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16.2.2010 | Von:
Volker Hinnenkamp

Vom Umgang mit Mehrsprachigkeiten

Fazit

Mehrsprachigkeit in Deutschland ist wie ein Flickenteppich mit vielen Löchern. Die Löcher sind dabei die Zonen der Einsprachigkeit. Mehrsprachigkeit ist aber auch ein politischer Affront, persönlich wie institutionell; sie fordert ihre Anerkennung und ihre Normalisierung. Sie kann nicht allein auf ihren Integrations- oder Mobilitätsnutzen reduziert werden, also nicht rein instrumentell definiert werden. Eine solche Sichtweise würde eine einseitige Bringschuld unterstellen und ein reines Nutzenkalkül beinhalten, das die Bedeutung der Mehrsprachigkeit für ihre Akteure übersieht, da es Fragen der Identität als auch sprachökologische Fragen ethnolinguistischer Vitalität ignoriert.

Doch zunächst einmal gilt es, eine nicht-essentialistische Sicht auf Sprache und auf Mehrsprachigkeit bzw. die vielen Arten der Mehrsprachigkeit zu ermöglichen. Der österreichische Linguist und Mehrsprachigkeitsexperte Mario Wandruszka hat bereits vor über dreißig Jahren folgende Erkenntnis formuliert: "Für den Menschen gibt es weder eine vollkommene Beherrschung seiner Sprache noch eine völlig homogene Sprachgemeinschaft. Es gibt nie und nirgends ein perfektes, homogenes Monosystem, immer und überall nur unvollkommene heterogene Polysysteme. Das Verhältnis des Menschen zu seiner Sprache ist nicht das der vollkommenen Einsprachigkeit, sondern im Gegenteil das der unvollkommenen Mehrsprachigkeit und der mehrsprachigen Unvollkommenheit."[33] Es scheint noch ein langer Weg zu sein, bis sich diese Erkenntnis entgegen abstrakten Maximalismen als Grundlage von sprachpolitischen Erwägungen durchsetzen kann.

Eingangs habe ich aus dem Grundgesetz zitiert: "Niemand darf wegen (...) seiner Sprache (...) benachteiligt oder bevorzugt werden." Wenn wir nun auf den "Streitfall" Zweisprachigkeit schauen, können wir mit Blick auf die nunmehr kritische und differenzierte Sichtweise von Mehrsprachigkeiten - hier würde ich gerne den Plural benutzen - wohl kaum Deutsch als einzigen anerkennungswürdigen Dreh- und Angelpunkt für die Förderung von Integration und Mobilität innerhalb der bundesrepublikanischen Gesellschaft betrachten. Auch wenn dies vielleicht im Sinne der deutschsprachigen Mehrheitsbevölkerung, der Bildungsinstitutionen und eines Großteils des Arbeitsmarktes wäre, so entspräche es weder einem grundgesetzlich festgeschriebenen politischen Ethos noch der Anerkennung von Rechten jenseits eines vordergründigen Nutzenkalküls.

Zudem bleibt ein Aspekt bislang völlig unterbewertet: Potenziale von Mehrsprachigkeit sind bislang immer nur in einem direkten Abbildungsverhältnis zu seinen unmittelbaren Verwendungszwecken betrachtet worden, aber so wie es nach Erkenntnissen der Neurobiologie einen Zusammenhang zwischen dem Erklettern von Bäumen und dem Verstehen von mathematischen Aufgaben gibt, so könnten auch polylinguale Kompetenzen ganz andere Potenziale beinhalten. Anerkennung von vielsprachigen Realitäten, wie immer unvollkommen, kann den Weg für neue, bislang ungedachte Zusammenhänge eröffnen.

Fußnoten

33.
Mario Wandruszka, Die Mehrsprachigkeit des Menschen, München 1979, S. 313 (Hervorhebungen: VH).

Joachim Scharloth

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