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16.2.2010 | Von:
Rüdiger Harnisch

Dialektentwicklung am Rande des Eisernen Vorhangs

Laienlinguistische Selbsteinschätzungen

Neben den oben objektiv festgestellten Dialektmerkmalen auf lautlicher oder grammatischer Ebene selbst können auch subjektive laienlinguistische Äußerungen über diese dialektalen Merkmale oder den eigenen Dialektgebrauch Ost-West-Unterschiede widerspiegeln. Die Daten der soziolinguistischen Erhebung sprachlicher Selbsteinschätzungen wurden deshalb daraufhin ausgewertet, ob in den Angaben der Gewährspersonen zur situativen Verwendung des Dialekts und zur eigenen Dialektkenntnis solche Unterschiede erkennbar sind.

Besonderes Augenmerk richtete sich dabei auf die Frage "Wodurch unterscheidet sich Ihr Dialekt vom Dialekt in den Nachbardörfern?" Hier geben die Gewährspersonen oft sprachliche Merkmale als typisch für den Dialekt "der andern" aus, ohne sich bewusst zu sein, dass sie selbst genauso sprechen. Oft haben sie aber auch ein gutes Ohr für dialektale Unterschiede zwischen sich und den Nachbarn, auch wenn ihnen dafür die geeignete Beschreibungssprache fehlt. So meinen sie beispielsweise mit dem Ausdruck "Sächseln" das Sprechen von "zentralisierten Vokalen", mit der Charakterisierung "bayrisch reden" das Sprechen mit dem für sie "südlich" klingenden Zungenspitzen-r.

Typisiert man diese Laienäußerungen, so reichen sie von durchaus zutreffenden Charakterisierungen über pauschale, zum Beispiel nicht nach "früher" und "heute" unterscheidende Aussagen bis zu Urteilen, die völlig losgelöst von sprachlichen Merkmalen einfach nur die politische Gebietsbezeichnung auf die sprachgeographische projizieren. Eine Auswahl an Zitaten kann das belegen:
  • "Meine Oma hat noch mehr das Thüringische drinne." "Wir rollen das r eher." (West-Perspektive; zutreffend)
  • "In Blankenberg reden sie bayrisch, da rollen sie das r." (Ost-Perspektive; für die alte Generation zutreffend)
  • "Die Rudolphsteiner reden bayrisch, die rollen das r." (Ost-Perspektive; nur für die jüngste Generation zutreffend)
  • "Manchmal sagen sie mir, es ist ein bissel bayrisch, weil meine Mutter von Bayern war." (Ost-Perspektive; nicht zutreffend)
In der zuletzt zitierten Äußerung wird die politisch-territoriale Zugehörigkeit einfach der sprachlichen übergestülpt, ohne dass das an dialektalen Merkmalen festgemacht würde. Dieser 1936 geborene Bewohner eines Ost-Orts spricht nämlich "sächsische" Vokale und Zäpfchen-r, weist also in beiderlei Hinsicht alles andere als "bayrische" (will heißen: im angrenzenden politischen Gebilde Bayern gesprochene) Merkmale auf; vielmehr ist er sprachlich ganz "von drüben". Die laienlinguistische Bezeichnung "bayrisch" kann im Untersuchungsraum übrigens ohnehin nicht für das verwendet werden, was die Dialektgeographie unter "bairisch" versteht, denn im untersuchten Saum beiderseits der Grenze wird entweder thüringisch oder ostfränkisch gesprochen, nie aber bairisch. Mit "bayrisch" können die Gewährsleute somit jegliches Merkmal eines Dialekts meinen, der auf politisch bayerischem Boden gesprochen wurde oder wird.

Geht man die Liste von Laienäußerungen aus Sparnberg (Ost) und Rudolphstein (West) durch und differenziert nach Aussagen über sich und über die jeweils andern, fallen einige Asymetrien auf: Die Bewohner des östlichen Ortes sagten über ihre Sprache spontan kaum je etwas aus, sondern bemerkten über ihre Nachbarn im westlichen Ort nur die Auffälligkeit, dass diese "bayrisch reden". Die Bewohner des westlichen Ortes jedoch trafen mit Vorliebe Feststellungen über ihren eigenen Dialekt, indem sie ihn mit dem ihrer Nachbarn im Osten verglichen: "Wir reden nicht richtig bayerisch, aber auch nicht wie die", äußerte eine Gewährsperson. "Die sprechen anders als wir, halt wie drüben", ist ein weiterer Kommentar, der in diese Richtung geht. "Unser Dialekt klingt halt wie drüben, wie aus dem Osten", bemerkte dagegen eine andere befragte Person. Zum Teil wird von Sprechern aus dem westlichen Dorf der "Einschlag" ihres eigenen Dialekts "ins Sächsische" als "nicht unangenehm" empfunden, zum Teil aber auch als Grund dafür genannt, dass man wegen seiner Sprache "gehänselt" wurde.

Die Gewährspersonen aus dem Osten kommentieren also ihre eigenen mitteldeutschen Dialektmerkmale und die ihrer Nachbarorte auf östlicher Seite bezeichnenderweise nicht. Im Osten wird eben in einem großen dialektalen, umgangs- und regionalsprachlichen Hinterland Zäpfchen-r gesprochen und werden Vokale zentralisiert. Über den benachbarten Ort im Westen bemerken die Ostdeutschen nur deren "bayrischen" Charakter. Hier tritt also die Grenze zwischen Bundesländern als mentale Sprachgrenze in Erscheinung - eine politische Grenze, die es, wohlgemerkt, auch schon vor dem Grenzbau der DDR gegeben hat - und nicht die Grenze der vorübergehenden deutschen Zweistaatlichkeit.

Anders verhält es sich bei den Dorfbewohnern aus dem westlichen Ort. Sie fühlen sich, sicher verstärkt durch ihr sprachliches Exotentum im nachkriegszeitlichen Westdeutschland, bemüßigt, auf ihren "sächsischen" Einschlag hinzuweisen und ihn neutral oder negativ zu bewerten. Über die gegenüberliegende östliche Seite äußern sich die Gewährsleute aus dem Westen trotz der auffallenden Dialektähnlichkeit so, dass "die anders sprechen als wir, halt wie drüben". Die Hüben-Drüben-Polarität, zum Teil auch ausgedrückt in Gegensatzformeln wie "bei uns"/"bei euch", findet sich hauptsächlich bei den Gewährspersonen aus dem Westen. Aus westlicher Perspektive scheint also der Spaltungs-Aspekt deutlicher auf als aus östlicher Perspektive.


Joachim Scharloth

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"Unordentliche" Kleidung, lange Haare und offene Verstöße gegen Benimmformen: Die 68er-Bewegung war eine Rebellion gegen die herrschende Ordnung. Auch in der Sprache und Kommunikationsritualen sorgten die 68er für reichlich Unordnung.

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