatenwahl andere Bedingungen. Dennoch lohnt sich ein Blick auf Obamas Sprachstrategie. Die Kampagne war als Bürgerbewegung für ein hohes Ziel inszeniert ("Movement for change"). Selbstbewusstsein und Identifikationsbereitschaft der Unterstützerinnen und Unterstützer wurden konzentriert angesprochen: im kühlen Pathos der Reden für das große Projekt Change, mit gezieltem Einsatz der - Kandidat und Unterstützer vereinenden - Pronomina we/our in zentralen Slogans ("Yes we can", "Change we can believe in") und E-Mail-Botschaften ("This is our time") sowie in der Inszenierung von Freundschaft zu Millionen E-Mail-Empfängern durch vertrauliche Anrede (Dear + Vorname) und Unterschrift (Barack).


Joachim Scharloth

Revolution der Sprache?

"Unordentliche" Kleidung, lange Haare und offene Verstöße gegen Benimmformen: Die 68er-Bewegung war eine Rebellion gegen die herrschende Ordnung. Auch in der Sprache und Kommunikationsritualen sorgten die 68er für reichlich Unordnung.

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