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16.2.2010 | Von:
Josef Klein

Sprache und Macht

Manipulation? Strategie und Ethik politischer Sprache

"Manipulation durch Sprache" ist eine populäre Verdächtigung. Allerdings ist Manipulation selbst ein Schlagwort. Um seriöse sprachkritische Maßstäbe zu gewinnen, ist es notwendig, die Bedingungen des politischen Gebrauchs der Sprache zu betrachten. Angesichts von Wettbewerb und Konfrontation mit der politischen Konkurrenz, angesichts der Abhängigkeit von der Akzeptanz bei Wählerinnen und Wählern und wichtigen gesellschaftlichen Gruppen und angesichts unberechenbarer Eventualitäten stehen Politiker unter dem Druck einer parteistrategischen Kommunikationsmoral. Die lässt sich in folgende Maximen fassen: Stelle die eigene Position positiv dar! Stelle die gegnerische Position als ablehnenswert dar! Demonstriere Leistungsfähigkeit und Durchsetzungskraft! Mache dir durch deine Rede in relevanten Gruppen möglichst viele geneigt, vor allem aber möglichst wenige zu Gegnern! Halte dir Operationsspielräume offen!

Allerdings: Wer sich ausschließlich an diesen Geboten orientiert, erleidet Schiffbruch. Denn auch an politische Kommunikation werden Maßstäbe angelegt, die durch die Maximen einer universal geltenden Kommunikationsethik bestimmt sind:[13] Rede informativ! Rede wahrhaftig! Rede wohlbegründet! Rede zum Wesentlichen! Rede klar und verständlich!

Ohne die Geltung dieser Prinzipien wäre - nicht nur politische - Kommunikation kaum möglich. Sie sind deren rationale Basis.[14] Politischer Wettbewerb unter der Bedingung demokratischer Öffentlichkeit und Transparenz sichert, dass die Akteure auch im eigenen Interesse kommunikationsethische Mindeststandards einhalten. Lässliche "Sünden" gegen die Gebote der Kommunikationsethik mögen ignoriert werden. Gravierende aber können Amt und Karriere kosten, wie etliche Rücktritte von Franz Josef Strauß (Spiegel-Affäre 1962) bis Franz Josef Jung (Tanklaster-Bombardement 2009) zeigen.

Die Komplexität politischer Sachverhalte lässt den Verantwortlichen häufig genügend Spielraum, zwar nicht zu lügen, aber es bei Teilwahrheiten zu belassen. Es kann über Wesentliches informiert und dennoch einiges Relevante übergangen werden. Man kann sich vage ausdrücken, um die Festlegung auf eine schädliche Lesart zu vermeiden, oder man kann globale Versprechen machen, zum Beispiel "die Steuern zu senken", um bei unterschiedlichsten Adressatengruppen Hoffnung zu wecken, obwohl man ernsthaft nur an ganz bestimmte denkt.

Zu den kommunikationsethisch zweifelhaften Praktiken gehört das Spiel mit Wissensdefiziten. Ein berühmter Fall ist der CDU-Slogan im Bundestagswahlkampf 1976: "Freiheit statt Sozialismus". Hier versuchte die Union, fehlende Kenntnisse über die grundlegende Differenz zwischen demokratischem Sozialismus, zu dem sich die SPD in ihren Programmen bekennt, und dem leninistischen Kommunismus, der vor allem in der DDR als Sozialismus bezeichnet wurde, zu nutzen, um durch den übereinstimmenden Ausdruck Sozialismus Angst vor den Sozialdemokraten als verkappte Kommunisten zu schüren.

Da Politiker wissen, dass Glaubwürdigkeit ein hohes Gut ist, gehört es zum rhetorischen Rüstzeug, kommunikationsethische Verstöße zu kaschieren. So wird bei Problemen mit der Wahrhaftigkeit zum Beispiel gerne Unwissen vorgegeben, mangelnde Fundiertheit etwa durch Anknüpfung an beliebte Stereotype überspielt und werden Verstöße gegen Informativität und Relevanz durch geschicktes Ausweichen verborgen. Im Fernsehen, vor allem in Talkshows, werden Kaschierstrategien begünstigt durch die Flüchtigkeit des gesprochenes Wortes, Ablenkung durch das Bild und TV-rhetorische Anforderungen wie Schlagfertigkeit, Knappheit, Gags, Provokationsresistenz, Ausspielen sympathischer Imagequalitäten, nonverbale Souveränitätssignale und Ähnliches mehr.

Kritische Öffentlichkeit wendet sich nicht nur gegen personell identifizierbare Kommunikationssünden. Auch Wörter, die ihr unethisch erscheinen, sind Gegenstand politischer Sprachkritik, insbesondere Euphemismen, in denen "ethisch-emotionale Neutralität suggeriert (wird), um zugrunde liegende ethisch-emotionale Problemlagen zu verdecken".[15] So beinhaltet der Begriff ethnische Säuberung ein zynisches Ablenkungsmanöver von Verbrechen gegen die Menschlichkeit, indem die gewaltsame, mit Brandschatzung, Vergewaltigung und Mord ins Werk gesetzte Vertreibung großer Menschengruppen per Metapher in die Vorstellung der Beseitigung von Schmutz (Säuberung) transferiert wird.

In den USA ist in den 1980er Jahren eine Bewegung zur Durchsetzung diskriminierungsfreier Sprache zugunsten benachteiligter Gruppen (political correctness, kurz: PC) entstanden. Die Auswirkungen blieben in Deutschland aus zwei Gründen geringer. Erstens hat Deutschland nicht das US-amerikanische Problem der gesellschaftlichen Diskriminierung der Afroamerikaner. Zweitens gibt es hier seit der frühen Nachkriegszeit, insbesondere im Anschluss an Victor Klemperers "Lingua Tertii Imperii" (1947) und "Das Wörterbuch des Unmenschen" von Dolf Sternberger, Wilhelm E. Süskind und Gerhard Storz (1957) eine sprachkritische Tradition gegenüber NS-infiziertem Sprachgebrauch und daher auch - quer über die im Bundestag vertretenen Parteien - eine große Scheu, des rassistischen Sprachgebrauchs beschuldigt zu werden.

Als PC-Aktivisten in den späten 1980er Jahren begannen, das bis dahin viel gebrauchte Wort Asylant wegen seiner angeblichen Nähe zu abschätzigen Wörtern wie Bummelant und Querulant als rassistische Neubildung zu kritisieren, war es nach kurzer Zeit im Deutschen Bundestag nicht mehr zu hören und wurde durch Asylbewerber und Asylsuchende ersetzt,[16] obwohl das Wort seit mehr als hundert Jahren nachweisbar ist und sowohl historisch als auch funktional wenig mit Bummelant und Querulant, aber viel mit den eher positiven Begriffen Migrant und Emigrant gemeinsam hatte. Erst durch die Kampagne ist Asylant im Nachhinein zum "Unwort" geworden. Mehr der linguistisch informierten Frauenbewegung als PC-Akteuren ist die Zurückdrängung des Frauen benachteiligenden "generischen Maskulinums" zu verdanken, so dass Frau Merkel sich heute nicht mehr Bundeskanzler nennen muss, sondern Bundeskanzlerin ist.

Fußnoten

13.
Es handelt sich um die seit 1968 in einem Mimeo weltweit kursierenden, erst 1975 offiziell publizierten "Grice'schen Maximen" in leichter Umformulierung. Vgl. Herbert Paul Grice, Logic and Conversation, in: Peter Cole/Jerry L. Morgan (eds.), Syntax and Semantics, Vol. 3: Speech Acts, New York-San Francisco-London 1975, S. 41 - 58. Offenbar davon beeinflusst scheint Habermas' 1971 erstmals veröffentlichtes kommunikationsethisches Konzept. Vgl. Jürgen Habermas, Vorbereitende Bemerkungen zu einer Theorie der kommunikativen Kompetenz, in: ders./Niklas Luhmann (Hrsg.), Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie, Frankfurt/M. 1971, S. 101 - 141.
14.
Vgl. H. P. Grice (Anm. 13), S. 48.
15.
Melani Schröter/Björn Carius, Vom politischen Gebrauch der Sprache. Wort, Text, Diskurs, Frankfurt/M. 2009, S. 41.
16.
Vgl. Josef Klein, Bewertendes Reden über Migranten im Deutschen Bundestag, in: Matthias Jung/Martin Wengeler/Karin Böke (Hrsg.), Die Sprache des Migrationsdiskurses, Opladen 1997, S. 241 - 260.

Joachim Scharloth

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