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16.2.2010 | Von:
Josef Klein

Sprache und Macht

Diskurse: Argumentation und Schlagwortnetze

In modernen Demokratien wird das Machtinstrument Sprache durchweg persuasiv verwendet. Ein zentrales Mittel solch "weicher Steuerung" ist Argumentation.[9] Dominant ist dabei ein komplexes Argumentationsmuster zur Legitimierung politisches Handelns.[10] Sein Kernbestand sind vier sachlogisch miteinander verknüpfte Arten von Gründen bzw. Topoi: 1) situationsbezogene Daten (Datentopos); 2) Situationsbewertungen (Motivationstopos); 3) Prinzipien, Werte, Normen (Prinzipientopos); 4) Zielsetzungen (Finaltopos).

Sie bilden die Prämissen, aus denen sich das Ja zu den favorisierten politischen Maßnahmen quasi als logische Schlussfolgerung ergeben soll.[11] In "Reinkultur" findet sich das Muster im Begründungsteil von Gesetzentwürfen. In anderen Text- und Redetypen überlagern die Topoi einander bisweilen. In Kurztexten und Statements wird das Muster meist partiell realisiert.

Wenn ein Legitimationsdiskurs zum Allgemeingut werden soll, sind ausführlich formulierte Argumente zur Speicherung im Gedächtnis wenig geeignet. Das leistet die Komprimierung von Argumenten in Schlagwörtern. Das Schlagwortrepertoire erfolgreicher Diskurse oder Kampagnen verteilt sich daher nicht selten auf die Glieder des skizzierten Argumentationsmusters - so im marktliberalen Reform-Diskurs, der ab Mitte der 1990er Jahre das öffentliche Klima in Deutschland weithin dominierte. Mit dem Schlagwort Globalisierung als Ausgangspunkt wurde von wirtschaftnaher Seite kampagnenartig ein Schlagwortnetz etabliert, das neben wenigen neutral verwendeten Begriffen des Datentopos etliche Positiv-Begriffe (+) für die eigene Position und einige Negativ-Begriffe (-) für Abgelehntes enthält (vgl. Tabelle in der PDF-Version).[12]

Sofern beim Schaffen dieses Deutungsrahmens diskursstrategische Planung eine Rolle gespielt hat, handelt es sich um eine Kombination dessen, was kommunikationsstrategische Praktiker framing und wording nennen - womit wir fast beim Thema des nächsten Kapitels wären.

Fußnoten

9.
Vgl. Sybille De La Rosa/Dorothea Gädeke, Steuerung durch Argumente, in: G. Göhler u.a. (Anm. 1), S. 74 - 137.
10.
Vgl. Josef Klein, Komplexe topische Muster. Vom Einzeltopos zur diskurstyp-spezifischen Topos-Konfiguration, in: Thomas Schirren/Gert Ueding (Hrsg.), Topik und Rhetorik, Tübingen 2000, S. 626ff.; ahnlich Christoph Kuhlmann, Die öffentliche Begründung politischen Handelns, Opladen 1999, S. 118ff.
11.
Vielfach treten zu dieser Konstellation weitere Argumenttypen hinzu, insbesondere Hinweise auf Konsequenzen des politischen Handelns oder Nicht-Handelns (Konsequenztopos), die Betonung von Relevanz oder Irrelevanz (Relevanztopos), das Anführen von Beispielen (Exemplumtopos) sowie die Berufung auf Autoritäten (Autoritätstopos).
12.
Belege finden sich reichlich in fast allen großen deutschen Tageszeitungen, politischen Wochenmagazinen und der Wirtschaftspresse, in Texten insbesondere der FDP und der CDU, vor allem aber in Texten der großen Wirtschaftsverbände und wirtschaftsnaher Organisationen wie der "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft".

Joachim Scharloth

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