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16.2.2010 | Von:
Rüdiger Harnisch

Dialektentwicklung am Rande des Eisernen Vorhangs

Die deutsch-deutsche Grenze hat auch zu unterschiedlichen Dialektentwicklungen geführt. Anhand konkreter sprachlicher Merkmale wird geschildert, wie die hermetische politische Grenze auch zu einer Sprachgrenze wurde.

Einleitung

Mitten durch das deutsche Sprachgebiet wurde nach dem Zweiten Weltkrieg eine politische Grenze gezogen: der "Eiserne Vorhang" zwischen der DDR und der Bundesrepublik Deutschland. Würden sich in den beiden neuen politischen Gebilden nun unterschiedliche deutsche "Sprachen" entwickeln, zumindest unterschiedliche regionale Standardvarietäten des Hochdeutschen? Würden sich unterhalb des Hochdeutschen unterschiedliche Umgangssprachen herausbilden? Würden entlang des Grenzzauns auch neue Dialektgrenzen entstehen, auch wenn vor der Grenzziehung dort gar keine existiert hatten? Der zuletzt gestellten Frage nahm sich das Forschungsprojekt an, aus dem hier berichtet werden soll. Als Untersuchungsgebiet wählten die Projektinitiatoren[1] den bayerisch-thüringischen Grenzsaum aus, der sich ungefähr vom Raum Sonneberg/Coburg über den Raum Saalfeld/Kronach bis in den Raum Schleiz/Hof an der Saale erstreckt. Dieser Abschnitt war dialektgeographisch reich gegliedert und aus der Zeit vor der Grenzziehung gut erforscht.






Die sprachgeographische Situation in diesem Raum, so ging aus den älteren dialektologischen Untersuchungen hervor, war tatsächlich dadurch gekennzeichnet, dass die ursprünglichen Dialektgrenzen mit der neuen deutsch-deutschen Grenze genausowenig deckungsgleich verlaufen waren wie in der Vorkriegszeit mit den Grenzen zwischen den politischen Territorien des föderalen deutschen Staatsgebildes, an denen sich die innerdeutsche Grenzziehung orientiert hatte. Vereinfacht ausgedrückt wurde in Thüringen nicht nur thüringisch gesprochen, sondern zum Teil auch fränkisch; und in den fränkischen Gebieten Bayerns wurde nicht nur fränkisch gesprochen, sondern zum Teil auch thüringisch. Wenn nach der Grenzöffnung an dieser Grenze nun dialektgeographische Unterschiede festzustellen waren, konnten sie nicht von alten Dialektgrenzen herrühren, sondern mussten dort im Lauf der vergangenen Jahrzehnte entstanden sein.

Im Fokus: Zehn Ortspaare und "Little Berlin"

Im Rahmen der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) bewilligten "Erhebungen zur Dialektsituation im thüringisch-bayerischen Grenzgebiet" (hier: "Vorprojekt") hatten bereits von 1991 bis 1994 Sprachforscher[2] 435 Gewährsleute befragt und die Befragungsergebnisse auf 187 Tonbandkassetten zu je 60 Minuten dokumentiert. Wichtig war, dass der Sprachstand kurz nach der Grenzöffnung erfasst wurde, denn man musste handeln, bevor weitere sprachliche Entwicklungen in Gang kamen, die mögliche Effekte der Grenze vielleicht wieder verwischt hätten. Im Jahre 2006 bewilligte die DFG dann ein Anschlussprojekt zur Auswertung der seinerzeit erhobenen Daten.[3] In diesem Rahmen wurde das Tonbandmaterial aus der Zeit kurz nach der Wiedervereinigung daraufhin untersucht, ob die vier Jahrzehnte währende Spaltung von vorher einheitlichen Kommunikationsräumen entlang der politischen Grenze zwischen der DDR und der Bundesrepublik auch zu einer sprachlichen Grenzbildung geführt hatte. Dabei ging es sowohl um grenzbildende sprachliche Merkmale selbst als auch um Selbsteinschätzungen der Gewährspersonen, was die Verwendung und Bewertung ihres Dialekts betrifft.

Das Sprachmaterial wurde in 20 grenznahen Orten sowie in dem ehemals geteilten Dorf Mödlareuth, das deshalb auch "Little Berlin" genannt wurde, erhoben. Die sich an der Grenze jeweils gegenüberliegenden Orte wurden in Paare gruppiert (vgl. Kartein der PDF-Version). In diesen elf Teilräumen gibt es jeweils nicht nur spezifische dialektgeographische Gegebenheiten, sondern auch eigene historische (territoriale, konfessionelle, kulturelle) Besonderheiten. Das Wissen darum, so war zu vermuten, würde die Gewährsleute in ihren Meinungen über die Art, den Wert und die Verwendungsbedingungen ihres Dialekts stark beeinflussen. Dieses Vorwissen geht zum Beispiel in gebietsspezifische stereotype Vorstellungen von Sprachgrenzen ("mentale Sprachlandkarten") ein. Abgefragt wurden in diesen Orten
  • ein Fragebogen, der auf die auffälligen Dialektmerkmale der jeweiligen Ortsmundart zugeschnittenen war (Besonderheiten der Aussprache, der Beugung von Wörtern, des Satzbaus, des Wortschatzes),[4]
  • 24 schriftlich vorgegebene standardsprachliche Sätze, die in die jeweilige Ortsmundart "übersetzt" werden sollten, sowie
  • ein soziolinguistischer Fragebogen zur Selbsteinschätzung der Sprachverwendung und zur subjektiven Dialektbewertung mit Fragen etwa danach, in welchen Situationen bzw. in welchen Altersgruppen Dialekt/Hochdeutsch/Umgangssprache gesprochen werde, wodurch sich der eigene Dialekt von benachbarten unterscheide usw.
Zur Kontrolle dieser gezielt erfragten Daten ist dann noch angeregt worden, in einer freien Erzählung zu schildern, wie man die Grenzöffnung im November 1989 erlebt hatte. Die Daten aus diesen Quellen wurden dann mit denen einer Erhebung aus dem Jahre 1935[5] sowie denen des "Sprachatlasses von Nordostbayern" aus den 1990er Jahren verglichen. In diesen historischen Vergleichsmaterialien waren jeweils die dialektalen Merkmale der ältesten greifbaren Sprecherschicht erfasst, in den Materialien des Vorprojekts die aus vier Altersgruppen. Die Lebensabschnitte, in denen die Gewährsleute sprachlich sozialisiert wurden, und damit der zeitliche Horizont der untersuchten Sprachentwicklungen reichen also von der Kaiserzeit bis in die 1970er Jahre.

Dialektale Merkmale

Als Beispiele für die dialektgeographische Entwicklung im Grenzgebiet werden hier die Aussprache des r-Lauts, die Aussprache bestimmter Vokale (Selbstlaute) und die Form des verbalen Infinitivs (die Grundform des Zeitworts in einer bestimmten Satznachbarschaft) ausgewählt.[6] Was die Lautung des r angeht,[7] war beim Ortspaar Sparnberg-Rudolphstein auf westlicher Seite ein von Generation zu Generation stärker werdender Rückzug des alten Zäpfchen-r bis an die ehemalige Staatsgrenze zu beobachten, während der östliche Ort ganz auf dem alten Stand geblieben ist. In Rudolphstein ersetzten die Sprecher also mit der Zeit das alte Zäpfchen-r durch das neue Zungenspitzen-r. In Sparnberg dagegen blieb das alte Zäpfchen-r bis in die jüngste Generation hinein erhalten.

Eine Zusatzuntersuchung zum Ortspaar Blankenstein-Blankenberg hat ferner den interesssanten Befund erbracht, dass sich diese beiden auf ehemaligem DDR-Gebiet liegenden Orte, die sich vor der Grenzziehung durch Zäpfchen-r in Blankenstein und Zungenspitzen-r in Blankenberg unterschieden hatten, in der Nachkriegszeit anglichen: wie zu erwarten in Form der Zäpfchen-r-Artikulation, war doch Blankenberg nun in seinem Kontakt zum fränkischen Süden beschränkt und drückte das thüringische Hinterland nunmehr gegen die Grenze. Diese in den Ortspaaren Sparnberg-Rudolphstein und Blankenstein-Blankenberg gegenläufigen Prozesse führen beide zu dem Ergebnis, dass sich die r-Laut-Varianten des jeweiligen neuen Hinterlands durchsetzen und die alten Varianten exakt bis an die Grenze zurückdrängen.

Was in Bezug auf Sparnberg-Rudolphstein über die Änderung der r-Laut-Landschaft gesagt wurde, gilt dort auch für die ehemals in beiden Orten geltenden sogenannten zentralisierten Vokale. Mit "Zentralisierung" ist gemeint, dass die Vokale etwas weiter zur Mitte des Mundraums hin artikuliert werden, was der Sprache eine Vokalfärbung verleiht, die gemeinhin als "Sächseln" wahrgenommen wird. Auf westlicher Seite gibt es nach der Grenzziehung einen Rückzug dieses "Sächselns" bis an die Grenze, auf östlicher Seite herrscht völlige Stabilität dieses Merkmals. In Rudolphstein gaben die Sprecher also mit der Zeit die alten zentralisierten Vokale auf. In Sparnberg dagegen blieben diese Vokale bis in die jüngste Generation hinein erhalten.

Im selben Grenzsaum war auch ein Abbau sogenannter steigender Zwielaute festzustellen.[8] So wurde der Zwielaut ej für das lange i wie in Wejs (Wiese) oder gejßn (gießen) an die politische Grenze zurückgedrängt, doch diesmal auf östlicher Seite. Die jungen Ostdeutschen haben dieses offensichtlich "stigmatisierte" Dialektmerkmal vollkommen abgelegt. Dagegen realisiert noch ein Drittel der jungen Westdeutschen den markanten steigenden Zwielaut. Im weiter westlich gelegenen Abschnitt des Untersuchungsgebiets, vertreten vom Ortspaar Almerswind-Weißenbrunn, bleibt im Osten die dialektale Realisierung von sogenannten fallenden Zwielauten statt gedehnter bzw. langer Vokale bis in die junge Altersgruppe hinein auf hohem Niveau erhalten.[9] So heißt es dort Vüegel für "Vögel" und bües für "böse". Bei den Jungen im Ort auf westlicher Seite brechen die Werte aber ein. Nicht einmal mehr die Hälfte von ihnen spricht diese mundartlichen Zwielaute.

Ein ähnliches Bild ergibt sich in diesem Teilraum beim Merkmal des endungslosen Infinitivs nach Modalverben.[10] Der Osten hält bis in die junge Generation hinein an der dialektalen endungslosen Grundform fest: däff laaf (darf laufen), will kaaf (will kaufen), muss schäl (muss schälen), koo gemach (kann machen). Doch nur noch knapp zwei Drittel der Jungen im Westen bewahren diese Eigenart.

Es gibt also sowohl Erhaltung alter Merkmale im Westen (z.B. bei Wejs oder gejßn), wo der Osten neuert, als auch Erhaltung alter Merkmale im Osten (z.B. bei Vüegel oder bües), wo der Westen neuert. Immer jedoch geht bei diesen Beispielen die alte grenzübergreifende Einheitlichkeit verloren und es entstehen, spätestens bei den Jüngsten, neue sprachliche Binnengrenzen an der ehemaligen politischen Grenze.

Wichtig für die richtige Einschätzung des Wandels ist nun die Unterscheidung, ob sich eine Sprachgrenze dadurch gebildet hat, dass sich die Bevölkerungen beiderseits des "Eisernen Vorhangs" in das jeweilige dialektale Hinterland umorientiert haben, oder ob eine neue Sprachgrenze dadurch entstanden ist, dass auf unterschiedlichen Seiten der politischen Grenze unterschiedliche Grade von "Dialektabbau" stattgefunden haben. Das Untersuchungsmaterial weist beide angesprochenen Arten des Wandels auf:
  • Eine neue Dialektgrenze entsteht an der politischen Grenze durch Umorientierung der Sprecher ins dialektale Hinterland. Beispiel dafür ist die Aufgabe des mitteldeutsch und damit "nach Ostzone"/"nach DDR" klingenden hinteren r zugunsten des Zungenspitzen-r auf westlicher Seite und der umgekehrte Fall der Aufgabe des süddeutsch ("bayerisch") klingenden vorderen r zugunsten des Zäpfchen-r auf östlicher Seite.
  • Eine neue Dialektgrenze entsteht an der politischen Grenze durch unterschiedliche Grade des Dialektabbaus auf beiden Seiten. Beispiel dafür ist der unterschiedlich starke Rückgang der Zwielaute vom Typ Wejs auf östlicher und westlicher Seite.
Bei der Aufgabe der "sächsisch" ausgesprochenen Selbstlaute auf westlicher Seite kann man aber fragen, ob es sich um eine Umorientierung ins Hinterland handelt, dessen Dialekt dieses Merkmal nicht kennt, oder ob der Abbau dieses "Sächselns" in die Richtung der oberdeutschen Umgangs- und der hochdeutschen Standardsprache zielt. Hier ziehen zwei Faktoren an einem Strang, so dass man bei isolierter Betrachtung nicht unterscheiden kann, welcher Faktor der stärkere ist.

Ein weiterer wichtiger Umstand ist, von welchen neuen lokalen Zentren die (umgangs-) sprachlichen bzw. dialektalen Neuerungen ausgestrahlt haben könnten bzw. welche Zentren bewahrenden Einfluss ausübten. Bei einigen Erscheinungen fördert auf westlicher Seite wohl die Mittelstadt Coburg den Dialektabbau bei der Jugend. Städtische Zentren, in denen Sprecher unterschiedlicher Dialekte zusammenkommen, nivellieren sprachliche Unterschiede und strahlen die so entstehende Ausgleichssprache ins ländliche Umland wieder aus. Bei andern Phänomenen machen sich ambivalente Einflüsse geltend: Die Kleinstadt Naila (bei Hof) zum Beispiel scheint konservativ zu sein, die Mittelstadt Hof in unmittelbarer Nähe dagegen neuerungsfreudig und dialektnivellierend wie Coburg. Dies zeigt, dass für die Erklärung jedes Phänomens immer mehrere Parameter heranzuziehen sind und jeweils zu klären ist, ob die ursprünglichen dialektalen Merkmale durch den ländlichen Dialekt des Hinterlands, die städtisch beeinflusste Umgangssprache des Hinterlands, großräumigere regionale Ausprägungen der Hochsprache oder die Hochsprache selbst gestützt werden oder nicht.

Laienlinguistische Selbsteinschätzungen

Neben den oben objektiv festgestellten Dialektmerkmalen auf lautlicher oder grammatischer Ebene selbst können auch subjektive laienlinguistische Äußerungen über diese dialektalen Merkmale oder den eigenen Dialektgebrauch Ost-West-Unterschiede widerspiegeln. Die Daten der soziolinguistischen Erhebung sprachlicher Selbsteinschätzungen wurden deshalb daraufhin ausgewertet, ob in den Angaben der Gewährspersonen zur situativen Verwendung des Dialekts und zur eigenen Dialektkenntnis solche Unterschiede erkennbar sind.

Besonderes Augenmerk richtete sich dabei auf die Frage "Wodurch unterscheidet sich Ihr Dialekt vom Dialekt in den Nachbardörfern?" Hier geben die Gewährspersonen oft sprachliche Merkmale als typisch für den Dialekt "der andern" aus, ohne sich bewusst zu sein, dass sie selbst genauso sprechen. Oft haben sie aber auch ein gutes Ohr für dialektale Unterschiede zwischen sich und den Nachbarn, auch wenn ihnen dafür die geeignete Beschreibungssprache fehlt. So meinen sie beispielsweise mit dem Ausdruck "Sächseln" das Sprechen von "zentralisierten Vokalen", mit der Charakterisierung "bayrisch reden" das Sprechen mit dem für sie "südlich" klingenden Zungenspitzen-r.

Typisiert man diese Laienäußerungen, so reichen sie von durchaus zutreffenden Charakterisierungen über pauschale, zum Beispiel nicht nach "früher" und "heute" unterscheidende Aussagen bis zu Urteilen, die völlig losgelöst von sprachlichen Merkmalen einfach nur die politische Gebietsbezeichnung auf die sprachgeographische projizieren. Eine Auswahl an Zitaten kann das belegen:
  • "Meine Oma hat noch mehr das Thüringische drinne." "Wir rollen das r eher." (West-Perspektive; zutreffend)
  • "In Blankenberg reden sie bayrisch, da rollen sie das r." (Ost-Perspektive; für die alte Generation zutreffend)
  • "Die Rudolphsteiner reden bayrisch, die rollen das r." (Ost-Perspektive; nur für die jüngste Generation zutreffend)
  • "Manchmal sagen sie mir, es ist ein bissel bayrisch, weil meine Mutter von Bayern war." (Ost-Perspektive; nicht zutreffend)
In der zuletzt zitierten Äußerung wird die politisch-territoriale Zugehörigkeit einfach der sprachlichen übergestülpt, ohne dass das an dialektalen Merkmalen festgemacht würde. Dieser 1936 geborene Bewohner eines Ost-Orts spricht nämlich "sächsische" Vokale und Zäpfchen-r, weist also in beiderlei Hinsicht alles andere als "bayrische" (will heißen: im angrenzenden politischen Gebilde Bayern gesprochene) Merkmale auf; vielmehr ist er sprachlich ganz "von drüben". Die laienlinguistische Bezeichnung "bayrisch" kann im Untersuchungsraum übrigens ohnehin nicht für das verwendet werden, was die Dialektgeographie unter "bairisch" versteht, denn im untersuchten Saum beiderseits der Grenze wird entweder thüringisch oder ostfränkisch gesprochen, nie aber bairisch. Mit "bayrisch" können die Gewährsleute somit jegliches Merkmal eines Dialekts meinen, der auf politisch bayerischem Boden gesprochen wurde oder wird.

Geht man die Liste von Laienäußerungen aus Sparnberg (Ost) und Rudolphstein (West) durch und differenziert nach Aussagen über sich und über die jeweils andern, fallen einige Asymetrien auf: Die Bewohner des östlichen Ortes sagten über ihre Sprache spontan kaum je etwas aus, sondern bemerkten über ihre Nachbarn im westlichen Ort nur die Auffälligkeit, dass diese "bayrisch reden". Die Bewohner des westlichen Ortes jedoch trafen mit Vorliebe Feststellungen über ihren eigenen Dialekt, indem sie ihn mit dem ihrer Nachbarn im Osten verglichen: "Wir reden nicht richtig bayerisch, aber auch nicht wie die", äußerte eine Gewährsperson. "Die sprechen anders als wir, halt wie drüben", ist ein weiterer Kommentar, der in diese Richtung geht. "Unser Dialekt klingt halt wie drüben, wie aus dem Osten", bemerkte dagegen eine andere befragte Person. Zum Teil wird von Sprechern aus dem westlichen Dorf der "Einschlag" ihres eigenen Dialekts "ins Sächsische" als "nicht unangenehm" empfunden, zum Teil aber auch als Grund dafür genannt, dass man wegen seiner Sprache "gehänselt" wurde.

Die Gewährspersonen aus dem Osten kommentieren also ihre eigenen mitteldeutschen Dialektmerkmale und die ihrer Nachbarorte auf östlicher Seite bezeichnenderweise nicht. Im Osten wird eben in einem großen dialektalen, umgangs- und regionalsprachlichen Hinterland Zäpfchen-r gesprochen und werden Vokale zentralisiert. Über den benachbarten Ort im Westen bemerken die Ostdeutschen nur deren "bayrischen" Charakter. Hier tritt also die Grenze zwischen Bundesländern als mentale Sprachgrenze in Erscheinung - eine politische Grenze, die es, wohlgemerkt, auch schon vor dem Grenzbau der DDR gegeben hat - und nicht die Grenze der vorübergehenden deutschen Zweistaatlichkeit.

Anders verhält es sich bei den Dorfbewohnern aus dem westlichen Ort. Sie fühlen sich, sicher verstärkt durch ihr sprachliches Exotentum im nachkriegszeitlichen Westdeutschland, bemüßigt, auf ihren "sächsischen" Einschlag hinzuweisen und ihn neutral oder negativ zu bewerten. Über die gegenüberliegende östliche Seite äußern sich die Gewährsleute aus dem Westen trotz der auffallenden Dialektähnlichkeit so, dass "die anders sprechen als wir, halt wie drüben". Die Hüben-Drüben-Polarität, zum Teil auch ausgedrückt in Gegensatzformeln wie "bei uns"/"bei euch", findet sich hauptsächlich bei den Gewährspersonen aus dem Westen. Aus westlicher Perspektive scheint also der Spaltungs-Aspekt deutlicher auf als aus östlicher Perspektive.

Fazit

Das Forschungsprojekt hat erstens gezeigt, dass wichtige lautliche und grammatische Merkmale der Dialekte selbst sich in ihrer räumlichen Verbreitung an der neugezogenen hermetischen politischen Grenze ausrichteten. Der "Eiserne Vorhang" hat also die alten Sprachlandschaften in - gerade auch für die Laien selber - auffälligen Kennzeichen verändert und in Bezug auf diese zu einer vorher nicht gegebenen Deckungsgleichheit von politischer und sprachlicher Grenze geführt. Was an relativ offenen Grenzen sich in jahrhundertelangen Prozessen abspielte, geschah hier innerhalb von kaum vier Jahrzehnten. Die Kürze der Dauer der Kontaktbehinderung wurde durch die hermetische Dichte, die das Kontakthindernis erzeugte, ausgeglichen. Es hat sich ferner gezeigt, dass pauschalisierende Aussagen, "der Dialekt" habe sich auf einer der beiden Seiten der Grenze "besser gehalten" als auf der andern, nicht zutreffend sind. Vielmehr war einmal die eine Seite neuerungsaktiv, ein andermal die andere. Immer aber richteten sich die neuen Dialektgrenzen an der jungen politischen Grenze aus.

Zweitens zeigte sich bei der Auswertung der Laienaussagen über ihren Dialekt, dass sich die Grenze auch auf die in diesen Äußerungen zum Vorschein kommenden Attitüden auswirkt. Das Wissen über die politische Grenze bestimmt die Vorstellung von Sprachgrenzen. Nur war dieses Denken schon länger angelegt. Die Auffassungen, in Bayern werde, was immer das sprachliche Merkmal im Einzelnen sein mag, "bayerisch" gesprochen und in Thüringen "thüringisch", haben sich aus der Zeit von vor der deutschen Teilung erhalten, nur wurden sie nachher auch auf das Hüben-Drüben-Muster projiziert.

In einem dritten Bereich richtete sich Sprache an der politischen Grenze aus: beim Sprechen über diese Grenze. Die narrative Darstellung des Niederrisses der Grenzzäune verrät die auf beiden Seiten dieser Grenze entstandenen unterschiedlichen Mentalitätsgeschichten. Neben dem subjektiv gespiegelten Faktischen, was eine geschichtswissenschaftlich betriebene Oral History aus diesen Erzählungen ziehen könnte, kommen im sprachlich abgegebenen Zeugnis auch tieferliegende Bewusstseinsschichten der betroffenen Menschen zum Vorschein. Diese Informationen birgt das im vorgestellten Forschungsprojekt erhobene Material reichhaltig. Die Auswertung dieser Erzählungen unter solchen gesprächsanalytischen Aspekten wurde im vorgestellten Projekt jedoch nicht gefördert. Dies nachzuholen, wäre eine wichtige Aufgabe der germanistischen Sprachforschung für die Zukunft, eine mit hoher gesellschaftspolitischer Bedeutung dazu. Was für den diskursiven Umgang mit der "Sprachmauer" durch Berlin bereits in Angriff genommen wurde,[11] muss für das Reden über den "Sprach-Zaun" durch Deutschland noch geleistet werden.
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Fußnoten

1.
Robert Hinderling (Bayreuth) und der Autor, Wolfgang Lösch und Rainer Petzold (Jena).
2.
Rainer Petzold im geographisch östlichen Abschnitt, Wolfgang Lösch im westlichen.
3.
Das Projekt wird vom Autor geleitet, Mitarbeiter sind Frank Reinhold und Michael Schnabel. Zum Projekt und Vorprojekt vgl. u.a. Rüdiger Harnisch/Frank Reinhold/Michael Schnabel, Neue Dialektgrenzen an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze?, in: Peter Ernst/Franz Patocka (Hrsg.), Dialektgeographie der Zukunft, Stuttgart 2008, S. 203 - 218.
4.
Die Unterschiede in den "Staatswortschätzen" mit ihren amtlichen Begriffen (wie Fahrerlaubnis in der DDR versus Führerschein in der Bundesrepublik) interessierten natürlich unter dem für die Untersuchung maßgeblichen dialektgeographischen Aspekt nicht.
5.
Vgl. Heinz Rosenkranz, Mundart und Siedlung im Gebiet der obern Saale und des nördlichen Frankenwaldes, Jena 1938.
6.
Vgl. u.a. Michael Schnabel, Dialektspaltung im thüringisch-bayerischen Grenzgebiet am Beispiel des Ortspaars Sparnberg/Rudolphstein. Wie eine politische Grenze zur Sprachgrenze wurde, in: Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik, 73 (2006), S. 30 - 54; Frank Reinhold, Schwindendes Zungenspitzen-R als Merkmal der Sprachsituation an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze in Blankenberg/Saale, in: Wolfgang Lösch (Hrsg.), Beiträge zur Dialektforschung in Thüringen, Jena-Erlangen 1997, S. 139 - 143.
7.
Bei den r-Lauten ist zwischen dem hinteren, sog. Zäpfchen-r, das Laien oft mit dem bei seiner Artikulation entstehenden "Gurgelgeräusch" beschreiben, und dem vorderen, sog. Zungenspitzen-r zu unterscheiden, das oft als "gerollt" bezeichnet wird. Pauschal ausgedrückt, ist das Zäpfchen-r eher mitteldeutsch, das Zungenspitzen-r eher süddeutsch.
8.
Diese Aussprachbesonderheit besteht darin, dass statt langer Vokale ansteigende Zwielaute (Diphthonge) artikuliert werden, z.B. ej statt lang i oder ou statt lang u. Diese Aussprachen sind charakteristisch "frankenwäldlerisch", gelten als sehr ländlich und sind entsprechend stigmatisiert.
9.
Es handelt sich hier um Zwielaute aus einer andern historischen Lautklasse, deren zweiter Bestandteil in der Vokalhöhe absinkt. Auch sie sind für ihren Geltungsraum sehr charakteristisch, gelten als ländlich und werden stigmatisiert. Beispiele sind die Aussprachen ië statt lang e, üe statt lang ö oder uë statt lang o.
10.
Hier handelt es sich um die Grundform des Zeitworts ohne die Endung -en. Sie kommt nach sog. "modalen", d.h. bedeutungsschattierenden Zeitwörtern wie können, wollen, dürfen usw. vor.
11.
Vgl. Norbert Dittmar/Ursula Bredel (Hrsg.), Die Sprachmauer. Die Verarbeitung der Wende und ihrer Folgen in Gesprächen mit Ost- und WestberlinerInnen, Berlin 1999.

Joachim Scharloth

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