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16.2.2010 | Von:
Rüdiger Harnisch

Dialektentwicklung am Rande des Eisernen Vorhangs

Im Fokus: Zehn Ortspaare und "Little Berlin"

Im Rahmen der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) bewilligten "Erhebungen zur Dialektsituation im thüringisch-bayerischen Grenzgebiet" (hier: "Vorprojekt") hatten bereits von 1991 bis 1994 Sprachforscher[2] 435 Gewährsleute befragt und die Befragungsergebnisse auf 187 Tonbandkassetten zu je 60 Minuten dokumentiert. Wichtig war, dass der Sprachstand kurz nach der Grenzöffnung erfasst wurde, denn man musste handeln, bevor weitere sprachliche Entwicklungen in Gang kamen, die mögliche Effekte der Grenze vielleicht wieder verwischt hätten. Im Jahre 2006 bewilligte die DFG dann ein Anschlussprojekt zur Auswertung der seinerzeit erhobenen Daten.[3] In diesem Rahmen wurde das Tonbandmaterial aus der Zeit kurz nach der Wiedervereinigung daraufhin untersucht, ob die vier Jahrzehnte währende Spaltung von vorher einheitlichen Kommunikationsräumen entlang der politischen Grenze zwischen der DDR und der Bundesrepublik auch zu einer sprachlichen Grenzbildung geführt hatte. Dabei ging es sowohl um grenzbildende sprachliche Merkmale selbst als auch um Selbsteinschätzungen der Gewährspersonen, was die Verwendung und Bewertung ihres Dialekts betrifft.

Das Sprachmaterial wurde in 20 grenznahen Orten sowie in dem ehemals geteilten Dorf Mödlareuth, das deshalb auch "Little Berlin" genannt wurde, erhoben. Die sich an der Grenze jeweils gegenüberliegenden Orte wurden in Paare gruppiert (vgl. Kartein der PDF-Version). In diesen elf Teilräumen gibt es jeweils nicht nur spezifische dialektgeographische Gegebenheiten, sondern auch eigene historische (territoriale, konfessionelle, kulturelle) Besonderheiten. Das Wissen darum, so war zu vermuten, würde die Gewährsleute in ihren Meinungen über die Art, den Wert und die Verwendungsbedingungen ihres Dialekts stark beeinflussen. Dieses Vorwissen geht zum Beispiel in gebietsspezifische stereotype Vorstellungen von Sprachgrenzen ("mentale Sprachlandkarten") ein. Abgefragt wurden in diesen Orten
  • ein Fragebogen, der auf die auffälligen Dialektmerkmale der jeweiligen Ortsmundart zugeschnittenen war (Besonderheiten der Aussprache, der Beugung von Wörtern, des Satzbaus, des Wortschatzes),[4]
  • 24 schriftlich vorgegebene standardsprachliche Sätze, die in die jeweilige Ortsmundart "übersetzt" werden sollten, sowie
  • ein soziolinguistischer Fragebogen zur Selbsteinschätzung der Sprachverwendung und zur subjektiven Dialektbewertung mit Fragen etwa danach, in welchen Situationen bzw. in welchen Altersgruppen Dialekt/Hochdeutsch/Umgangssprache gesprochen werde, wodurch sich der eigene Dialekt von benachbarten unterscheide usw.
Zur Kontrolle dieser gezielt erfragten Daten ist dann noch angeregt worden, in einer freien Erzählung zu schildern, wie man die Grenzöffnung im November 1989 erlebt hatte. Die Daten aus diesen Quellen wurden dann mit denen einer Erhebung aus dem Jahre 1935[5] sowie denen des "Sprachatlasses von Nordostbayern" aus den 1990er Jahren verglichen. In diesen historischen Vergleichsmaterialien waren jeweils die dialektalen Merkmale der ältesten greifbaren Sprecherschicht erfasst, in den Materialien des Vorprojekts die aus vier Altersgruppen. Die Lebensabschnitte, in denen die Gewährsleute sprachlich sozialisiert wurden, und damit der zeitliche Horizont der untersuchten Sprachentwicklungen reichen also von der Kaiserzeit bis in die 1970er Jahre.

Fußnoten

2.
Rainer Petzold im geographisch östlichen Abschnitt, Wolfgang Lösch im westlichen.
3.
Das Projekt wird vom Autor geleitet, Mitarbeiter sind Frank Reinhold und Michael Schnabel. Zum Projekt und Vorprojekt vgl. u.a. Rüdiger Harnisch/Frank Reinhold/Michael Schnabel, Neue Dialektgrenzen an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze?, in: Peter Ernst/Franz Patocka (Hrsg.), Dialektgeographie der Zukunft, Stuttgart 2008, S. 203 - 218.
4.
Die Unterschiede in den "Staatswortschätzen" mit ihren amtlichen Begriffen (wie Fahrerlaubnis in der DDR versus Führerschein in der Bundesrepublik) interessierten natürlich unter dem für die Untersuchung maßgeblichen dialektgeographischen Aspekt nicht.
5.
Vgl. Heinz Rosenkranz, Mundart und Siedlung im Gebiet der obern Saale und des nördlichen Frankenwaldes, Jena 1938.

Joachim Scharloth

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