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16.2.2010 | Von:
Rüdiger Harnisch

Dialektentwicklung am Rande des Eisernen Vorhangs

Fazit

Das Forschungsprojekt hat erstens gezeigt, dass wichtige lautliche und grammatische Merkmale der Dialekte selbst sich in ihrer räumlichen Verbreitung an der neugezogenen hermetischen politischen Grenze ausrichteten. Der "Eiserne Vorhang" hat also die alten Sprachlandschaften in - gerade auch für die Laien selber - auffälligen Kennzeichen verändert und in Bezug auf diese zu einer vorher nicht gegebenen Deckungsgleichheit von politischer und sprachlicher Grenze geführt. Was an relativ offenen Grenzen sich in jahrhundertelangen Prozessen abspielte, geschah hier innerhalb von kaum vier Jahrzehnten. Die Kürze der Dauer der Kontaktbehinderung wurde durch die hermetische Dichte, die das Kontakthindernis erzeugte, ausgeglichen. Es hat sich ferner gezeigt, dass pauschalisierende Aussagen, "der Dialekt" habe sich auf einer der beiden Seiten der Grenze "besser gehalten" als auf der andern, nicht zutreffend sind. Vielmehr war einmal die eine Seite neuerungsaktiv, ein andermal die andere. Immer aber richteten sich die neuen Dialektgrenzen an der jungen politischen Grenze aus.

Zweitens zeigte sich bei der Auswertung der Laienaussagen über ihren Dialekt, dass sich die Grenze auch auf die in diesen Äußerungen zum Vorschein kommenden Attitüden auswirkt. Das Wissen über die politische Grenze bestimmt die Vorstellung von Sprachgrenzen. Nur war dieses Denken schon länger angelegt. Die Auffassungen, in Bayern werde, was immer das sprachliche Merkmal im Einzelnen sein mag, "bayerisch" gesprochen und in Thüringen "thüringisch", haben sich aus der Zeit von vor der deutschen Teilung erhalten, nur wurden sie nachher auch auf das Hüben-Drüben-Muster projiziert.

In einem dritten Bereich richtete sich Sprache an der politischen Grenze aus: beim Sprechen über diese Grenze. Die narrative Darstellung des Niederrisses der Grenzzäune verrät die auf beiden Seiten dieser Grenze entstandenen unterschiedlichen Mentalitätsgeschichten. Neben dem subjektiv gespiegelten Faktischen, was eine geschichtswissenschaftlich betriebene Oral History aus diesen Erzählungen ziehen könnte, kommen im sprachlich abgegebenen Zeugnis auch tieferliegende Bewusstseinsschichten der betroffenen Menschen zum Vorschein. Diese Informationen birgt das im vorgestellten Forschungsprojekt erhobene Material reichhaltig. Die Auswertung dieser Erzählungen unter solchen gesprächsanalytischen Aspekten wurde im vorgestellten Projekt jedoch nicht gefördert. Dies nachzuholen, wäre eine wichtige Aufgabe der germanistischen Sprachforschung für die Zukunft, eine mit hoher gesellschaftspolitischer Bedeutung dazu. Was für den diskursiven Umgang mit der "Sprachmauer" durch Berlin bereits in Angriff genommen wurde,[11] muss für das Reden über den "Sprach-Zaun" durch Deutschland noch geleistet werden.

Fußnoten

11.
Vgl. Norbert Dittmar/Ursula Bredel (Hrsg.), Die Sprachmauer. Die Verarbeitung der Wende und ihrer Folgen in Gesprächen mit Ost- und WestberlinerInnen, Berlin 1999.

Joachim Scharloth

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