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16.2.2010 | Von:
Rüdiger Harnisch

Dialektentwicklung am Rande des Eisernen Vorhangs

Dialektale Merkmale

Als Beispiele für die dialektgeographische Entwicklung im Grenzgebiet werden hier die Aussprache des r-Lauts, die Aussprache bestimmter Vokale (Selbstlaute) und die Form des verbalen Infinitivs (die Grundform des Zeitworts in einer bestimmten Satznachbarschaft) ausgewählt.[6] Was die Lautung des r angeht,[7] war beim Ortspaar Sparnberg-Rudolphstein auf westlicher Seite ein von Generation zu Generation stärker werdender Rückzug des alten Zäpfchen-r bis an die ehemalige Staatsgrenze zu beobachten, während der östliche Ort ganz auf dem alten Stand geblieben ist. In Rudolphstein ersetzten die Sprecher also mit der Zeit das alte Zäpfchen-r durch das neue Zungenspitzen-r. In Sparnberg dagegen blieb das alte Zäpfchen-r bis in die jüngste Generation hinein erhalten.

Eine Zusatzuntersuchung zum Ortspaar Blankenstein-Blankenberg hat ferner den interesssanten Befund erbracht, dass sich diese beiden auf ehemaligem DDR-Gebiet liegenden Orte, die sich vor der Grenzziehung durch Zäpfchen-r in Blankenstein und Zungenspitzen-r in Blankenberg unterschieden hatten, in der Nachkriegszeit anglichen: wie zu erwarten in Form der Zäpfchen-r-Artikulation, war doch Blankenberg nun in seinem Kontakt zum fränkischen Süden beschränkt und drückte das thüringische Hinterland nunmehr gegen die Grenze. Diese in den Ortspaaren Sparnberg-Rudolphstein und Blankenstein-Blankenberg gegenläufigen Prozesse führen beide zu dem Ergebnis, dass sich die r-Laut-Varianten des jeweiligen neuen Hinterlands durchsetzen und die alten Varianten exakt bis an die Grenze zurückdrängen.

Was in Bezug auf Sparnberg-Rudolphstein über die Änderung der r-Laut-Landschaft gesagt wurde, gilt dort auch für die ehemals in beiden Orten geltenden sogenannten zentralisierten Vokale. Mit "Zentralisierung" ist gemeint, dass die Vokale etwas weiter zur Mitte des Mundraums hin artikuliert werden, was der Sprache eine Vokalfärbung verleiht, die gemeinhin als "Sächseln" wahrgenommen wird. Auf westlicher Seite gibt es nach der Grenzziehung einen Rückzug dieses "Sächselns" bis an die Grenze, auf östlicher Seite herrscht völlige Stabilität dieses Merkmals. In Rudolphstein gaben die Sprecher also mit der Zeit die alten zentralisierten Vokale auf. In Sparnberg dagegen blieben diese Vokale bis in die jüngste Generation hinein erhalten.

Im selben Grenzsaum war auch ein Abbau sogenannter steigender Zwielaute festzustellen.[8] So wurde der Zwielaut ej für das lange i wie in Wejs (Wiese) oder gejßn (gießen) an die politische Grenze zurückgedrängt, doch diesmal auf östlicher Seite. Die jungen Ostdeutschen haben dieses offensichtlich "stigmatisierte" Dialektmerkmal vollkommen abgelegt. Dagegen realisiert noch ein Drittel der jungen Westdeutschen den markanten steigenden Zwielaut. Im weiter westlich gelegenen Abschnitt des Untersuchungsgebiets, vertreten vom Ortspaar Almerswind-Weißenbrunn, bleibt im Osten die dialektale Realisierung von sogenannten fallenden Zwielauten statt gedehnter bzw. langer Vokale bis in die junge Altersgruppe hinein auf hohem Niveau erhalten.[9] So heißt es dort Vüegel für "Vögel" und bües für "böse". Bei den Jungen im Ort auf westlicher Seite brechen die Werte aber ein. Nicht einmal mehr die Hälfte von ihnen spricht diese mundartlichen Zwielaute.

Ein ähnliches Bild ergibt sich in diesem Teilraum beim Merkmal des endungslosen Infinitivs nach Modalverben.[10] Der Osten hält bis in die junge Generation hinein an der dialektalen endungslosen Grundform fest: däff laaf (darf laufen), will kaaf (will kaufen), muss schäl (muss schälen), koo gemach (kann machen). Doch nur noch knapp zwei Drittel der Jungen im Westen bewahren diese Eigenart.

Es gibt also sowohl Erhaltung alter Merkmale im Westen (z.B. bei Wejs oder gejßn), wo der Osten neuert, als auch Erhaltung alter Merkmale im Osten (z.B. bei Vüegel oder bües), wo der Westen neuert. Immer jedoch geht bei diesen Beispielen die alte grenzübergreifende Einheitlichkeit verloren und es entstehen, spätestens bei den Jüngsten, neue sprachliche Binnengrenzen an der ehemaligen politischen Grenze.

Wichtig für die richtige Einschätzung des Wandels ist nun die Unterscheidung, ob sich eine Sprachgrenze dadurch gebildet hat, dass sich die Bevölkerungen beiderseits des "Eisernen Vorhangs" in das jeweilige dialektale Hinterland umorientiert haben, oder ob eine neue Sprachgrenze dadurch entstanden ist, dass auf unterschiedlichen Seiten der politischen Grenze unterschiedliche Grade von "Dialektabbau" stattgefunden haben. Das Untersuchungsmaterial weist beide angesprochenen Arten des Wandels auf:
  • Eine neue Dialektgrenze entsteht an der politischen Grenze durch Umorientierung der Sprecher ins dialektale Hinterland. Beispiel dafür ist die Aufgabe des mitteldeutsch und damit "nach Ostzone"/"nach DDR" klingenden hinteren r zugunsten des Zungenspitzen-r auf westlicher Seite und der umgekehrte Fall der Aufgabe des süddeutsch ("bayerisch") klingenden vorderen r zugunsten des Zäpfchen-r auf östlicher Seite.
  • Eine neue Dialektgrenze entsteht an der politischen Grenze durch unterschiedliche Grade des Dialektabbaus auf beiden Seiten. Beispiel dafür ist der unterschiedlich starke Rückgang der Zwielaute vom Typ Wejs auf östlicher und westlicher Seite.
Bei der Aufgabe der "sächsisch" ausgesprochenen Selbstlaute auf westlicher Seite kann man aber fragen, ob es sich um eine Umorientierung ins Hinterland handelt, dessen Dialekt dieses Merkmal nicht kennt, oder ob der Abbau dieses "Sächselns" in die Richtung der oberdeutschen Umgangs- und der hochdeutschen Standardsprache zielt. Hier ziehen zwei Faktoren an einem Strang, so dass man bei isolierter Betrachtung nicht unterscheiden kann, welcher Faktor der stärkere ist.

Ein weiterer wichtiger Umstand ist, von welchen neuen lokalen Zentren die (umgangs-) sprachlichen bzw. dialektalen Neuerungen ausgestrahlt haben könnten bzw. welche Zentren bewahrenden Einfluss ausübten. Bei einigen Erscheinungen fördert auf westlicher Seite wohl die Mittelstadt Coburg den Dialektabbau bei der Jugend. Städtische Zentren, in denen Sprecher unterschiedlicher Dialekte zusammenkommen, nivellieren sprachliche Unterschiede und strahlen die so entstehende Ausgleichssprache ins ländliche Umland wieder aus. Bei andern Phänomenen machen sich ambivalente Einflüsse geltend: Die Kleinstadt Naila (bei Hof) zum Beispiel scheint konservativ zu sein, die Mittelstadt Hof in unmittelbarer Nähe dagegen neuerungsfreudig und dialektnivellierend wie Coburg. Dies zeigt, dass für die Erklärung jedes Phänomens immer mehrere Parameter heranzuziehen sind und jeweils zu klären ist, ob die ursprünglichen dialektalen Merkmale durch den ländlichen Dialekt des Hinterlands, die städtisch beeinflusste Umgangssprache des Hinterlands, großräumigere regionale Ausprägungen der Hochsprache oder die Hochsprache selbst gestützt werden oder nicht.

Fußnoten

6.
Vgl. u.a. Michael Schnabel, Dialektspaltung im thüringisch-bayerischen Grenzgebiet am Beispiel des Ortspaars Sparnberg/Rudolphstein. Wie eine politische Grenze zur Sprachgrenze wurde, in: Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik, 73 (2006), S. 30 - 54; Frank Reinhold, Schwindendes Zungenspitzen-R als Merkmal der Sprachsituation an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze in Blankenberg/Saale, in: Wolfgang Lösch (Hrsg.), Beiträge zur Dialektforschung in Thüringen, Jena-Erlangen 1997, S. 139 - 143.
7.
Bei den r-Lauten ist zwischen dem hinteren, sog. Zäpfchen-r, das Laien oft mit dem bei seiner Artikulation entstehenden "Gurgelgeräusch" beschreiben, und dem vorderen, sog. Zungenspitzen-r zu unterscheiden, das oft als "gerollt" bezeichnet wird. Pauschal ausgedrückt, ist das Zäpfchen-r eher mitteldeutsch, das Zungenspitzen-r eher süddeutsch.
8.
Diese Aussprachbesonderheit besteht darin, dass statt langer Vokale ansteigende Zwielaute (Diphthonge) artikuliert werden, z.B. ej statt lang i oder ou statt lang u. Diese Aussprachen sind charakteristisch "frankenwäldlerisch", gelten als sehr ländlich und sind entsprechend stigmatisiert.
9.
Es handelt sich hier um Zwielaute aus einer andern historischen Lautklasse, deren zweiter Bestandteil in der Vokalhöhe absinkt. Auch sie sind für ihren Geltungsraum sehr charakteristisch, gelten als ländlich und werden stigmatisiert. Beispiele sind die Aussprachen ië statt lang e, üe statt lang ö oder uë statt lang o.
10.
Hier handelt es sich um die Grundform des Zeitworts ohne die Endung -en. Sie kommt nach sog. "modalen", d.h. bedeutungsschattierenden Zeitwörtern wie können, wollen, dürfen usw. vor.

Joachim Scharloth

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